https://www.faz.net/-gpf-7m64f

Beamtete Lehrer : Gescheitert, aber unkündbar

  • -Aktualisiert am

Viele Lehrer sind überfordert - entlassen werden können sie aber nicht Bild: Thomas Fuchs

In jedem Beruf gibt es Leute, die versagen. Man kann sie versetzen oder entlassen. Es sei denn, sie sind beamtete Lehrer. Dann machen sie Generationen von Schülern platt.

          Die Warnung kam direkt aus dem Kollegium. „Karen, du willst doch Französisch im Leistungskurs nehmen“, sagte ein Lehrer zur Elftklässlerin. „Überleg dir das lieber noch mal, der Habermehl kriegt den Kurs, und der kann’s nicht. Die jetzigen Kollegiaten belegen alle Zusatzkurse an der Volkshochschule!“ Karen vermied den LK Französisch, aber sie ärgert sich noch heute darüber. „In Französisch war ich sehr gut. Das hat mich einige Punkte im Abitur gekostet.“

          Die Geschichte, die sich in einer bayerischen Kleinstadt zugetragen hat, ist schon ein paar Jahre her. Aber das Problem ist geblieben: Was tun, wenn ein Lehrer gescheitert ist? Wenn er Kinder nicht mag oder den Auftritt vor der Klasse fürchtet? Unter Bildungspolitikern spricht man über „failing schools“. Doch wer spricht über „failing teachers“? Das deutsche Personalrecht der Lehrer ist blind für Versager, selbst wenn grobe pädagogische Fehlleistungen im Spiel sind. Gemeint sind nicht Ausrutscher, menschliche Schwächen oder Marotten, sondern dauerhaftes Versagen. Es geht um Lehrer, die notorisch unfähig sind. Lehrer, wie sie jeder kennt.

          „Ich habe in meinen 40 Jahren Schuldienst keinen einzigen Fall erlebt, in dem ein Lehrer wegen dienstlicher Schlechtleistung entlassen worden wäre“, sagt Wolfgang Harnischfeger. Er hat 2006 den Verband der Schulleiter in der Berliner Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gegründet, und er ist unzufrieden. „Es gibt Lehrer, die ruinieren Lebenskarrieren von Schülern, aber die kriegen sie nicht weg, die bleiben trotzdem in diesem Beruf“, berichtet Harnischfeger, der viele Jahre das angesehene Beethovengymnasium leitete. Seit kurzem ist er im Ruhestand – und kann Klartext reden.

          „Es gilt das Sankt-Florians-Prinzip“

          Einmal hatte der Rektor einen Lehrer, in dessen Klasse das absolute Chaos herrschte. Die Kollegen aus den Nachbarklassen beschwerten sich. Der Rektor bestellte den Lehrer ein. Doch der setzte sich sehr gelassen ins Leitungszimmer: „Ich bin nicht zuständig für die Unterrichtsfähigkeit der Klasse“, sagte der Pädagoge kühl. Schulleiter Harnischfeger gab ihm die drei M als Ratschlag: Motivieren, Mahnen, Muntermachen. Aber in der Klasse änderte sich nichts.

          Harnischfeger begann zu sammeln. Fehlzeiten, Beschwerden von Schülern und Eltern, alles wurde notiert. Dann kam es zum Showdown im Büro. Der Schulleiter legte dem Lehrer 14 schriftliche Beschwerden auf den Tisch. Er sagte: „Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir beide haben jetzt für sehr lange eine schlechte Zeit. Oder Sie unterschreiben den Versetzungsantrag, der vor Ihnen auf dem Tisch liegt.“

          „Wie viel Bedenkzeit habe ich?“, fragte der Lehrer zurück.

          „Keine“, antwortete sein Schulleiter.

          „Das ist Erpressung“, murrte der Lehrer – und unterschrieb.

          Der frühere Gymnasialdirektor Harnischfeger erzählt diese Geschichte nicht mit Stolz. „Man fühlt sich ganz schlecht, weil man Dinge tun muss, die dem Mobbing sehr nahekommen“, sagt er. „Es gilt das Sankt-Florians-Prinzip, man muss als Schulleiter versuchen, den Kollegen von der eigenen Schule zu entfernen, dann wird er an die Nachbarschule versetzt, was das Problem natürlich nur verlagert.“

          Weitere Themen

          Bernie Sanders will Trump vertreiben Video-Seite öffnen

          Erneute Kandidatur : Bernie Sanders will Trump vertreiben

          Der amerikanische Senator Bernie Sanders will abermals für die Präsidentschaft kandidieren. Der 77-Jährige kündigte seine Bewerbung in einem Radiointerview in seinem Heimatstaat Vermont an.

          Topmeldungen

          Karl Lagerfeld : Der letzte Modeschöpfer

          Karl Lagerfeld, der das Erbe von Coco Chanel neu belebte, ist gestorben. Er war ein ganz anderer Typ als die selbstquälerischen Modekünstler, die sich gerade so mit ihrer Mode ausdrücken können, aber meist nicht mit ihren Worten.

          Duell der Trainer : Klarer Vorteil für Klopp

          Der FC Bayern geht als Außenseiter ins Achtelfinal-Duell der Champions League mit Liverpool. Verglichen mit Klopps Land der (fast) unbegrenzten Möglichkeiten kommt Kovac beinahe wie ein armer Mann daher. Ein Kommentar.
          Der Vapiano-Chef Cornelius Everke während eines Interview am Dienstag in Frankfurt

          Vapiano-Chef : „Wir haben uns verzettelt“

          Miese Geschäftszahlen, Talfahrt an der Börse: Vapiano-Chef Cornelius Everke erwägt auch Filialschließungen, um die Restaurantkette wieder auf Kurs zu bringen. Und nicht nur das.
          War’s die Grundrente, die so gut bei den Wählern ankam? (Archivfoto)

          Allensbach-Umfrage : Union verliert, SPD gewinnt hinzu

          Waren es die SPD-Vorschläge zur Grundrente? In einer Allensbach-Umfrage verzeichnen die Sozialdemokraten jedenfall Gewinne. Trotzdem bleiben sie hinter den Grünen. Die Union büßt leicht an Zustimmung ein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.