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Missbrauchsfall Lügde : Der multiple Skandal

  • -Aktualisiert am

Ort des Schreckens: Der Campingplatz Eichwald. Bild: dpa

Im Missbrauchsfall Lügde sind die Urteile gefällt. Nicht geklärt wurde, warum so viele Behörden versagten. NRW-Innenminister Reul lobt das Urteil als „Warnung an alle Täter“.

          Anke Grudda ist eine erfahrene, empathische Juristin. Und gerade deshalb fällt es der Vorsitzenden Richterin am Landgericht Detmold am Donnerstagmorgen schwer, die Dimension dieses Verbrechens in adäquate Begriffe für ihre Urteilsbegründung zu fassen. Andreas V. und Mario S. haben auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde-Elbrinxen über Jahre hinweg Dutzende Kinder hundertfach missbraucht. Dafür bekommen sie Freiheitsstrafen von dreizehn und zwölf Jahren, angeordnet wird zudem jeweils anschließende Sicherungsverwahrung. Die Kammer begründet das damit, dass Gutachter den beiden eine tief verwurzelte Neigung für Kindesmissbrauch attestierten, sie als manipulativ, narzisstisch und antisozial beschrieben, und auch damit, dass die Angeklagten in der Hauptverhandlung völlig gleichgültig gegenüber ihren Opfern geblieben seien. Dass die beiden Männer nicht zur Höchststrafe von 15 Jahren verurteilt wurden, habe vornehmlich damit zu tun, dass sie es ihren Opfern durch Geständnisse erspart haben, vor Gericht noch einmal detailliert über ihr Martyrium zu berichten. Es ist ein Urteil, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglässt. Was bleibt, ist das Entsetzen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Das Geschehene in Worte zu fassen sei kaum möglich, sagt Richterin Grudda, die das Verfahren aus Gründen des Jugend- und Opferschutzes seit Ende Juni weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit führte. Worte wie „abscheulich, monströs, widerwärtig“ reichten nicht aus. Auch nach zehn Verhandlungstagen bleibe Fassungslosigkeit – wegen der Vielzahl und Schwere der Taten, der Länge des Tatzeitraums von 15 und 20 Jahren und weil Kinder, die Hinweise gaben, lange nicht gehört worden seien.

          Missbrauch und Vergewaltigung in beinahe 300 Fällen

          Der Fall Lügde, einer der größten Fälle von Kindesmissbrauch der jüngeren Vergangenheit, ist ein multipler Skandal, der mit dem Ende des Strafverfahrens nur teilweise aufgeklärt ist. Obwohl Jugendämter und Polizei schon früh alarmierende Erkenntnisse hatten, konnten die beiden Pädokriminellen V. und S. mehrere Kindheiten lang ungestört schalten, walten, manipulieren und einschüchtern. Andreas V. lebte seit Jahren als Dauercamper in Lügde. Einer geregelten Arbeit ging der auf dem Campingplatz „Addi“ genannte 56 Jahre alte Mann schon lange nicht mehr nach, sondern lebte von Transferleistungen und diente sich Anwohnern und Campinggästen als vermeintlich kinderlieber Freizeitanimateur an. Es war eine perfide Methode, um immer neue Opfer zu finden. In seinen Holzverschlägen und seinem Wohnwagen hat V. seit Ende der neunziger Jahre Dutzende Kinder missbraucht und vergewaltigt; das Gericht verurteilt ihn am Donnerstag wegen beinahe 300 Fällen – bei mehr als 200 handelte es sich um Vergewaltigungen. Der aus Höxter stammende Mario S. kam einige Jahre später nach Lügde, wo er am anderen Ende des Campingplatzes eine Parzelle bezog. Dem 34 Jahre alten Gelegenheitsarbeiter kann das Gericht 48 Vergewaltigungen nachweisen, hinzu kommen hundert Fälle von sexuellem Missbrauch. Das Gericht verurteilt Andreas V. und Mario S. am Donnerstag für Taten an insgesamt 32 Jungen und Mädchen im Alter zwischen vier und 14 Jahren. Doch sei die Zahl der Opfer vermutlich weit höher, sagt die Richterin.

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