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Beamtete Lehrer : Gescheitert, aber unkündbar

  • -Aktualisiert am

Viele Lehrer sind überfordert - entlassen werden können sie aber nicht Bild: Thomas Fuchs

In jedem Beruf gibt es Leute, die versagen. Man kann sie versetzen oder entlassen. Es sei denn, sie sind beamtete Lehrer. Dann machen sie Generationen von Schülern platt.

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          Die Warnung kam direkt aus dem Kollegium. „Karen, du willst doch Französisch im Leistungskurs nehmen“, sagte ein Lehrer zur Elftklässlerin. „Überleg dir das lieber noch mal, der Habermehl kriegt den Kurs, und der kann’s nicht. Die jetzigen Kollegiaten belegen alle Zusatzkurse an der Volkshochschule!“ Karen vermied den LK Französisch, aber sie ärgert sich noch heute darüber. „In Französisch war ich sehr gut. Das hat mich einige Punkte im Abitur gekostet.“

          Die Geschichte, die sich in einer bayerischen Kleinstadt zugetragen hat, ist schon ein paar Jahre her. Aber das Problem ist geblieben: Was tun, wenn ein Lehrer gescheitert ist? Wenn er Kinder nicht mag oder den Auftritt vor der Klasse fürchtet? Unter Bildungspolitikern spricht man über „failing schools“. Doch wer spricht über „failing teachers“? Das deutsche Personalrecht der Lehrer ist blind für Versager, selbst wenn grobe pädagogische Fehlleistungen im Spiel sind. Gemeint sind nicht Ausrutscher, menschliche Schwächen oder Marotten, sondern dauerhaftes Versagen. Es geht um Lehrer, die notorisch unfähig sind. Lehrer, wie sie jeder kennt.

          „Ich habe in meinen 40 Jahren Schuldienst keinen einzigen Fall erlebt, in dem ein Lehrer wegen dienstlicher Schlechtleistung entlassen worden wäre“, sagt Wolfgang Harnischfeger. Er hat 2006 den Verband der Schulleiter in der Berliner Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gegründet, und er ist unzufrieden. „Es gibt Lehrer, die ruinieren Lebenskarrieren von Schülern, aber die kriegen sie nicht weg, die bleiben trotzdem in diesem Beruf“, berichtet Harnischfeger, der viele Jahre das angesehene Beethovengymnasium leitete. Seit kurzem ist er im Ruhestand – und kann Klartext reden.

          „Es gilt das Sankt-Florians-Prinzip“

          Einmal hatte der Rektor einen Lehrer, in dessen Klasse das absolute Chaos herrschte. Die Kollegen aus den Nachbarklassen beschwerten sich. Der Rektor bestellte den Lehrer ein. Doch der setzte sich sehr gelassen ins Leitungszimmer: „Ich bin nicht zuständig für die Unterrichtsfähigkeit der Klasse“, sagte der Pädagoge kühl. Schulleiter Harnischfeger gab ihm die drei M als Ratschlag: Motivieren, Mahnen, Muntermachen. Aber in der Klasse änderte sich nichts.

          Harnischfeger begann zu sammeln. Fehlzeiten, Beschwerden von Schülern und Eltern, alles wurde notiert. Dann kam es zum Showdown im Büro. Der Schulleiter legte dem Lehrer 14 schriftliche Beschwerden auf den Tisch. Er sagte: „Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir beide haben jetzt für sehr lange eine schlechte Zeit. Oder Sie unterschreiben den Versetzungsantrag, der vor Ihnen auf dem Tisch liegt.“

          „Wie viel Bedenkzeit habe ich?“, fragte der Lehrer zurück.

          „Keine“, antwortete sein Schulleiter.

          „Das ist Erpressung“, murrte der Lehrer – und unterschrieb.

