https://www.faz.net/-gpf-9s9jh

Kein Anlass zur Entwarnung : Behörden zählen weniger islamistische Gefährder

  • Aktualisiert am

Beschlagnahmte Gegenstände liegen während einer Pressekonferenz der Polizei im Februar 2017 in Göttingen neben einer IS-Flagge. Bild: dpa

688 Islamisten werden von den Sicherheitsbehörden als besonders gefährlich eingestuft. Vor einem halben Jahr waren es noch 60 mehr. Angesichts der Situation in Nordsyrien könnte sich der Trend aber schnell umkehren.

          2 Min.

          Die Polizei stuft inzwischen deutlich weniger Islamisten als „Gefährder“ ein als noch vor einem halben Jahr. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervorgeht, hatten die Polizeibehörden am 25. September bundesweit 688 sogenannte Gefährder auf dem Schirm. Im März hatten sie noch 748 Menschen so eingestuft. Als Gefährder bezeichnet man im Bereich der politisch motivierten Kriminalität Menschen, denen man schwere Gewalttaten bis hin zu Terroranschlägen zutraut.

          Aus Sicht der Behörden gibt der Trend noch keinen Anlass für Entwarnung. Aus Sicherheitskreisen hieß es, „gerade wegen der aktuellen Entwicklung in Nordsyrien“ wäre es jetzt voreilig, die Zahl der Beamten zu reduzieren, die sich mit dem radikalen Islamismus beschäftigen.

          Zu den 688 aktuellen „Gefährdern“ gehören nach Angaben des Innenministeriums 108 Menschen, zu denen „Erkenntnisse über eine Rückkehr aus dem syrisch-irakischen Konfliktgebiet“ vorliegen. Wie viele der aus Deutschland stammenden IS-Kämpfer die türkische Militäroffensive in den vergangenen Tagen zur Flucht aus Haftanstalten und Lagern in Nordsyrien genutzt haben, ist unbekannt. Die Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) und ihre Angehörigen waren zuletzt in Lagern festgehalten worden, die von kurdischen Gruppen kontrolliert wurden.

          Ein weiteres potentielles Risiko: Bei einigen „Gefährdern“, die in Deutschland verurteilt wurden, steht in absehbarer Zeit eine Haftentlassung an. Von den 774 Menschen, die am 24. Juli vergangenen Jahres im Bereich des islamistischen Terrorismus als „Gefährder“ eingestuft waren, hielten sich 450 in Deutschland auf. 170 „Gefährder“ saßen damals in deutschen Gefängnissen eine Haftstrafe ab.

          Die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Es wäre gefährlich, wenn sich die Bundesregierung von den stark sinkenden Gefährderzahlen im Bereich des Islamismus blenden ließe.“ Wenn deutsche IS-Kämpfer aus den Lagern nun „ungeordnet nach Europa und Deutschland zurückkehren, ist das eine bedrohliche Situation“, fügte sie hinzu. Die Bundesregierung müsse erklären, wie sie mit diesen Risiken umgehen wolle. „Statt alle Hebel in Bewegung zu setzen, die mutmaßlichen Kämpfer kontrolliert der Strafverfolgung in Deutschland zuzuführen, hat die Bundesregierung darauf gesetzt, dass sich die Probleme von selbst erledigen.“

          Die syrischen Kurden hatten Deutschland und andere europäische Staaten mehrfach aufgefordert, ihre Staatsangehörigen zurückzuholen, die sich in Syrien dem IS angeschlossen haben. Nach Regierungsangaben waren Ende September 111 aus Deutschland ausgereiste Islamisten in Syrien in Haft. Die Bundesregierung hat bisher nur die Rückreise einiger Kinder organisiert. Aus dem Auswärtigen Amt hieß es dazu im Sommer, die Bundesregierung prüfe mögliche Optionen, um deutschen Staatsangehörigen, insbesondere Kindern, in humanitären Fällen Unterstützung zu einer Rückkehr nach Deutschland zu leisten. Hierbei erfolgt immer eine Prüfung des jeweiligen Einzelfalls. Das Bundesinnenministerium erklärte, zuerst müsse die Identität jedes Einzelnen zweifelsfrei geklärt werden.

          Zu den standardisierten Bewertungskriterien der Polizei bei der Risikoeinschätzung zu einzelnen Islamisten gehören unter anderem „Umgang mit Waffen und Waffenaffinität“, „krisenhafte, soziale und psychische Auffälligkeiten“ und „Ausreiseaktivitäten in Kriegs- und Krisengebiete“. Im Jahr 2018 waren 52 „Gefährder“ aus Deutschland abgeschoben worden.

          Neben den „Gefährdern“ schaut die Polizei auch auf „relevante Personen“. Zu diesem Personenkreis zählt, wer in der Szene als „Führungsperson“, als „Akteur“ oder als Logistiker und Unterstützer agiert. Außerdem müssen „objektive Hinweise vorliegen, die die Prognose zulassen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung“ verüben werden. Auch Kontakt- oder Begleitpersonen eines „Gefährders“ oder eines Verdächtigen gehören zu dieser Gruppe. Als „relevante Personen“ führte die Polizei im September 501 Menschen. Im vergangenen März hatten die Sicherheitsbehörden 485 Menschen zu dieser Gruppe gezählt.

          Weitere Themen

          Nun geht es darum, die Verantwortung wahrzunehmen Video-Seite öffnen

          Bundesparteitag der Grünen : Nun geht es darum, die Verantwortung wahrzunehmen

          Die Parteispitze um Annalena Baerbock und Robert Habeck wurde mit jeweils über 90 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Nun soll auf dem Erfolg der letzten zwei Jahre aufgebaut werden. F.A.Z. Politikredakteurin Dr. Helene Bubrowski berichtet vom zweiten Tag des Bundesparteitages aus Bielefeld.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.