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Heinrich Bedford-Strohm : Der öffentliche Theologe

Der neue EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm: „Wir wollen öffentliche Kirche sein“ Bild: dpa

Bayerns Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm fiel auf, weil er in den Irak reiste und deutsche Waffen für die irakischen Peschmerga forderte. Nun ist der 54 Jahre alte Theologe der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein Porträt.

          6 Min.

          Heinrich Bedford-Strohm ist die „große Lösung“. So wurde in der Evangelischen Kirche zuletzt über den Landesbischof aus Bayern gesprochen. Am Dienstag nun hat die Synode der EKD den 54 Jahre alten Landesbischof mit großer Mehrheit zum neuen Ratspräsidenten gewählt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Synode ist das „Parlament“ der evangelischen Kirche; es tagt seit Donnerstag in Dresden. Der Ratspräsident ist der oberste Protestant Deutschlands, eine Mischung aus Regierungschef und Bundespräsident. Er ist häufiger Gast in Talkshows und ein gefragter Redner.

          Viele trauen Bedford-Strohm zu, dass er die EKD aus der Krise führt. Denn er vereint die sehr verschiedenen Stärken seiner beiden Vorgänger. Er ist sozusagen zwei Personen in einer: Er ist intellektuell, fleißig und rhetorisch begabt wie Wolfgang Huber. Der Berliner Bischof und frühere Professor führte die EKD von 2003 bis 2009. Huber wirkte jedoch auf viele unnahbar. Bedford-Strohm dagegen tritt zugänglich, freundlich und ausgleichend auf. Für diese Eigenschaften wurde Nikolaus Schneider geschätzt. Der frühere rheinische Landesbischof war von 2010 bis 2014 Ratsvorsitzender der EKD.

          Wolfgang Huber wird vermisst

          Schneider behielt immer den Duktus des Stahlarbeiterpastors aus dem Ruhrgebiet bei; er wäre wohl unter normalen Umständen nicht bis an die Spitze der EKD gelangt. Doch nach nicht mal einem halben Jahr trat Margot Käßmann im Frühjahr 2010 wegen Alkohol am Steuer vom Ratsvorsitz zurück. Schneider sprang ein.

          Mit Käßmanns Rücktritt begann eine Serie von Pleiten und Pannen. Ein Diakoniepräsident musste wegen Korruptionsverdachts sein Amt aufgeben. Der Bevollmächtigte für die politische Lobbyarbeit bei der Bundesregierung musste gehen, weil Affären mit Kirchenmitarbeiterinnen öffentlich wurden. Nun tritt, ein Jahr vor Ende seiner Amtszeit, auch noch Nikolaus Schneider zurück. Er hatte das schon im Sommer angekündigt. Schneider will mehr Zeit für seine Frau haben. Sie ist an Brustkrebs erkrankt.

          In Schneiders Amtszeit veröffentlichte die EKD ein „Familienpapier“. Es war von dem Geist getragen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Ein-Eltern-Familien zu ebenbürtigen Modellen neben der klassischen Familie aufzuwerten. Die theologische Begründung blieb jedoch dürftig. Eine heftige innerkirchliche Debatte folgte. Es stritten nicht nur Konservative gegen Progressive. Sondern das Papier hinterließ den Eindruck, dass die evangelische Kirche in ihren Kernbereichen, der Interpretation der Bibel und der Theologie, schwächelt. Genau diese Diagnose hatte schon Wolfgang Huber der EKD gestellt. Sein Gestaltungswille wird mittlerweile vermisst - wenn er auch zuvor manchem auf die Nerven ging. In Anspielung auf Margot Käßmanns Buchtitel „Sehnsucht nach Leben“ heißt es in Kirchenkreisen nun, man habe „Sehnsucht nach Führung“. Dafür machen die Kritiker allerdings nicht nur Schneider verantwortlich, sondern das gesamte Leitungsgremium.