          Der frühere Gymnasialdirektor Harnischfeger erzählt diese Geschichte nicht mit Stolz. „Man fühlt sich ganz schlecht, weil man Dinge tun muss, die dem Mobbing sehr nahekommen“, sagt er. „Es gilt das Sankt-Florians-Prinzip, man muss als Schulleiter versuchen, den Kollegen von der eigenen Schule zu entfernen, dann wird er an die Nachbarschule versetzt, was das Problem natürlich nur verlagert.“

          Viele angehende Lehrer sind für den Job nicht geeignet

          Was wie ein Kuriosum aus der Berliner Schuldiaspora klingt, ist in Wahrheit ein flächendeckendes Problem. Studien zeigen, dass es die schwächsten Abiturienten sind, die ins Lehrerstudium gehen. Den Film „Fack ju Göhte“, der ein Panoptikum von scheiternden Lehrern zeigt, haben bereits sieben Millionen Menschen gesehen. Failing teachers als deutscher Kassenschlager. „Es müsste ein beamtenrechtliches Instrument geben, um defizitäre Kollegen auf verträgliche Art aus dem Schuldienst entlassen zu können“, sagt der bayerische Schulleiter Frank Kubitza. Er leitet ein Lehrerseminar, ist seit langem Leiter des Jack-Steinberger-Gymnasiums in Bad Kissingen und alles andere als ein Lehrerfeind. Er findet aber, dass eine Trennung für problematische Lehrer selbst ein wichtiger Schritt sein kann. „Das Unterrichten fällt ihnen so schwer, dass es sie physisch und psychisch belastet“, sagt er. „Sie werden davon krank und scheiden oft erst nach längerer Zeit aus.“

          Scheiternde Lehrer als Kassenschlager: Der FIlm „Fack ju Göthe“

          Das Thema „scheiternde Lehrer“ ist wissenschaftlich untersucht. Uwe Schaarschmidt dokumentierte vor zehn Jahren in seiner Lehrer-Belastungstudie: Von 100 Lehrern sind nur 17 glücklich, weil sie Lehrer sind. 23 Prozent flüchten sich in Selbstverwirklichung zu Hause – sprich, sie sind nur ohne Schule glücklich. Der Rest der Lehrer lebt, wie Schaarschmidt bei einer Untersuchung mit 20.000 Pädagogen zeigte, in einer „gesundheitspsychologisch bedenklichen Konstellation“. Diese 60 Prozent sind Risikotypen, weil sie, je zur Hälfte, „überengagiert, aber überfordert“ sind oder ganz resigniert haben.

          Der Frankfurter Schulforscher Udo Rauin fand über die am weitesten verbreitete Lehrerkrankheit, Burn-out, heraus: „Die über besondere Belastung Klagenden haben vermutlich nie ,gebrannt‘.“ Er hatte baden-württembergische Studenten über ihren künftigen Beruf befragt. Die Hälfte der angehenden Lehrer schätzte sich selbst als ungeeignet ein.

          „Manche Lehrer haben ihren Beruf schlicht aus Verlegenheit gewählt. Viele zieht es ins Lehramt, weil sie mit ihren Noten woanders kaum landen“, sagt Norbert Seibert, Schulforscher aus Passau. Um früh die Spreu vom Weizen zu trennen, hat er für die Universität Passau einen Test entwickelt. Das Ergebnis: Zwanzig Prozent der Studienanfänger sind für den Job nicht geeignet, „und wir sagen das denen auch“. Die meisten nähmen den Tipp sofort an. Andere erleiden den sogenannten Praxisschock dann während der Schulpraktika – sie ertragen die Wirklichkeit im Klassenzimmer nicht.

