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Vor dem AfD-Parteitag : Angst vor dem Exodus

Wohin steuert die AfD? Bild: dpa

Dass die AfD sich seit Wochen mit Islamkritik und Asylbewerbern beschäftigt, gefällt vielen Mitgliedern nicht. Sie sind Eurokritiker und wollen es wieder sein. Beatrix Klingel ist eine von ihnen - und hat die Partei verlassen.

          5 Min.

          Vielleicht wird man eines Tages sagen, der Niedergang der AfD habe begonnen, als Beatrix Klingel ihre Tischdecke mit dem Blümchenmuster aus dem Schrank holte. Für Monate war der Wohnzimmertisch der Klingels in Kirchheim an der Weinstraße die Kommandozentrale der stellvertretenden AfD-Landesvorsitzenden in Rheinland-Pfalz. Er glich einer Landschaft aus Papier, mit Bergen von Mitgliedsanträgen, Strategiepapieren und Pressemitteilungen.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jeden Tag stand Klingel um fünf Uhr morgens auf und begann in ihrem Wohnzimmer, Iban-Kontodaten von Neumitgliedern in den Computer zu tippen oder E-Mails von Querulanten zu beantworten. Über Monate gehörte Klingels Tisch der AfD, bis zum vergangenen Wochenende. Da erklärte sie nicht nur ihren Rücktritt, sondern trat auch aus der AfD aus, und zwar mit dem bemerkenswerten Satz: „Ich kann nicht der Steigbügelhalter eines deutschen Front National sein.“

          Klingel nahm die Papierstapel unter den Arm, räumte alles in den Keller und holte die Blümchentischdecke aus dem Schrank. Seitdem hat Familie Klingel wieder einen Tisch, an dem sie essen kann, und die AfD hat eine Funktionärin weniger. Man könnte das für eine Petitesse halten, nicht wegen der Tischdecke, sondern weil die AfD auch ohne eine Beatrix Klingel überleben kann. Das Problem für die AfD ist nicht, wer Klingel ist, sondern für was sie steht: die alte AfD.

          Klingel ist eine Eurokritikerin wie aus dem Bilderbuch. Auf die Wirren der europäischen Finanzkrise reagiert sie mit deutscher Mittelstandslogik: Sie haut die Faust auf den Tisch. „Wenn südliche Länder wie Italien ihre Währung nicht abwerten können, kommen die nicht auf die Füße!“ Zwei Stunden kann Klingel über die Europäische Zentralbank, die Währungsunion und die Austeritätspolitik der Kanzlerin schimpfen. Sie ist Fleisch vom Fleische der Partei, schon in dem Vorgängerverein „Wahlalternative 2013“ war sie Mitglied.

          Bernd Lucke ist einer der Helden von Beatrix Klingel.

          Ihre Helden heißen Bernd Lucke oder Hans-Werner Sinn, der Ökonom. Sie liebt die Sachlichkeit der beiden, schwärmt von der Substanz ihrer Debattenbeiträge. „Ich möchte reife Persönlichkeiten sehen, Vertreter der Vernunftfraktion, die ausdifferenzierte Analysen von sich geben und nicht rumpolemisieren“, sagt sie. „Wir haben solche Leute in der AfD! Bei uns gibt es Hunderte solcher Sinns! Wo sind diese Leute? Warum sagen die nichts?“

          Klingel arbeitet als Unternehmensberaterin für interkulturelle Kommunikation. Ständig reist sie in Länder wie Jordanien, Kuweit, Saudi-Arabien und den Nordirak. Als 2005 in Amman ein Selbstmordattentäter das Hotel Grand Hyatt zerstörte, hatte Klingel gerade ausgecheckt und war im Taxi auf dem Weg zum Flughafen. Den August verbrachte sie in Israel in Bunkern und hörte das dumpfe Donnern der israelischen Luftabwehr, die Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen zerstörten.

          Zwei Tage veränderten das Leben von Beatrix Klingel

          Klingel ist nicht der hysterische Typ. Sie hasst Smalltalk. Sie will Ergebnisse sehen. Sie sagt: „Leistung ist Arbeit pro Zeiteinheit.“ Sie bewundert Kopfmenschen wie Lucke, weil der „auf Parteitagen zwölf Stunden auf der vorderen Stuhlkante sitzt. Der braucht keine Kekse oder Kaffee, der macht einmal 20 Minuten Pause, isst ein Fruchtspießchen, und dann geht’s weiter“, sagt Klingel. In Israel nahm sie sich einen Kaffee mit in den Bunker und schrieb dort ihre E-Mails. „Ganz einfach.“

          Zwei Tage im Leben von Klingel machen deutlich, wie sehr sich die AfD verändert hat. Der eine ist der 10. Mai 2011. An diesem Tag wird ein Zitat des damaligen luxemburgischen Premierministers und heutigen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker bekannt, bei dem Klingel ihre Fassung verliert. Juncker soll, hieß es in Medienberichten, vor Ostern 2011 in der bayerischen Landesvertretung in Berlin gesagt haben: „Wenn es ernst wird, muss man lügen.“ Das soll Junckers lapidarer Kommentar gewesen sein auf die Frage, warum er ein Krisentreffen mit der griechischen Regierung verheimlicht hatte. Klingel sitzt auf dem Sofa und sieht die Meldung im Fernsehen. Da wird ihr klar: Sie will etwas tun. Auf ihre Art. Klare Kante. „Nicht im Marshmallow-Stil“, wie sie sagt. Ein Jahr später, 2012, wird die „Wahlalternative 2013“ gegründet. Klingel ist sofort dabei.

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