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Identitätsdebatte der Kirche : Den Sinn des Kreuzes öffentlich machen

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Der Kern der geistlichen Revolution Luthers war der Glaube an den gekreuzigten Gott, der Erlösung von der Selbsterlösung und von der Sünde der Berechnung verheißt, weil er demütig und dankbar macht. Es ist der Glaube an den dreieinigen Gott, der in Christus ganz und gar Mensch wurde, der ein gelungenes, heilendes Leben eröffnet, weil er die Grenzen des Machbaren kennt und Gott gerade an diesen Grenzen alles zutraut.

Luther durchschaute die falsche „theologia gloriae“, die Gott in erster Linie dort erkennen will, wo es schön, gut und stark zugeht. Der christliche Gott aber ist vor allem im Kreuz zu erkennen, seine Schönheit ist die Dornenkrone, seine Güte seine Tränen, seine Stärke sein Todesschrei. Gott selbst wird Opfer der Gewalt. Gott ist „der gekreuzigte Gott“, wie es der große evangelische Theologe Jürgen Moltmann in einem berühmten Buchtitel zugespitzt formuliert hat.

Eine leidenschaftliche Debatte über das Kreuz

Es ist ein bemerkenswertes Zusammentreffen, dass wir ausgerechnet in den Tagen, in denen sich die Heidelberger Disputation zum 500. Male jährt, in der Öffentlichkeit eine leidenschaftliche Debatte über das Kreuz führen. Vom 1. Juni an soll im Eingangsbereich jeder staatlichen Behörde Bayerns ein Kreuz hängen. Das Kreuz sei ein grundlegendes Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Der CSU-Politiker ergänzte: „Das Kreuz ist nicht ein Zeichen einer Religion.“ Dass es angesichts einer solchen einseitigen Okkupation des zentralen christlichen Symbols durch die Politik gerade aus kirchlichen Kreisen Kritik hagelte, ist nicht überraschend. Der Ministerpräsident reagierte: Das Kreuz sei in allererster Linie ein religiöses Symbol, es gehöre aber auch zu den Grundfesten des Staates.

Offensichtlich gibt es Klärungsbedarf im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen religiöser und öffentlicher Bedeutung des Kreuzes. Dass das Kreuz zuallererst eine religiöse Bedeutung hat, darüber scheint jetzt Konsens zu bestehen. Nur indem dies auch wirklich ernst genommen wird, kann es ja überhaupt eine öffentliche Bedeutung geben. Das Kreuz steht für einen Gott, der sich in einem Gekreuzigten zeigt und darin gerade an der Seite der Schwachen und Verletzlichen steht. Es ist genau die religiöse Bedeutung des Kreuzes, die zum kritischen Hinhören nötigt, wenn das Kreuz zum Gegenstand von Politik wird.

Das Kreuz hat man so nur verstanden, wenn es Anlass gibt zur kritischen Selbstreflexion. Diese Einsicht gründet sich nicht nur auf die Wahrnehmung der Sperrigkeit des Kreuzes, wie wir sie in Luthers Heidelberger Disputation finden. Sie gründet sich hierzulande auch auf bittere historische Erfahrung. Es waren vor allem „christliche Nationen“, die in zwei Weltkriegen gegeneinanderstanden. Zig Millionen haben ihr Leben verloren. Und auf dem Boden des „christlichen Abendlandes“ wurden ganze Menschengruppen ausgegrenzt und die Ermordung von sechs Millionen Juden organisiert, weil die Widerstandskräfte gegenüber der ideologischen Instrumentalisierung des Christentums viel zu schwach waren. Spätestens seitdem verbietet sich jeder triumphalistische Gebrauch dieses Wortes.

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