          „Ein untragbarer Zustand“

          Das nämlich ist die Nagelprobe für Lehrer: ob sie vor der Klasse bestehen können. „Das Wichtigste am Lehrerberuf ist, Schüler begeistern zu können. Das motiviert und verbessert den guten Lehrer – aber frustriert den, dem das nicht glückt“, berichtet Oliver Hesselmann, pädagogischer Leiter der Organisation Teach First Deutschland. „Merkt ein Lehrer, dass er seine Klasse nicht erreicht, und er bekommt in diesem Moment keine Hilfestellung, dann setzt sich ein Abwärtsstrudel in Gang.“ Mit verheerenden Folgen für Lehrer und Schüler. Müssten die Lehrer dann nicht entlassen werden können? Die Talfahrt, sagt Hesselmann, sei nicht zu stoppen, indem man Lehrern den Laufpass gebe und sie an die nächste Schule schicke. „Sie brauchen eine enge Begleitung in dieser Phase, sie brauchen ein Team, in dem sie sich austauschen können.“ Der Lehrer als Opfer seiner selbst, von den Schülern ist erst gar nicht die Rede.

          Ohnehin hat Hesselmann eher untypische Lehrer vor Augen. Seine Organisation Teach First versammelt nur die besten Universitätsabsolventen verschiedener Fachrichtungen, um sie als Fellows in die Schulen zu schicken. Von 800 Bewerbern wählt Teach First gerade mal acht Prozent aus – das sind quasi finnische Verhältnisse, wo nur die Crème de la Crème in die Klassenzimmer darf. Auch andere Berater und Rektoren setzen wie Hesselmann darauf, kollegiale Beratung oder professionelle Aufsicht für kriselnde Lehrer einzusetzen. Aber sie alle fordern zugleich ein scharfes Schwert: die Möglichkeit, sich von einem gescheiterten Pädagogen zu trennen.

          Jens Großpietsch ist Leiter einer Reformschule in Berlin, die sich von der gescheiterten Hauptschule zu einer gefeierten Gemeinschaftsschule entwickelte („Das Wunder von Moabit“). Er hält das herrschende Recht für würdelos – und zwar für beide Seiten. „Wenn man als Schulleiter einen pädagogisch unfähigen Lehrer versetzen will, muss man ihn praktisch mobben“, sagt er. „Du musst ihn so lange mit unbedeutenden Aufgaben beschäftigen, bis er es nicht mehr aushält. Das ist ein untragbarer Zustand, denn im Mittelpunkt der Schule sollten die Schüler stehen – und nicht Grabenkämpfe mit dem unkündbaren Personal.“

          Müssen Lehrer Beamte sein?

          Die Crux des Lehrerberufs steckt im speziellen Personalrecht: Lehrer sind in den meisten Fällen Beamte, und der Beamtenstatus hat es in sich. „Das deutsche Beamtenrecht kennt keinen Trottelparagraphen. Wir haben kein Instrument für ,failing teacher‘ – außer es gibt ein gesundheitliches oder disziplinarisches Problem“, sagt Hans-Peter Füssel, der an der Berliner Humboldt-Uni einen Lehrstuhl für Steuerungsprobleme in modernen Bildungssystemen innehat. Dass es im Beamtenrecht keine Handhabe gibt, um Lehrer zu entlassen, besorgt ihn: „Das können wir uns nicht leisten bei einem so wichtigen Feld wie Schule.“ Ein einfaches „Hire and Fire“ hält der Professor für Bildungsreform allerdings auch für falsch. „Wir müssen nicht nur die Institution vor Lehrpersonen schützen, die mit ihrem Beruf nicht zurechtkommen, ich möchte auch den Menschen schützen.“ Deswegen fordert er ein geordnetes „Hinaus- und wieder Hineinbegleiten in eine andere Verwendung“. Das bedeutet: Laufbahnwechsel in einen anderen Beamtenberuf.

