https://www.faz.net/-gpf-870et

Beatrix von Storch : Die Protestunternehmerin

Beatrix von Storch: Stellvertretende Vorsitzende der AfD Bild: Dominik Gierke

Beatrix von Storch ist der Politprofi im rechtskonservativen Lager. Aber sie agiert nicht allein. Mit ihrem Mann hat sie ein Netzwerk aufgebaut. Nun ist sie bei der AfD ganz vorn dabei.

          7 Min.

          Beatrix von Storch trägt ein blaues Jackett mit aufgenähten Ellbogenschonern, dazu eine weiße Bluse mit vielen bunten Streifen. Ihr burschikoses Aussehen passt gut zu der Gegend um die Zionskirchstraße in Berlin-Mitte, in der scheinbar unangepasste Menschen die Cafés, Kneipen und alternativen Läden bevölkern. Hier im Wahlbezirk, in dem Storch wohnt, erreichte die „Alternative für Deutschland“ im vergangenen Jahr bei der Europawahl keine vier Prozent, die Grünen bekamen fast 33. Beatrix von Storch lebt, politisch gesehen, im Feindesland. Und sie erzählt nicht ohne Stolz, dass linke Gruppen, die „Antifa“, Flyer gegen sie in der Nachbarschaft verteilten und vor ihrem Haus Stellung bezogen. Die Polizei riet ihr, ihre Klingelschilder abzumontieren und die Wohnung für einige Stunden zu verlassen. So schlimm war es dann aber nicht, die Demonstranten zogen bald wieder ab.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Schlimm ist eher, was ihrer Partei passierte. Die AfD hat sich kürzlich gespalten, Alfa heißt der neue Ableger um den Parteigründer Bernd Lucke. Für Storch hat die Spaltung allerdings Vorteile gebracht. Sie ist nun stellvertretende Bundesvorsitzende, der nationalkonservative Flügel, zu dem sie gehört, hat nun die ganze Macht. Mit ihren Themen entfachte Storch, im Umgang eher kühl, in der AfD aber zuvor schon Begeisterung. Das ist vor allem ihr Kampf gegen den „Gender-Wahn“. Durch „Gender Mainstreaming“, kritisiert sie, soll das biologische Geschlecht von Mann und Frau durch ein soziales Geschlecht ersetzt werden. Jegliche staatliche Förderung für Gender Studies müsse gestrichen werden, fordert sie. Auch macht sie sich für die traditionelle Familie - Vater, Mutter, Kind - stark. Daraus entspringt ihr Engagement gegen die „Ehe für alle“, also die Homo-Ehe. Denn Ehe ist nach ihrer Auffassung nur das, was die Möglichkeit zur Fortpflanzung bietet. Und für Kinder sei es eben am besten, mit Vater und Mutter aufzuwachsen. Deshalb sollten gleichgeschlechtliche Paare keine Kinder adoptieren.

          Storch wendet sich auch gegen Abtreibungen, die sie im Grundsatz verboten sehen möchte. Beim „Marsch für das Leben“ ist die Protestantin mehrfach in der ersten Reihe mitgegangen. Da bekomme man den Hass der Republik zu spüren, sagt sie. Auch die Frühsexualisierung von Kindern, die in den Schulen betrieben werde, treibt die Politikerin um. Die Kampagne „Machs mit“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die auf Großflächenplakaten für den Gebrauch von Kondomen wirbt, lehnt sie ab. Dadurch würden Jugendliche zum Sex aufgefordert. Sich zu schützen vor ungewollter Schwangerschaft, Geschlechtskrankheiten und Aids sei auch anders möglich. Beatrix von Storch schlägt eine öffentliche Kampagne vor: „Schützt euch, indem ihr enthaltsam seid.“

          Die 44 Jahre alte Politikerin, die mit Mädchennamen Beatrix Herzogin von Oldenburg hieß, hat selbst keine Kinder. In ihrem privaten Umfeld, in dem es viele ehemals adelige Familien gibt, sind allerdings drei, vier, fünf oder mehr Kinder normal. Bei einem Familienfest der von Oldenburgs kommen schnell mal 300 Gäste zusammen. Sie macht sich für die Anliegen auch dieser Familien stark, sozusagen als die kinderlose Kämpferin für die Kinderreichen.

