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Kontakt-Nachverfolgung : Behörden beklagen Überlastung

Viele Gesundheitsämter sind überfordert von der großen Zahl von Corona-Infektionen, die sie nachverfolgen müssen. Bild: ZB

Viele Gesundheitsämter scheitern an der Nachverfolgung von Corona-Infektionen. Tausende Mitarbeiter werden gebraucht. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach plädiert für einen anderen Weg.

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          Die Gesundheitsämter in Deutschland berichten von einer zunehmenden Überlastung. Viele sind überfordert von der großen Zahl von Corona-Infektionen, die sie nachverfolgen müssen. Das ergab eine Umfrage der F.A.S. bei den Gesundheitsministerien der Bundesländer. So hat in Baden-Württemberg aktuell ein Drittel aller Gesundheitsämter seine Überlastung angezeigt. Damit wird dem Dienstherrn gemeldet, dass die Arbeitslast nicht mehr in vollem Umfang bewältigt werden kann. Mehr als die Hälfte der Gesundheitsämter im Südwesten hat zudem Hilfe durch die Bundeswehr beantragt. Auch in Nordrhein-Westfalen, wo derzeit 2200 Mitarbeiter mit der Kontaktnachverfolgung beschäftigt sind, sieht die Landesregierung Handlungsbedarf: Tausend zusätzliche Mitarbeiter werden gebraucht. Das Kabinett hat diese Woche entschieden, 25 Millionen Euro zu investieren, um neue Leute – befristet für zunächst sechs Monate – einzustellen. „Der Trend zeigt uns, dass wir von einer weiterhin hohen Inzidenz ausgehen müssen“, sagte ein Sprecher.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Philip Eppelsheim

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Thüringen werden sechs von 22 Gesundheitsämtern von der Bundeswehr unterstützt, über ein weiteres Hilfegesuch wird noch entschieden. In Rheinland-Pfalz nehmen aktuell „nahezu alle Gesundheitsämter“ Hilfe durch andere Landesbedienstete in Anspruch, weil sie es allein nicht mehr schaffen. In Berlin kann die Hälfte der zwölf Gesundheitsämter Fälle nur noch verzögert bearbeiten, die andere Hälfte gar „stark verzögert“. Sachsen-Anhalt meldet „Probleme in mehreren Gesundheitsämtern“. Ähnliches bestätigten die Verantwortlichen für besonders betroffene Landkreise und Städte der F.A.S. Der Ordnungsdezernent der Stadt Solingen, Jan Welzel, sagte: „Wir arbeiten im Gesundheitsamt am Limit und müssen ständig Personal nachsteuern. Viel mehr darf da nicht kommen.“

          Der Leiter des Gesundheitsamtes im Kreis Düren in Nordrhein-Westfalen, Norbert Schnitzler, sagte, derzeit könne man die Kontaktpersonen von Infizierten zwar noch nachverfolgen. Aber ohne die massive Unterstützung aus „allen Bereichen der Kreisverwaltung“ wäre das „schon jetzt nicht mehr möglich“. Der Gesundheitsdezernent von Frankfurt, Stefan Majer, lobte die Einschränkungen, die auf der Ministerpräsidentenkonferenz getroffen worden sind. „Unsere lokal differenzierten Maßnahmen allein hätten gegen die Wucht eines exponentiellen Anstiegs keine Chance.“

          Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sprach sich gegenüber der F.A.S. dafür aus, sich nach dem japanischen Modell auf Häufungen von Fällen zu konzentrieren und die Verfolgung von Einzelfällen quasi aufzugeben. „Die Einzelfallnachverfolgung ist ineffizient, geschieht nicht mehr rechtzeitig, und in 75 Prozent der Fälle können wir die Quellen sowieso nicht identifizieren. Einzelkontakte, die gewarnt werden, werden in der Regel zu spät gewarnt“, so Lauterbach. Die Umstellung auf das japanische Modell „würde die Gesundheitsämter massiv entlasten“. Die gegenwärtige Situation bezeichnete Lauterbach als „sehr brisant“.

          Hoffnung auf Eigeninitiative

          Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, sagte der F.A.S., dass „die Mithilfe der Bevölkerung bei der Kontaktnachverfolgung sehr wichtig und wünschenswert“ sei: „Möglich wäre das beispielsweise durch das Führen eines Kontakttagebuchs.“ Auch das könne die Gesundheitsämter deutlich entlasten und „helfen, Superspreading-Events zu identifizieren“. Dittmar sagte weiter: „Ein auch nur teilweiser Verzicht auf die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter wäre aus meiner Sicht absolut falsch.“ Letztlich helfe gegen die Ausbreitung des Virus nur die Quarantäne von Menschen, die sich infiziert haben könnten. Ähnlich äußerte sich der Kölner Gesundheitsdezernent, Harald Rau. Man hoffe „auf mehr Eigeninitiative“ der Bürger bei der Quarantäne. Wichtig sei allerdings der „Rechtscharakter einer von der Behörde ausgesprochenen Verfügung“.

          Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, lehnte eine Abkehr von der Kontaktnachverfolgung ab. Um Corona wieder einzudämmen, bleibe sie „ganz zentral. Würden wir darauf jetzt verzichten, würden wir ein Stück weit vor dem Virus kapitulieren. Einen solchen Strategiewechsel kann ich nicht befürworten.“ Auch die Behörden in Solingen und Düren sind gegen eine Abkehr von der Nachverfolgung der Infektionen. 

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