          Bilderstrecke

          Was Füssel als Crux des Beamtenrechts beschreibt, hat für die pädagogische Praxis der Schule weitreichende Konsequenzen. „Andere Tätigkeiten als Unterrichten gibt es für Lehrer nicht“, sagt Ex-Schulleiter Harnischfeger. Man könne mal einen Lehrer zur Beaufsichtigung der Bibliothek abstellen. Oder ihn in die Biologiesammlung delegieren. Oder ihn zum Laborwart für die Chemiesäle ernennen. Aber das geht zu Lasten der Kollegen. Denn die müssen die Unterrichtsausfälle ausgleichen, die sich durch Lehrer auf der Ersatzbank aufhäufen. Oft ist selbst eine Versetzung in die Schulbehörde nicht möglich. Denn Lehrer sind nicht nur unkündbar, sie haben auch Anspruch auf amtsangemessenen Einsatz. So will es das Beamtenrecht, das mit dem Lehrerberuf historisch eng verknüpft ist.

          Den Streit über die Frage, ob Lehrer Beamte sein müssen, gibt es, seit der Staat den Kirchen das Unterrichtsmonopol entrissen hat. Nur haben sich die Perspektiven geändert. Als 1810 für Gymnasiallehrer ein Staatsexamen eingerichtet wurde, stand es außer Zweifel, dass die Lehrer höherer Schulen Staatsdiener sein müssen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatten sie eine winzige Gruppe von ein bis drei Prozent der Bevölkerung in den Geistesadel zu hieven – mit Hilfe des Abiturs. Dessen Vergabe musste rechtssicher, also ein hoheitlicher Akt sein. Studienräte waren folgerichtig nicht nur Lehrer, sondern vor allem Unterrichtsbeamte. Anders die Volks- und Hilfsschullehrer. Sie hatten lediglich die Aufgabe, dem Nachwuchs der niederen Stände in Klassenräumen von 60 bis 80 Schülern „ein bissgen Lesen und Schreiben“ beizubringen, wie es der Alte Fritz zu sagen pflegte.

          Die Situation wird sich bald verschärfen

          Seit der massenhaften Ausweitung des Lehrerberufs in den 1970er Jahren ist das Thema für den Staat freilich ein existentielles geworden. Vierzig Prozent der Staatsdiener sind heute Lehrer. Sie alle wollen auch im Alter versorgt werden, und seit kurzem nun schwillt die Pensionswelle der Pädagogen an. 2012 gingen laut Statistischem Bundesamt so viele Lehrer wie nie zuvor in den Ruhestand – 24.400. Neue Fragen stellen sich: Liegt der Schwerpunkt eines Lehrers wirklich noch auf der Ausübung hoheitlicher Akte? Und: Wer ist teurer, ein beamteter oder ein angestellter Lehrer?

          Beamte sind auf lange Sicht teurer, weil der Staat ihre Pensionen wegen des Alimentationsprinzips komplett übernehmen muss. „Ich halte es für unsinnig, Lehrer zu verbeamten“, sagt der angesehene Essener Bildungsökonom Klaus Klemm. „Aber auf diesem Gebiet verkämpfe ich mich nicht mehr. Bis die Kostenvorteile des Angestelltenstatus von Lehrern wirksam werden, das ist in 30 Jahren, ist keiner der heute agierenden Politiker mehr im Amt.“ Die Situation wird sich bald verschärfen. Prognosen sagen, dass bis zum Jahr 2020 zwei Drittel der Lehrer in den Ruhestand gegangen sein werden. 46.6000 von den 789.000 Lehrern, die im Jahr 2007 in den Klassen standen, sind dann Pensionäre: ein gewaltiger Aderlass – und ein teurer.

          Dennoch kehren auch jene Länder, die eine Zeitlang ihre Lehrer nicht mehr verbeamtet haben, wieder zum Beamtenrecht zurück. Mecklenburg-Vorpommern etwa wird vom 1. August an alle Lehrer, die jünger als 40 Jahre sind, zu Staatsdienern machen. Das erste Mal seit der Wiedervereinigung. Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) will für frei werdende Stellen und eine Qualitätsoffensive 1000 Lehrer ins Land holen. Ohne das Lockmittel Verbeamtung geht das nicht, glaubt Brodkorb. Derzeit sind drei Viertel der Lehrer Beamte, 594.000 beamteten Pädagogen stehen 189.000 angestellte gegenüber.

