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NSU-Prozess : „Ich habe die Verzweiflung spüren können“

Beate Zschäpe vor dem OLG München Bild: EPA

In ihrem Schlusswort versucht Beate Zschäpe nochmals, viele Punkte der Ankläger zu parieren. Sie spricht von ihrer Betroffenheit angesichts der Morde – die hätten jedoch Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos begangen.

          „Ich habe mich nicht gestellt, um nichts zu sagen.“ – Diesen Satz, den Beate Zschäpe am 8. November 2011 vor der Polizei sagte, als sie sich nach tagelanger Flucht stellte, wiederholte sie am Dienstag, als sie vom Gericht aufgefordert wurde, nun ihre „letzten Worte“ vor dem Urteil zu sprechen. Hoffnungen darauf, dass Zschäpe nun kurz vor dem Urteil, das für den 11. Juli vorgesehen ist, doch noch etwas zu den Hintergründen der Taten des NSU aussagen würde, zerstoben jedoch mit ihren Ausführungen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Ich hatte und ich habe keinerlei Kenntnisse darüber, warum gerade diese Menschen an gerade diesen Orten von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ausgewählt wurden“, führte Zschäpe aus. Sie würde es sagen, wenn sie es wüsste, da es nun für sie „keinen Grund mehr gibt, irgendetwas zu verschweigen“.

          Zschäpe: Entschuldigung war ernst gemeint

          Klar und deutlich verlas Beate Zschäpe mit heller Stimme ihre „letzten Worte“, in denen sie nochmals ihr Bedauern für die Angehörigen der Opfer zum Ausdruck brachte. Das ganze Ausmaß der „schrecklichen Taten von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt“ sei ihr während des Prozesses richtig klar geworden: „Ich sah die traumatisierten Bankangestellten, die Tatfotos, erfuhr die grausamen Einzelheiten.“ Jedes Wort ihrer Entschuldigung in ihrer Erklärung vom Dezember 2015 „war und ist absolut ernst gemeint“. Sie wolle „Verantwortung für die Dinge übernehmen“, die sie selbst verschuldet habe. „Ich bedauere, dass die Angehörigen der Mordopfer einen geliebten Menschen verloren haben. Sie haben mein aufrichtiges Mitgefühl.“

          Zschäpe wandte sich in ihren Worten explizit an die Angehörigen und erwähnte die Mutter von Halit Yozgat, dem letzten Opfer des NSU. Ayse Yozgat hatte Zschäpe im Gerichtssaal gefragt, ob sie nachts ruhig schlafen könne. Zschäpe sagte nun, sie sei durchaus „ein mitfühlender Mensch“, auch wenn ihr das der Generalbundesanwalt, die Nebenkläger und die Medien abgesprochen hätten. „Ich habe sehr wohl den Schmerz, die Verzweiflung und die Wut der Angehörigen sehen und spüren können.“ Aber seit „frühester Jugend“ schon habe sie gelernt, eigene Gefühle zu unterdrücken: Das habe auch ihr Prozessverhalten „negativ“ beeinflusst.

          Seitenhieb gegen angestammte Verteidiger

          Beate Zschäpe versuchte also auch in ihren letzten Worten nochmals, viele Punkte der Ankläger zu parieren. So war vor allem der Hinweis auf „die Taten von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos“ zu verstehen. Zudem hatte der Generalbundesanwalt Zschäpe durchweg als sehr selbstbewusst, gefühlskalt und strategisch planend beschrieben.

          Zschäpe führte hingegen aus, das Sprechen „frei vor großer Runde“  falle ihr schwer, das passe also so gar nicht zu dem „vielzitierten und völlig falsch interpretierten“ Selbstbewusstsein, das ihr unterstellt werde. Sie habe sich damals für die Form einer Erklärung entschieden, da ihr ja sowieso „jedes Wort falsch und für mich nachteilig“ ausgelegt werde.

          Sie habe da auch schon längst nicht mehr die „körperliche und seelische Stärke“ gehabt, sich mit Fragen des Senats unmittelbar auseinanderzusetzen. Das sei zu Beginn des Prozesses jedoch „noch möglich“ gewesen. Das konnte als ein mehr als deutlicher Seitenhieb auf ihre angestammten Verteidiger Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Stum verstanden werden. Mit diesen hatte sich Zschäpe schon vor drei Jahren überworfen. Es hieß, die Verteidiger hätten Zschäpe davon abbringen wollen, die Strategie zu ändern und ihr Schweigen zu brechen.

          Die Mitangeklagten fassen sich kurz

          Inzwischen, so resümierte Zschäpe am Dienstag, habe sie mit der rechten Szene abgeschlossen, „rechtes Gedankengut“ habe nun keine Bedeutung mehr für sie. „Meine damalige Unfähigkeit, die Dinge aufzuhalten, und meine Schwäche, mich von Uwe Böhnhardt zu trennen, bereue ich zutiefst.“ Sie sei ein Mensch, der „gravierende Fehler“ gemacht habe. Sie habe diese Fehler in einem jahrelang dauernden Lernprozess eingesehen, der schon vor dem 4. November 2011 begonnen habe, jenem Tag, an dem sich Böhnhardt und Mundlos in einem Wohnmobil selbst töteten. Doch sie könne „den Hinterbliebenen ihre Angehörigen nicht zurückgeben“. Zum Abschluss bat Zschäpe das Gericht, das Urteil über sie unbelastet von politischem Druck zu fällen. Das Gericht möge sie nicht „stellvertretend für etwas, was ich weder gewollt noch getan habe“, verurteilen.

          Im Gegensatz zu Beate Zschäpe fielen die Worte der übrigen Angeklagten sehr kurz aus. André E. verzichtete ganz auf ein Schlusswort. Ralf Wohlleben verwies nur förmlich auf seine Erklärung vom Dezember 2016 und die Plädoyers seiner Verteidigung. Der Angeklagte Holger G. entschuldigte sich dafür, dass er nicht in der Lage gewesen sei, „Nein“ zu sagen.

          Carsten. S. indes wandte sich nochmals, sichtlich gerührt, an die Angehörigen: Er war der einzige Angeklagte, dessen Angaben einige Nebenkläger als glaubhaft angesehen und seine Entschuldigung auch angenommen hatten. S. hatte sich zudem mit Angehörigen des ermordeten Theodoros Boulgarides getroffen. Für dieses Treffen sei er „sehr dankbar“, sagte S. „Die Worte der Angehörigen, das ist mir sehr wichtig.“ Er sei als junger Mensch in die falsche Richtung gelaufen. Er habe einen Fehler gemacht, der ihn wieder „eingeholt“ habe. „Ich habe versucht, das wieder auszubügeln. Aber der Fehler bleibt. Die Schuld lässt sich nicht abtragen.“

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