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Befreiung von Auschwitz : Aus der Hölle zurück ins Leben

Den bodenlosen Abgrund der Hölle erlebt: Überlebende am Dienstag in Auschwitz Bild: AP

300 Überlebende sind gekommen, um vor der Welt Zeugnis abzulegen. Bei dem Gedenken an die Befreiung von Auschwitz stehen sie und ihre Erinnerungen im Mittelpunkt. Die ehemaligen KZ-Häftlinge berichten vom „bodenlosen Abgrund der Hölle“.

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          „Nie werde ich sie sterben lassen“ – Halina Birenbaum, Jahrgang 1929, ist eine von 300 gewesen an diesem Januartag in Auschwitz. Eine von 300 Überlebenden, die zur siebzigsten Wiederkehr des Tages, an dem dieses Vernichtungslager, der furchtbarste Schauplatz des Holocausts, von der vorrückenden Roten Armee befreit wurde, zum Ort ihrer Leiden zurückgekehrt sind, um vor den Augen der Welt, vor Königen und Präsidenten, Zeugnis abzulegen. 1,1 Millionen Menschen sind an diesem Ort von deutschen Tätern ermordet worden – größtenteils Juden, aber auch Roma, Polen, sowjetische Kriegsgefangene und Angehörige vieler anderer Nationen.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und die Warschauer Jüdin Halina Birenbaum, die nach ihrer Rettung vor siebzig Jahren nach Israel ging, die Dichterin und Schriftstellerin wurde, legt Zeugnis ab: zunächst vom Schicksal derer, denen es nicht wie ihr beschieden war, zu überleben, vom „bodenlosen Abgrund der Hölle“, der damals ihr Leben war, vom deutschen Christbaum, dessen Lichter brannten, während nebenan das „Feuer der Vergasten“ loderte, von ihren verlausten, verschmutzten, entwürdigten Leidensgenossen, von ihren Lieben, die sie verlor und von denen nur das Bild in ihrem Herzen noch existiert, weil nicht ein einziges Foto den Brand überlebte. Dann aber hat sie noch ein weiteres Zeugnis abgelegt, das Zeugnis der Mission, die aus ihrem Leiden gewachsen ist – der Aufgabe, mit wachem Auge die Welt zu beobachten, vor dem Bösen zu warnen, das sie damals sah: „Ich kann wachsam sein“, sagt sie. „Ich kann das Böse erkennen, wenn es sich nebenan regt.“

          Es ist eine eigentümliche Umkehrung des Verhältnisses von Sprechen und Hören gewesen an diesem Jahrestag: Die sonst das Wort ergreifen, Politiker, Staatsoberhäupter, Könige, lauschten schweigend, als Halina Birenbaum sprach und nach ihr noch zwei weitere Überlebende. Die Organisatoren der Feierlichkeiten, das (polnische) Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau und der Internationale Auschwitz-Rat, hatten schon früh beschlossen, an diesem Jahrestag – möglicherweise dem letzten runden Jubiläum, an dem noch eine große Zahl von Überlebenden teilnehmen kann – denjenigen, die damals zum bloßen Gegenstand deutscher Vernichtungspolitik werden sollten, eine Stimme zu geben, die Entwürdigten von damals für alle sichtbar zum handelnden Subjekt zu machen. Das Programm der Veranstaltung sah deshalb außer einer Begrüßungsansprache des Gastgebers, des polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski, keine Politikerreden vor. Den übrigen angereisten Staats- und Regierungschefs war die Rolle des Publikums zugewiesen.

          Die Entscheidung der Organisatoren, den Politikern – unter ihnen Bundespräsident Joachim Gauck und der französische Präsident François Hollande – die Rolle stiller Lauscher im großen Diskurs der Geschichte zuzuweisen, hat aber nicht nur den Vorzug gehabt, die Stimme der Opfer umso hörbarer zu machen. Sie hat auch dazu beigetragen, dass eine ganz bestimmte Stimme an diesem Tag nicht zu hören war – die Stimme des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Bei vergangenen Gelegenheiten, etwa beim 60. Jahrestag der Befreiung im Jahr 2005, hatte er noch gesprochen. Heute, angesichts der russischen Aggression gegen die Ukraine, wäre das Oberhaupt eines Staates, in welchem die Begriffe „Faschismus“ und „Antisemitismus“ als Rechtfertigungsfloskel für einen Angriffskrieg entwertet und banalisiert werden, ein schwieriger Redner gewesen. Die Regieanweisung der Veranstalter, „Könige und Präsidenten schweigen“, hat dazu beigetragen, dieser Peinlichkeit auszuweichen.

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