          Waffenlieferungen werden zur Nagelprobe

          Umstritten waren auch die Interviews, die Nikolaus Schneider zusammen mit seiner Frau zur Sterbehilfe gab. Schneider sagte darin, er könnte sich vorstellen, seine Frau aus Liebe in die Schweiz zu begleiten, wenn sie dort Sterbehilfe in Anspruch nähme. Ein anderes Beispiel ist das „Spiegel“-Interview der als Luther-Botschafterin reaktivierten Käßmann, in dem sie Deutschland den Kleinstaat Costa Rica als militärpolitisches Vorbild empfahl - just in jenen Tagen, als der IS sich im Irak anschickte, Minderheiten zu massakrieren. Ein Kirchenoberer klagt: „Im Moment ist keiner da, der sagt: Das ist die Linie der EKD.“

          An dieser Stelle kommt Bedford-Strohm in den Blick. Wenn es in all den Auseinandersetzungen so etwas wie eine Linie der EKD gab, war er es, der sie vertrat. Im Sommer diskutierten die politischen Parteien, ob Deutschland Waffen für den Kampf gegen den IS liefern solle. Bedford-Strohm erkannte, dass solche Exporte für die Friedensethik der Kirche die Nagelprobe sind. Seine Bischofskollegen versandten Erklärungen oder schwiegen. Er reiste im September in den Irak. Er besuchte die Flüchtlingslager der Yeziden. Er sprach mit den aus Mossul geflohenen Bischöfen. Er warb bei den muslimischen Geistlichen für Toleranz gegenüber Christen und Yeziden.

          Bedford-Strohms bayerische Landeskirche hilft den Christen im Irak seit Jahren mit Millionenbeträgen. Von dem Geld werden unter anderem Häuser für Flüchtlinge und Sanitäranlagen für die Camps gebaut. Unmittelbar nach der IS-Offensive hat die Landeskirche zudem die 500 000 Euro Anschubfinanzierung für das Hilfsprogramm des Lutherischen Weltbunds allein bezahlt. Nur interessierte sich dafür in Deutschland kaum jemand.

          Von Orten der Entscheidung wird er angezogen

          Bedford-Strohm möchte das ändern; er legt viel Wert auf die äußere Wahrnehmung der Kirche. Kein anderer evangelischer Bischof in Deutschland hat eine so professionelle Homepage. Dahinter steht ein Konzept mit dem Namen „Öffentliche Theologie“. Übernommen hat er das von Wolfgang Huber. Bedford-Strohm studierte bei Huber. Er ist sein Freund, Mentor - und vermutlich auch sein Vorbild. Das beginnt beim Tagesablauf. Wolfgang Huber saß morgens um sieben Uhr am Frühstückstisch, dann folgte ein durchgetakteter Tag, in dessen Verlauf Huber sein Umfeld mit „herzlichen Bitten“ und, wenn diese nicht fruchteten, mit „dringenden Bitten“ auf Trab hielt. Abends um elf hatte er immer noch dieselbe kerzengerade Haltung wie am Morgen. Bei Bedford-Strohm ist das ähnlich. Andere mögen Wartezeiten auf Flughäfen als Pausen sehen, der Landesbischof füttert in dieser Zeit die sozialen Medien. Kein anderer Bischof nutzt Twitter und Facebook so intensiv. Während seines Sommerurlaubs mit der Familie in Schweden schrieb er an seinem neuen Buch über das Sterben.