          Sie reist durchs Land, er arbeitet im Hintergrund

          Geheiratet hat Beatrix von Storch vor fünf Jahren. Warum sie ihren Mann, mit dem sie zuvor schon 17 Jahre lang zusammen war, erst so spät ehelichte? Dazu möchte sie nichts sagen. Die Hochzeit war ein lokales Ereignis. Die von Oldenburgs sind, anders als die von Storchs, ganz alter hoher Adel. Aufgewachsen ist sie auf dem Land in Schleswig-Holstein, wenige Häuser gab es in Kisdorf im Kreis Segeberg. Der Vater war Bauingenieur. Die Familie machte Urlaub in Westerland auf Sylt und in Dänemark. Beatrix besuchte das benachbarte Gymnasium, spielte Tennis im lokalen Verein, alles gut bürgerlich. Unpolitisch war das Elternhaus nicht, als „adlige“ Familie war man konservativ. Regelrecht politisiert wurde sie aber erst durch ihre Bekanntschaft mit ihrem heutigen Mann, Sven von Storch. Der studierte Betriebswirtschaft, sie Jura - beide waren Anfang zwanzig und wurden ein politisches Paar. Sie sind es bis heute.

          Mehr noch: Beatrix von Storch ist eigentlich nur denkbar als Teil des Politikunternehmens Storch und Storch. Von der Zionskirchstraße 3 aus übt das Paar erheblichen Einfluss im liberal- und rechtskonservativen Milieu Deutschlands aus. Sie agiert als öffentliche Rednerin, die das Land bereist und im Europaparlament sitzt, er ist der Mann im Hintergrund, der sich um Strategie, Organisation und die vielfältigen Aktivitäten im Internet kümmert. Beatrix von Storch hat ihn schon als die treibende Kraft in ihrem Zweierbund bezeichnet.

          Sven von Storch wuchs als jüngster von vier Brüdern in Chile auf. Der Vater war nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin übergesiedelt, nachdem das Gut der Familie in Mecklenburg in der sowjetischen Besatzungszone enteignet worden war. In der elften Klasse besuchte Sven von Storch eine Schule in Deutschland, nach dem Abitur in Chile kam er dann zum Studium hierher und blieb. Die Wiedervereinigung brachte auch einen seiner drei Brüder nach Deutschland. Der kaufte das alte Familiengut in Alt Karin in Mecklenburg, baute es nach und nach wieder auf. Der Bruder, Vater von vier Kindern, kam beim Absturz seines Helikopters in der Nähe des Gutshauses ums Leben.

          Das Paar wollte Politik machen

          Das erste politische Projekt, das Sven von Storch und seine damalige Freundin Beatrix von Oldenburg aus der Taufe hoben, hatte mit dem Storch’schen Schicksal der Enteignung zu tun. In dem Verein „Göttinger Studenten für den Rechtsstaat“ protestierten sie gegen die Weigerung der Regierung Kohl, den zwischen 1945 und 1949 in der sowjetischen Besatzungszone enteigneten Grundbesitzern ihre Güter wiederzugeben. Sie knüpften damals Kontakte zu liberal-konservativen Publizisten, wie dem ehemaligen F.A.Z.-Redakteur Klaus Peter Krause, der sie über viele Jahre beriet und der heute ebenfalls in der AfD aktiv ist.

