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Becks Rücktritt : Ein Spaziergang in Ferch und seine Folgen

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Manche Details des Rücktritts Becks und seiner Umstände werden noch zu klären sein Bild: ddp

War es ein Putsch gegen Kurt Beck? Was geschah zwischen Samstagabend und Sonntagmorgen in der SPD-Führung? Günter Bannas mit einer Rekonstruktion der entscheidenden Stunden in der jüngsten Parteikrise.

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          Am Donnerstagabend in Bonn hat alles noch wohl und gut ausgesehen. In einem der klassischen Hotels am Rhein sprachen Kurt Beck und Frank-Walter Steinmeier und der - am alten Regierungssitz wohnende - Franz Müntefering miteinander. Steinmeier solle Kanzlerkandidat werden. Müntefering solle wie in einem Team in die Partei- und Wahlkampfarbeit eingebunden werden. Am Sonntag solle Vollzug gemeldet werden - in Werder an der Havel.

          Alles schien gelöst. Der SPD-Vorsitzende hatte den Eindruck, den Prozess gesteuert zu haben. Einige andere Führungsmitglieder der SPD waren eingeweiht, etwa Andrea Nahles. Andere waren es nicht, etwa Peter Struck oder Peer Steinbrück. Zwei Tage später, da war es Samstagabend, war alles anders gewesen. Am Sonntag wurde die neue Entwicklung mit dem Rücktritt Becks vom SPD-Vorsitz vollzogen.

          Manche Details werden noch zu klären sein

          Während die Teilnehmer der großen Runde des Parteipräsidiums, des Geschäftsführenden Fraktionsvorstandes, der SPD-Minister und der von der SPD gestellten Landesregierungschefs im Wellnesshotel warteten, ging Beck mit Steinmeier spazieren - dreißig Fahrradminuten südwärts in Ferch. Nochmals erläuterte Beck dem Außenminister, er werde vom SPD-Vorsitz zurücktreten und Steinmeier solle sein Nachfolger werden. Steinmeier sagte nein. Wohl schon zu diesem Zeitpunkt hatte er mit Müntefering telefoniert, ob dieser bereit sei, nochmals für sein altes Amt zur Verfügung zu stehen.

          Manche Details des Rücktritts Becks und seiner Umstände werden noch zu klären sein - es gehört zu den Gesetzmäßigkeiten des politischen Prozesses, dass Gesagtes auf verschiedene Weisen verstanden, gar interpretiert wird. Absichten und Hintergedanken vermischen sich. Doch vielfach wurde nun versichert, Beck sei schon lange der Auffassung gewesen, Steinmeier solle Kanzlerkandidat werden. Es habe sogar seitens Beck die Absicht gegeben, dies schon am Montag vergangener Woche öffentlich bekanntzumachen, ein Vorhaben, das scheiterte, weil Steinmeier an einem EU-Außenministertreffe teilnahm. Der Termin der Bekanntgabe wurde auf das Treffen am Schwielowsee verschoben.

          Sie mögen erstaunt gewesen sein

          Am späten Nachmittag des Samstag telefonierten Beck und Steinmeier mit den bis dahin nicht Eingeweihten. Struck soll, beispielsweise, gegen halb sieben Uhr angerufen worden sein, Steinmeier werde Kandidat sein. Auch bei Steinbrück soll das der Fall gewesen sein. Beide freilich waren da schon von Mitarbeitern unterrichtet worden, die wiederum in den Genuss gekommen waren, eines der wenigen „Vorausexemplare“ der Zeitschrift „Der Spiegel“ zu bekommen, in dem nicht bloß die Tatsache der Nominierung Steinmeiers, sondern auch die ihrer Unterrichtung am Samstag zu lesen war. Sie mögen erstaunt gewesen sein.

          Doch dergleichen gibt es immer wieder im politischen Betrieb mit seinen hintergründigen und interessengeleiteten Informationen. Freilich: Von Rücktrittsabsichten Becks war in diesen Gesprächen am frühen Abend nicht die Rede. Eher herrschte Erleichterung vor, dass die Personalsache endlich bereinigt sei. Das war noch in den Stunden, in denen in den Radionachrichten und im Fernsehen nicht die Rede von der Nominierung Steinmeiers gewesen war. Die waren noch auf dem Stand Peter Strucks vom Donnerstag, am Sonntag werde es keine Entscheidung geben.

          Manche Wissenden freilich hatten sich schon in der vergangenen Woche gewundert, weil in Berichten und Analysen unterstellt wurde, in der Sache des Kanzlerkandidaten sei Beck selbst noch nicht entschieden, ja er müsse getrieben werden, endlich zu verstehen, dass er keine Chance habe, Kanzlerkandidat zu werden. Steinmeier müsse endlich seine Bedingungen nennen, war berichtet worden. Berichte wurden exegetisch untersucht, ob neue Konflikte entstehen könnten. Das verstärkte die - überaus vorübergehende - Erleichterung am Samstag.

          Bis weit nach Mitternacht wurde telefoniert

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