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Beatrix von Storch : Die Protestunternehmerin

Die Kampagne war der erste größere Erfolg in der politischen Tätigkeit des Ehepaars. Liberal-konservative Kreise fühlten sich angesprochen von der Kritik am Rettungsschirm ESM. Von Storch erinnert sich an hunderttausend Klicks, die ein Youtube-Video von ihr zu dem Thema binnen weniger Wochen brachte. Sie hatte darin nur den Vertragstext zum ESM wörtlich zitiert. Das Ehepaar erkannte, wie es das Internet und Mailinglisten erfolgreich für seine Ziele einsetzen kann. Über einen großen Adressenverteiler wurden Musterbriefe verschickt mit der Bitte, sie an Abgeordnete zu senden. Mehr als zwei Millionen E-Mails wollen die Storchs auf diese Weise an Abgeordnete gesandt haben, damit sie gegen den ESM und die Rettungspolitik stimmten. Der Schwall an Mails habe an „Körperverletzung“ gegrenzt, sagt ein Abgeordneter. Hunderte elektronische Briefe am Tag verstopften sein Postfach. Noch heute ist es so, dass Abgeordnete im Europaparlament vor bestimmten Abstimmungen bis zu 400 Mails am Tag von „besorgten Bürgern“ erhalten, deren Muster vom Ehepaar Storch verschickt wurden.

Ein solches Vorgehen nervt die Betroffenen, aber es erzeugt auch Bewunderung. „Sie ist ein Politprofi“, sagt ein Alt-AfDler, der mittlerweile zu Alfa gewechselt ist. „Wenn sie Go sagt, dann laufen bei uns die Postfächer über.“ Das habe außer ihr keiner in der AfD geschafft. Nach den Zahlen, die die Plattform Pluragraph ermittelt hat, gehört Beatrix von Storch zu den 40 deutschen Politikern mit den meisten „Likes“ im Internet. In der „Hitparade“ des Europaparlaments hat sie es unter die drei aktivsten deutschen Abgeordneten geschafft. Sie hat dafür vor allem nach Abstimmungen Erklärungen abgegeben, meist sind sie nur eine Minute lang. Doch werden sie als Reden gezählt. So kommt Storch auf mehr als 170 Reden. Das bringt einen Politiker im Ranking der Abgeordneten weit nach oben, auch wenn seine inhaltliche Arbeit nicht besonders ertragreich ist.

Unter den aktivsten deutschen Abgeordneten im Europarlament

Als die AfD gegründet wurde, wollte Beatrix von Storch gleich dabei sein - so schnell, dass Alexander Gauland, der damals in Berlin für die Neuaufnahmen zuständig war, ihr den Beitritt zunächst verweigerte, weil die Satzung eine Sofortaufnahme ohne Prüfung nicht vorsah. Die Ungeduld ist verständlich. Die AfD war wie gemacht für das Ehepaar von Storch, denn die neue Partei vertrat das, was die beiden Aktivisten schon seit Jahren verfechten: gegen den Euro, weniger EU, weniger Staat, Förderung der traditionellen Familie. Befürchtungen, Storch werde das Thema der Enteignungen in der sowjetischen Besatzungszone in die AfD tragen, erfüllten sich nicht. Storch weiß, wann sich ein Thema überlebt hat.

Der Verein „Bürgerkonvent“, in dem sie mit der CDU-Politikerin Vera Lengsfeld und konservativen Publizisten vor allem gegen die Rettungspolitik zu Felde gezogen war, hat sich dieser Tage aufgelöst. Zu den Mitgliederversammlungen war außer dem Vorstand - Storch, Lengsfeld und Karl Peter Krause - kaum noch jemand gekommen. Das Ehepaar Storch ficht das nicht an. Es hat schon längst wieder eine neue Website gegen die Griechenland-Rettung eingerichtet.

In der neuen AfD wird Storch mehr denn je ihre politischen Vorstellungen einbringen können. Sie ist nämlich nicht nur stellvertretende Vorsitzende, auf dem Essener Parteitag mit 86 Prozent gewählt, sondern auch eine von zwei Beauftragten, die für die Erstellung des Programms zuständig ist. Damit kann sie beeinflussen, welche Themen besonderes Gewicht bekommen: natürlich ihre eigenen. Sollte die AfD scheitern, dann wird Beatrix von Storch politisch weitermachen. Manche in der AfD, die sie mögen, sagen, sie habe Sendungsbewusstsein. Andere nennen sie fanatisch. Sicher ist: Beatrix von Storch ist energisch und fleißig, unheimlich engagiert. Sie ist eine Protestunternehmerin. Sie lebt vom Dagegensein. Das Ausmaß des Protests ist ihr Gewinn. Und auf den schaut sie genau.

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