          Das Paar wollte es nicht bei dem Einsatz für enteignete Grundbesitzer belassen, sondern Politik machen. Es baute ein Netz von Kontakten auf, zunächst unbemerkt von der Öffentlichkeit. Sie schufen dafür einen Verein, die „Zivile Koalition“. Er ist die Basis für zahlreiche weitere Initiativen und Websites. Als „neue Kraft des bürgerlichen Lagers“ beschrieb Sven von Storch ihn im März 2009. Die „Zivile Koalition“ bezeichnete er als „die größte organisierte, zivilgesellschaftliche und staatlich unabhängige Reformbewegung in Deutschland“. Sie habe 2000 Fördermitglieder, „nur vier Monate nach dem Start“. Sprachrohr des Vereins ist die Internetzeitung Freie Welt, deren Herausgeber Sven von Storch ist. Als Nachrichtenseite aufgemacht, bietet sie konservativen Publizisten Raum für Blogs und Kommentare. Für den intellektuellen Anspruch steht das „Institut für strategische Studien“ (ISSB), dessen Direktor Sven von Storch ist. Mitunter führte die Freie Welt ein Interview mit dem Direktor des ISBB, Sven von Storch. Die „Zivile Koalition“ ist zugleich Trägerverein für allerlei Vereine und Websites: eurocheck.de, abgeordnetencheck.de, Initiative Familienschutz, Entscheidung fürs Leben und andere mehr.

          Das Ehepaar Storch stellt den Vorstand der „Zivilen Koalition“. Mitglieder hat der Verein wenige; wie viele, daran will sich Beatrix von Storch nicht erinnern, zehn oder 15. Genannt hatte sie einmal sieben, das ist die erforderliche Mindestzahl. Das waren neben dem Ehepaar selbst der Vater und die Mutter von Beatrix von Storch, ein Cousin und zwei weitere Bekannte. Vor zwei Jahren war der Verein, der nach Storchs Angaben 14 Mitarbeiter hat, in die Schlagzeilen gekommen, weil knapp 100.000 Euro von einem Konto fehlten. Die sollen aber nicht verlorengegangen, sondern nur in ein Bankschließfach umgezogen sein, weil das Geld auf der Bank wegen der Euro-Krise nicht sicher gewesen sei.

          Von der Kritik am Euro beflügelt

          Sie selbst hat, bevor sie ins Europaparlament gewählt wurde, von Ersparnissen gelebt, wie sie sagt - schließlich habe sie zehn Jahre lang als Rechtsanwältin gearbeitet, bevor sie sich ganz der Politik widmete. Und ihr Mann erhalte als Geschäftsführender Vorstand von der „Zivilen Koalition“ ein Gehalt von 1000 Euro monatlich. Der Verein lebt von Spenden. Beatrix von Storch spricht von 100.000 Unterstützern. Nachprüfen lässt sich das nicht. Um Spenden wird jedenfalls regelmäßig geworben. Alle zwei bis drei Monate, so berichten Unterstützer, erhalten sie per Postbrief eine Erinnerung mit einem Überweisungsträger. Mancher Gesinnungsfreund aus konservativen Kreisen gibt zu, schon mehrfach gespendet zu haben, auch schon einmal 5000 Euro, „damit die Aktion gegen die Euro-Rettungspolitik in Schwung kommt“.

          Die Kampagne war der erste größere Erfolg in der politischen Tätigkeit des Ehepaars. Liberal-konservative Kreise fühlten sich angesprochen von der Kritik am Rettungsschirm ESM. Von Storch erinnert sich an hunderttausend Klicks, die ein Youtube-Video von ihr zu dem Thema binnen weniger Wochen brachte. Sie hatte darin nur den Vertragstext zum ESM wörtlich zitiert. Das Ehepaar erkannte, wie es das Internet und Mailinglisten erfolgreich für seine Ziele einsetzen kann. Über einen großen Adressenverteiler wurden Musterbriefe verschickt mit der Bitte, sie an Abgeordnete zu senden. Mehr als zwei Millionen E-Mails wollen die Storchs auf diese Weise an Abgeordnete gesandt haben, damit sie gegen den ESM und die Rettungspolitik stimmten. Der Schwall an Mails habe an „Körperverletzung“ gegrenzt, sagt ein Abgeordneter. Hunderte elektronische Briefe am Tag verstopften sein Postfach. Noch heute ist es so, dass Abgeordnete im Europaparlament vor bestimmten Abstimmungen bis zu 400 Mails am Tag von „besorgten Bürgern“ erhalten, deren Muster vom Ehepaar Storch verschickt wurden.

