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Grüne Vergangenheit : Pädophiles Waterloo

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Die grünen Mitstreiter von damals beschreiben ihren Spitzenmann alle ähnlich: ein netter alter Herr, ein erfahrener Politiker und ein brillanter Rhetoriker. Je näher die nordrhein-westfälischen Grünen dem einstigen SA-Sturmführer kamen, desto genauer erfuhren sie von seinen Neigungen. „Werner Vogel hatte immer Jüngelchen um sich, er hat Jüngere bevorzugt“, berichtet ein Mettmanner Grüner aus der Zeit, Klaus Gryczan. Immer wieder kamen Ausreißer aus der Nürnberger Indianerkommune zu ihm. „Sie haben dort auch übernachtet“, erinnert sich Gryczan an mehrere konkrete Erlebnisse. Auch auf Parteitagen wurde hinter vorgehaltener Hand über Vogels Neigungen gesprochen. Die Parteifreunde wunderten sich, dass ein so alter Mann wild mit den Indianerkindern herumtanzte. Es machte die Runde, dass Vogel was mit Kindern hätte, berichten Grüne wie Rainer Brack.

Vielen war der Einsatz der grauen Eminenz der Grünen für Asylbewerber und Ausreißerkinder wichtig. „Für mich war das ein Zeichen dafür, dass sich Vogel von seiner braunen Vergangenheit gelöst hat“, sagt der damalige Vorsitzende des grünen Kreisverbandes Mettmann, Joachim Deprez. Bei manchem Grünen der ersten Stunde geht indes eine Vermutung um, die mit den Enthüllungen über die Verstrickung der Grünen in pädophile Netzwerke im Jahr 2013 nur noch stärker geworden ist. Der Mettmanner Grüne Gryczan etwa meint, dass die Nazi-Vergangenheit nur der vorgeschobene Grund dafür war, dass Vogel seine Rede als Alterspräsident nicht halten sollte. „Damals kam viel grüne Bundesprominenz nach Mettmann, um Druck auf Vogel auszuüben“, erinnert er sich. Allen voran habe Bundesgeschäftsführer Beckmann Vogel zum Rückzug gedrängt. In den Gesprächen ging es vordergründig stets um Vogels Mitgliedschaft in der SA – dabei hatte Vogel genau das seinen Parteifreunden lange vorher gestanden. 1981 bei einer Kandidatenaufstellung zählte er die „Grundtorheiten des Jahrhunderts“ auf, die er mitgemacht habe, alles von der Bismarckjugend über den Stahlhelm bis hin zur SA. Die Grünen wählten ihn trotzdem zum Spitzenkandidaten, vor Prominenten wie Antje Vollmer, Otto Schily oder Joseph Beuys. „Erst als in Kreisen der Bundesgrünen die homoerotischen Geschichten aus Mettmann ankamen, haben die die Reißleine gezogen“, sagt Gryczan. Joachim Deprez denkt ähnlich. „Natürlich wäre das eine furchtbare Schlagzeile geworden, wenn ein ,pädophiler Nazi‘ für die Grünen den Bundestag eröffnet hätte.“

Michael Vesper, damals Landesgeschäftsführer und einer der schärfsten Kritiker der Pädophilen-Netzwerke, heute Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, bestätigt: „Das hat damals eine Rolle gespielt, Werner Vogel zum Rückzug zu bewegen. Aber es musste unter der Decke gehalten werden.“ Offen hätte nämlich niemand den pädophilen Verdacht erörtern dürfen – sonst hätte es Krach gegeben, allen voran mit den Indianern und der Presse.

Im Forschungsbericht stand kein Wort

Was findet sich über diese Episode von grünen Opfern und Tätern in dem 300 Seiten langen Bericht „Die Grünen und die Pädosexualität“, den der Politikwissenschaftler Franz Walter herausgebracht hat? Dort heißt der ehemalige grüne Listenführer nicht Werner, sondern Wolf Vogel – eine Verwechslung mit einem anderen Mann, eine Mitarbeiterin Walters nennt es „eine Verwirrung“. Die Forscher hatten indes gute Hinweise. Andrea Müller, die als Kind in Vogels Bett übernachtete, hatte 2013 an Walter geschrieben, „um über ein Erlebnis mit dem damaligen Alterspräsidenten der Grünen, Werner Vogel, zu berichten.“ Das tat sie – in einem kurzen Telefonat. Das geplante Interview mit ihr wurde allerdings nicht geführt. Das Institut wollte auf Anfrage aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Details zu Einzelpersonen mitteilen.

Frustriert über das Desinteresse an ihrer Geschichte, fuhr Müller schließlich zu einer Veranstaltung der Böll-Stiftung in Berlin, bei der es um das „Projekt Aufarbeitung“ der Vergangenheit ging. Sie trug dort ihr Erlebnis mit Werner Vogel vor. „Das ist mir wichtig“, sagt sie zur Begründung, „denn es gehört zur Wahrheit der Grünen.“

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Unser Autor: Oliver Georgi

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