          Außerhalb des Schulbetriebs kaum vorstellbar

          In den Vereinigten Staaten geht man ganz andere Wege. In Central Falls in Rhode Island entließ die lokale Schulbehörde im Februar 2010 alle 74 Lehrer einer Highschool – weil sie zum wiederholten Male nur knapp die Hälfte der Schüler zum Abschluss gebracht hatten. Obamas Bildungsminister Arne Duncan verdammte den scharfen Schnitt nicht etwa, sondern er begrüßte ihn. „Der Status quo muss verändert werden“, sagte Duncan, „wir müssen besser werden.“

          Der wichtigste amerikanische Bildungsökonom, Eric Hanushek, unterlegt solche Entscheidungen mit Zahlen. Wenn man die fünf Prozent Lehrer mit den schlechtesten Leistungen gegen Pädagogen mittlerer Kompetenz tauschen könnte, würden Schüler davon massiv profitieren. Die Vereinigten Staaten könnten bei der weltweiten Schülervergleichsstudie Pisa einen Zuwachs von 25 Punkten erreichen, behauptet Hanushek in einer Studie. Zum Vergleich: Für einen Zugewinn in dieser Größenordnung haben die deutschen Schüler 12 Jahre gebraucht.

          Hanusheks deutscher Kollege Ludger Wößmann vom Münchner ifo Institut hat dem amerikanischen Forscher nicht nur bei den Berechnungen geholfen. Er ist dafür, auch in Deutschland endlich die Lernfortschritte der Schüler als Maßstab für Lehrerleistungen zu verwenden: „Der Beruf des Lehrers ist extrem wichtig für Schüler und auch für den wirtschaftlichen Wohlstand. Deswegen muss es erlaubt sein, über die Entlassung von Lehrern zu sprechen, deren Leistungen weit unter dem Schnitt sind oder die mit ihrem Beruf offensichtlich überfordert sind.“

          Die Berliner Schulrätin Sigrid Egidi-Fritz hält die Möglichkeit, Lehrern „Auf Wiedersehen“ zu sagen, für unentbehrlich. Egidi-Fritz versucht zusammen mit der Bosch-Stiftung in Berlin zehn „failing schools“ wieder flottzumachen. „Ich wünsche mir bei mancher Schule, sie ganz neu starten zu können. Sie wird renoviert, bekommt einen neuen Namen, eine neue Schulleitung – und die sucht dann die Lehrer aus“, sagt Egidi-Fritz. Doch so weit ist es noch lange nicht. „Die Lehrer verlassen ihre Stelle nur auf eigenen Willen. Man kann sie nicht zwangsversetzen. Das ist für jemanden, der nicht im Schulbetrieb ist, kaum vorstellbar. Aber so ist es.“

          Dienstvorgesetzte ohne echte Personalhoheit

          Bei Maud M. war es anders. Die Lehrerin im Norden der Republik wurde entlassen – nein, sie wurde mit Schimpf und Schande aus den Schulen in Mölln, Lübstorf und Bad Kleinen gejagt. Eltern beanstandeten ihre Benotungen. Schüler ärgerten sich, dass sie den Schlechteren unter ihnen die Aufgaben vorher verriet. Auch soll sie Tafelbilder bei Wikipedia kopiert haben. Maud M., so heißt es, sei keine gute Lehrerin gewesen. Und tatsächlich wurde sie gefeuert. Aber nicht, weil sie eine schlechte Lehrerin war, sondern weil sie gar keine Lehrerin war: Sie hatte ihre Examina gefälscht. Die Geschichte der Frau, die sich demnächst in Kiel wegen Betrugs verantworten muss, ist ein Beleg für die Fragwürdigkeit des schulischen Personalmanagements insgesamt. Sie arbeitete seit 1991 in insgesamt vier Bundesländern als Lehrerin, teilweise in Abiturklassen. Maud M. wurde dabei dreimal von den Behörden verbeamtet – obwohl Schulleiter sie als verwirrte Person einschätzten und ihr Zeugnisbetrug offensichtlich war. Sie hatte eine Fächerkombination angegeben, die es an ihrer Ausbildungsstätte, der Uni Chemnitz, gar nicht gab. Ihre Doktorarbeit wies sie als geheim aus – weil sie die Nato behandle. Die Schulministerien von Brandenburg, Berlin und Schleswig-Holstein erhoben sie trotzdem zur Staatsdienerin.

          Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister ließ jetzt über die Nichtlehrerin eine Informationssperre verhängen. Weil es ein laufendes Verfahren ist, wie er sagt. Oder weil der Fall so furchtbar peinlich für die Schulbehörden ist? Die Schulleiter selbst konnten die gefälschten Zeugnisse der falschen Lehrerin ja gar nicht überprüfen. Sie sind zwar Dienstvorgesetzte, haben aber keine echte Personalhoheit. Denn die liegt, wie überall in Deutschland, beim jeweiligen Schulministerium. Das heißt, Schulleitern fehlt die wichtigste Zuständigkeit, um Schulleiter zu sein: Sie dürfen sich ihre Lehrer weder selbst aussuchen noch können sie gescheiterte Lehrer entlassen.

          Es gibt einzelne Schulen, die ihr Lehrpersonal anders führen, zum Beispiel in Jena. Im Stadtteil Lobeda schlossen und eröffneten im Jahr 2010/11 quasi gleichzeitig zwei Schulen in unmittelbarer Nähe. Aufgelöst wurde die Regelschule Alfred Brehm, eine „failing school“ mit geringer Nachfrage, komplizierter sozialer Mischung und einem ausgedünnten Kollegium. Wenige Meter entfernt eröffnete die Kaleidoskop-Gemeinschaftsschule. Geleitet wird sie von Michael Sühnel, einem Schulleiter, der darf, was andere deutsche Rektoren so gern täten: Lehrer einstellen und notfalls auch entlassen.

          Möglich wurde das, weil Jena einige Schulen kommunalisiert hat. Das bedeutet, die Stadt hat die Personalhoheit vom Land übernommen. Die Kaleidoskop-Pädagogen sind Angestellte der Stadt, sie erhalten am Anfang einen auf zwei Jahre befristeten Vertrag mit einer Probezeit von sechs Monaten. Allerdings: Wenn das Land Thüringen wegen des bevorstehenden Lehrerschwunds wieder regulär verbeamtet, „müssen die Stadt Jena und die Kaleidoskop-Schule nachdenken“, sagt Michael Sühnel. Dann wird womöglich auch in der Modellschule wieder verbeamtet.

          Für den Vorsitzenden des Bundeselternrats Hans-Peter Vogeler wäre das ein großer Fehler. „Ich sage klipp und klar, Lehrer müssen bei grober pädagogischer Unfähigkeit entlassen werden können. Es ist für Eltern und Kinder schwer auszuhalten, wenn ein Lehrer ein pädagogischer Totalausfall ist“, sagt Vogeler. Immer wieder müssen Eltern zusehen, wie vermeintliche Fachkräfte der Klasse nicht Herr werden. „Wenn man einen gescheiterten Lehrer nur an eine andere Schule versetzt“, sagt Vogeler, „dann verändert das nichts an den Kompetenzen des Lehrers, bedeutet aber, Eltern und Kinder an das System Schule auszuliefern.“

          Karens Klasse hat sich damals auf ihre Weise bei ihrem unfähigen Französisch-Lehrer bedankt. Sie veröffentlichte nach dem Abitur in der örtlichen Zeitung eine Anzeige: „Französischlehrer sucht Nachhilfe in Französisch“. Name und Telefonnummer des Lehrers standen dabei.

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