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Bildungsreform : Zurück zu neun Jahren Gymnasium mit elfter Klasse als Option

Längerer Gymnasialgang: Bayern entscheidet sich für G9. Bild: dpa

Bayern kehrt zurück zum neunjährigen Gymnasialgang, begabte Schüler sollen die elfte Klasse aber auslassen können. Wird das die ersehnte Ruhe ins System bringen?

          Wenn die Ankündigung des bayerischen Kultusministers Ludwig Spaenle Wirklichkeit würde, die Gymnasien seines Landes in den kommenden 25 Jahren von Reformen zu verschonen, könnten diese sich glücklich schätzen. Allein, sie werden es nicht mehr glauben. Denn auch die bayerische Schulpolitik war in der jüngsten Vergangenheit kaum weniger wetterwendisch als die in der übrigen Republik.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Horst Seehofers Ankündigungen war an Eindeutigkeit kaum zu überbieten: „Es wird kein G9 geben“, zeigte sich der bayerische Ministerpräsident noch zu Beginn der Legislaturperiode felsenfest überzeugt. Das war im Dezember 2013. Heute wird er sich an sein „Geschwätz von gestern“ nur noch ungern erinnern lassen. Zwischenzeitlich hat selbst die selbstherrliche CSU einsehen müssen, dass sich nicht fortgesetzt gegen den Willen von Eltern, Schülern und erfahrenen Lehrern regieren lässt. Nun beschert sie dem Freistaat nicht nur eine Reform des Gymnasiums, sondern gleich ein ganzes Bildungspaket.

          Aus der überstürzten Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) im Schuljahr 2004/2005 haben die Bayern gelernt: Für die Rückkehr zum neunjährigen Schulgang wollen sie sich anderthalb Jahre Zeit lassen. Erst mit dem Schuljahr 2018/19 soll das G9 beginnen. Die Viertklässler, die in diesem Herbst auf das Gymnasium wechseln, werden der erste Jahrgang des neuen G9 sein.

          Wer das Gymnasium auch künftig in acht Jahren durchlaufen will, dem soll das möglich sein. Diese Schüler sollen zwei Jahre lang Zusatzkurse besuchen und dann die elfte Klasse auslassen dürfen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium dieser Zeitung gegenüber sehr begrüßt hat, befürchtet, dass damit die elfte Klasse in ihrer Bedeutung abgewertet werden könnte. Mehr als zehn bis 15 Prozent der Gymnasiasten würden ohnehin nicht springen, sagt Kraus. An Schulen mit einer G9-Option haben sich schon bisher 80 Prozent für den längeren Gymnasialgang entschieden.

          Einführungsphase in die Oberstufe

          Auch die bayerische Direktorenvereinigung, die ihre Vorschläge in der geplanten Reform des Gymnasiums wiederzuerkennen warnte davor, den Eindruck bei Schülern und Eltern zu wecken, dass die 11. Jahrgangsstufe so ohne weiteres übersprungen werden könne, weil hier „sowieso nicht viel passiert“. Auch begabte und leistungswillige Schüler, die nicht springen wollten, müssten in der 11. Klasse besonders gut gefördert werden.

          Denn die 11. Jahrgangsstufe soll nun die Einführungsphase der Oberstufe sein. Sie führe in vorwissenschaftliche Arbeitstechniken ein, diene der digitalen und politischen Bildung sowie der Begabtenförderung, kündigte Spaenle an. Das Fünf-Fächer-Abitur wollen die Bayern beibehalten, der Lehrplan wird der neunjährigen Lernzeit wieder angepasst. Für die Schüler wird die Entlastung der bisher fast durchgängig mit Unterricht belegten Nachmittage in der Unter- und Mittelstufe am stärksten spürbar sein. Vor allem die Eltern von Schüler, die einen weiteren Schulweg per Bus oder Bahn im Flächenland Bayern zurücklegen müssen, hatten darüber viel geklagt. Wie viele Stunden das bayerische Gymnasium künftig haben wird, ist noch unklar. Bisher liegt die von der Kultusministerkonferenz vereinbarte Mindestzahl bei 265 Jahreswochenstunden. In Bayern will man diese Grenze offenbar deutlich überschreiten, von einer Gesamtstundenzahl von bis zu 283 Unterrichtsstunden ist die Rede.

          Als „Zuckerl“ bekommen alle Schulen etwas von der G9-Bescherung ab. „Der Freistaat investiert massiv in Bildung“, sagte der Kultusminister, denn es soll 2000 neue Stellen geben, davon 1850 Lehrerstellen, 1000 davon für die Gymnasien, 800 für die übrigen Schularten. Doch das ist nur ein Teil des Gesamtpakets, das mit der Weiterentwicklung der frühkindlichen Bildung beginnt, die Förderschulen stärken und die Inklusion ausbauen, Grund-, Mittel- und Realschulen und Schulleitungen und Schulverwaltung unterstützen soll. Zur Entlastung der Schulleitungen werden 150 Stellen für Verwaltungsangestellte bereitgestellt. Außerdem soll es eine Begabteninitiative geben „Fit für die Zukunft: Fördern und Forschen“. Außerdem wird Informatik Pflichtfach für alle. Ob sich diese neue Verordnung in Whiteboard-Seligkeit erschöpft, bleibt abzuwarten.

          Lehrerverbände heißen die Reform gut

          Die Lehrerverbände haben die neuen bayerischen Beschlüsse einhellig begrüßt, selbst der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), der dem derzeit amtierenden Minister und der Staatsregierung sonst nicht gerade in inniger Zuneigung verbunden ist. Die Zugeständnisse an die Schulleitungen seien letztlich dem Druck der 5000 Schulleiter und Verwaltungsangestellten geschuldet. Sie hätten mit ihrem Brandbrief „Mehr geht nicht mehr“ endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienten. Wie der Freistaat damit umgehen will, dass es im Jahr 2025 nur einen sehr kleinen Abiturjahrgang in Bayern geben wird, ist bisher noch nicht klar. Denn ein abiturfreies Schuljahr wird sich bei den Immatrikulationen an bayerischen Universitäten deutlich auswirken.

          In den bevorstehenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und vor allem Schleswig-Holstein wird die Frage nach der Länge der Gymnasialzeit eine erhebliche, möglicherweise wahlentscheidende Rolle spielen. Mit Ausnahme von Baden-Württemberg gibt es in allen westlichen Bundesländern deutliche Tendenzen zu G9, sofern sie nicht schon zum neunjährigen Gymnasium zurückgekehrt sind.

          Baden-Württemberg will beim achtjährigen Gymnasialgang bleiben. In Kürze soll es zwar eine Kabinettsvorlage geben, mit der die 44 Modellstandorte für das neunjährige Gymnasium bis zum Ende der Legislaturperiode verlängert werden, also eine Bestandsgarantie bekommen, doch in der Fläche soll es nach dem Willen von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) beim G8 bleiben. Im Südwesten hängt das auch damit zusammen, dass man den erfolgreichen Weg von der Realschule über das berufliche Gymnasium nicht durch Konkurrenz an den allgemeinbildenden Gymnasien schwächen will. 36 Prozent der Abiture werden an beruflichen Gymnasien erworben.

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