          Ein solches Vorgehen nervt die Betroffenen, aber es erzeugt auch Bewunderung. „Sie ist ein Politprofi“, sagt ein Alt-AfDler, der mittlerweile zu Alfa gewechselt ist. „Wenn sie Go sagt, dann laufen bei uns die Postfächer über.“ Das habe außer ihr keiner in der AfD geschafft. Nach den Zahlen, die die Plattform Pluragraph ermittelt hat, gehört Beatrix von Storch zu den 40 deutschen Politikern mit den meisten „Likes“ im Internet. In der „Hitparade“ des Europaparlaments hat sie es unter die drei aktivsten deutschen Abgeordneten geschafft. Sie hat dafür vor allem nach Abstimmungen Erklärungen abgegeben, meist sind sie nur eine Minute lang. Doch werden sie als Reden gezählt. So kommt Storch auf mehr als 170 Reden. Das bringt einen Politiker im Ranking der Abgeordneten weit nach oben, auch wenn seine inhaltliche Arbeit nicht besonders ertragreich ist.

          Unter den aktivsten deutschen Abgeordneten im Europarlament

          Als die AfD gegründet wurde, wollte Beatrix von Storch gleich dabei sein - so schnell, dass Alexander Gauland, der damals in Berlin für die Neuaufnahmen zuständig war, ihr den Beitritt zunächst verweigerte, weil die Satzung eine Sofortaufnahme ohne Prüfung nicht vorsah. Die Ungeduld ist verständlich. Die AfD war wie gemacht für das Ehepaar von Storch, denn die neue Partei vertrat das, was die beiden Aktivisten schon seit Jahren verfechten: gegen den Euro, weniger EU, weniger Staat, Förderung der traditionellen Familie. Befürchtungen, Storch werde das Thema der Enteignungen in der sowjetischen Besatzungszone in die AfD tragen, erfüllten sich nicht. Storch weiß, wann sich ein Thema überlebt hat.

          Der Verein „Bürgerkonvent“, in dem sie mit der CDU-Politikerin Vera Lengsfeld und konservativen Publizisten vor allem gegen die Rettungspolitik zu Felde gezogen war, hat sich dieser Tage aufgelöst. Zu den Mitgliederversammlungen war außer dem Vorstand - Storch, Lengsfeld und Karl Peter Krause - kaum noch jemand gekommen. Das Ehepaar Storch ficht das nicht an. Es hat schon längst wieder eine neue Website gegen die Griechenland-Rettung eingerichtet.

          In der neuen AfD wird Storch mehr denn je ihre politischen Vorstellungen einbringen können. Sie ist nämlich nicht nur stellvertretende Vorsitzende, auf dem Essener Parteitag mit 86 Prozent gewählt, sondern auch eine von zwei Beauftragten, die für die Erstellung des Programms zuständig ist. Damit kann sie beeinflussen, welche Themen besonderes Gewicht bekommen: natürlich ihre eigenen. Sollte die AfD scheitern, dann wird Beatrix von Storch politisch weitermachen. Manche in der AfD, die sie mögen, sagen, sie habe Sendungsbewusstsein. Andere nennen sie fanatisch. Sicher ist: Beatrix von Storch ist energisch und fleißig, unheimlich engagiert. Sie ist eine Protestunternehmerin. Sie lebt vom Dagegensein. Das Ausmaß des Protests ist ihr Gewinn. Und auf den schaut sie genau.

          Weitere Themen

          Morales hofft auf vierte Amtszeit Video-Seite öffnen

          Bolivien : Morales hofft auf vierte Amtszeit

          Am Rande einer Wahlkampfkundgebung mit dem linksgerichteten Präsidenten Evo Morales gab es auch Proteste und gewaltsame Auseinandersetzungen.

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.
          Das Unterhaus voller Schimpansen: Ein Unbekannter erstand das Gemälde für 9,44 Millionen Euro

          Banksy und der Kunstmarkt : Inkognito in aller Munde

          Anfang Oktober wurde ein Gemälde Banksys für eine Rekordsumme versteigert. Doch wie verdient der anonyme Streetart-Künstler sein Geld? Und wie kommt seine Kunst auf den Markt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.