https://www.faz.net/-gpf-10aqp

Becks Rücktritt : Ein Abstieg in Etappen

  • -Aktualisiert am

Und tschüss: Beck ist weg Bild: REUTERS

Vom Zugriff auf die Kanzlerkandidatur hat sich Kurt Beck seit diesem Frühjahr immer weiter entfernt – Steinmeier galt vielen längst als der bessere Kandidat, auch wenn er lange zögerte. Zwischen Beck und Müntefering war das Klima schon seit 2005 vergiftet.

          6 Min.

          Daheim in Bonn hat Franz Müntefering den Sonntag morgen in Ruhe zu verleben versucht. Zur Sitzung der engeren SPD-Führung in Werder bei Berlin war er mangels passenden Amtes nicht geladen. Müntefering ist nicht Minister, nicht Ministerpräsident, nicht Präsidiumsmitglied und gehört auch nicht dem Fraktionsvorstand an. Ein Papier „Zukunft ist gestaltbar – Verantwortung für Deutschland“ sollte veröffentlicht werden. Das war bis Freitag der Plan. Außenminister Steinmeier werde zum Kanzlerkandidaten gekürt. Das war den Mitgliedern der engeren SPD-Führung am frühen Samstagabend mitgeteilt worden. Am Sonntagmittag gab es Anrufe vom Schwielowsee nach Bonn: Beck trete zurück. Müntefering war bereit. „Wer politisch führen will, muss in der Lage sein, die Fahne zu tragen“, hatte Müntefering in der vergangenen Woche gerufen. Wie ein Heilsbringer war er gefeiert worden.

          Jemand wie Müntefering brauche keine Ämter, hatten da noch seine Anhänger verbreitet, was als ein weiterer Stich gegen Beck gewertet wurde. Becks „Herzlich willkommen“ über Münteferings bevorstehende Rückkehr in die aktive Parteiarbeit war nicht so gemeint gewesen. Die abweisende Körpersprache, die diesen Satz begleitete, spiegelte seine wahre Meinung. Führende Sozialdemokraten hatten schon einige Zeit den Eindruck, Beck habe innerlich mit dem Amt des Parteivorsitzenden abgeschlossen. Prognosen vom Mai, für Beck gehe es längst nicht mehr um die Kanzlerkandidatur, sondern er kämpfe nur noch um den Erhalt des Parteivorsitzes, haben sich damit bewahrheitet.

          Steinmeiers Zögern sollte nicht zur Führungsschwäche werden

          Bis weit in die vergangene Woche hinein war versichert worden, am Sonntag gehe es allein um jenes Papier von Beck und Steinmeier, mit dem sie Grundlinien des Wahlkampfprogrammes darlegen, aber auch ihr politisch-persönliches Einvernehmen dokumentieren wollten. Noch am Donnerstag früh versicherte Struck, der Kanzlerkandidat werde nicht an diesem Sonntag benannt. Er sagte das öffentlich, und es heißt, auch nach weiteren Gesprächen Strucks mit anderen führenden SPD-Politikern habe diese Prognose gestimmt - am Abend womöglich noch mehr als am Vormittag.

          Wirft überraschend das Handtuch: Kurt Beck

          Zeitgleich wurde im Lager Steinmeiers die Lage erörtert. Sorgen machten sich dort breit, Steinmeiers Zögern und Zaudern, die Kanzlerkandidatur offen zu fordern, könnten ihm als Führungsschwäche ausgelegt werden und damit Autorität und politisches Gewicht mindern. Er müsse seine Bedingungen stellen - politische und personelle. Zu den personellen müsse das Mitwirken Münteferings im Wahlkampf gehören. Doch schien es zunächst ruhig zu bleiben. Am Sonntag, hatte Struck noch am Donnerstag gemeint, werde nichts Aufregendes geschehen.

          Selbst Spitzengenossen wussten erst seit Samstag Bescheid

          Es kam der Samstag. Bis zum Nachmittag herrschte Ruhe. Dann wurde in einige Büros des politischen Milieus die Zeitschrift „Der Spiegel“ gebracht. Steinmeier wird darin bereits als „der Kandidat“ bezeichnet. In dem Artikel heißt es: „Selbst Spitzengenossen aus dem Parteipräsidium und Fraktionschef Peter Struck wurden erst am Tag vor der geplanten Verkündung im Wellnessressort am Schwielowsee informiert.“ Noch ehe das geschah, war der Text geschrieben worden. Struck wunderte sich; Finanzminister Steinbrück, der stellvertretender SPD-Vorsitzender ist, auch.

          Als die Anrufe von Beck und Steinmeier kamen, waren die anderen Beteiligten zum Teil schon von Mitarbeitern informiert - die wiederum aus den „Medien“. Beschönigende Berichte wurden verbreitet, schon seit Tagen, wenn nicht seit Wochen hätten sich Beck und Steinmeier so verabredet. Sie hätten es für sich behalten, was - kurioserweise - noch am Sonntag als Beweis von Geschlossenheit gewertet wurde. In Wirklichkeit hatte Steinmeier dem Vorsitzenden das Heft des Handelns aus der Hand genommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.