          Im September reiste Heinrich Bedford-Strohm in den Irak
          Im September reiste Heinrich Bedford-Strohm in den Irak : Bild: Reinhard Bingener

          Huber war von einem mächtigen Magnetismus getrieben. Er zog ihn stets in die Öffentlichkeit. Er zog ihn auch dahin, wo Entscheidungen fallen. Bedford-Strohm kennt diese Anziehungskräfte. Sie elektrisieren ihn. So auch im Irak, als Bedford-Strohm auf dem Rückweg aus Dohuk an eine Weggabelung gelangt. Links geht es zurück nach Arbil in die sichere kurdische Autonomieregion. Doch Bedford-Strohm dirigiert die beiden Geländewagen nach rechts, auf die Straße Richtung Mossul. Sie führt in nur fünf Minuten an die Front. Die Geländewagen rollen den Hügel hinauf, der die letzte Anhöhe gegen die IS-Front bildet. Die Wagen passieren zwei Wälle aus Beton und Geröll, die die Verteidiger aufgeschichtet haben. Der syrisch-orthodoxe Priester wird nervös. „Was zum Teufel macht er?“ Die beiden Wagen passieren die dritte Straßensperre. Die umkämpfte Ebene liegt nun direkt vor ihnen. Am Straßenrand haben sich die Peschmerga-Kämpfer hinter Sandsäcken verschanzt. „Wir sollten hier weg“, sagt der Priester. Bedford-Strohm steigt aus. Er sieht das veraltete Material, mit dem die Peschmerga kämpfen. Er ist jetzt ganz vorne. Er musste hierhin.

          Prediger, Professor, Politiker

          Auch politisch stehen Huber und Bedford-Strohm sich nahe; beide sind in die SPD eingetreten. Huber wollte sogar Bundestagsabgeordneter werden, bevor er Bischof werden konnte. In seiner Zeit als Professor für Ethik war er der Kopf des deutschen Linksprotestantismus. In seiner Heidelberger Denkwerkstatt wurden Kapitalismuskritik, Rüstungsgegnerschaft und Sozialstaatsausbau theologisch unterfüttert. Wenn in einen Text ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer passte, wurde es eingebaut. Bedford-Strohm stellte sich damals immer freitags für eine Stunde auf den Marktplatz in Heidelberg: Schweigen für den Frieden. „Links gewickelt, aber ein kluger Mann“, sagt ein katholischer CSU-Politiker anerkennend über ihn.

          Übernommen hat Bedford-Strohm von seinem Doktorvater vor allem das Rezept der drei P. Prediger, Professor, Politiker: Beide füllen alle drei Rollen aus. Die kirchliche ist die Basis. Die akademische schafft Respekt. Und die politische Relevanz. Huber sprach natürlich immer nur von „Öffentlicher Theologie“. Boshaft gesprochen ist das jene Disziplin, die den, der sie betreibt, schnellstmöglich vom Lehrstuhl in den Bischofssessel hebt. Bedford-Strohm hat diesen Karriereschritt systematisch vorbereitet. Seinen Bamberger Lehrstuhl baute er zur „Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie“ aus; er war auf vielen kirchlichen Ebenen präsent. So wurde er 2011 in Bayern zum Landesbischof gewählt, obwohl er bis dahin nur außerhalb der Landeskirche aufgestiegen war.

          Es gab bei der Wahl zum EKD-Vorsitzenden nur einen weiteren ernsthaften Kandidaten - der sächsische Landesbischof Jochen Bohl. Er ist 64 Jahre alt und bisher stellvertretender Ratspräsident; ein eher unauffälliger Typ. Er hätte das Amt nur noch bis zum Ende der Legislaturperiode im nächsten Jahr ausüben können. Deshalb galt Bohl als die „kleine Lösung“. Bedford-Strohm hingegen kann 2015 noch einmal gewählt werden. So hätte er insgesamt sieben Jahre, um die EKD zu prägen. Doch eine Synode verlangt Demut; wer zu siegesgewiss auftritt, kann sich dort einen Dämpfer holen.

          „Wir wollen öffentliche Kirche sein“

          Wenn in den kommenden Jahren die Kirchensteuereinnahmen einbrechen werden, braucht der Apparat schlankere Strukturen. Dann wird die Qualität der Pfarrer wieder in Frage stehen. Ob Bedford-Strohm auch für solche Krisen der richtige Mann an der Spitze ist, weiß heute allerdings keiner.

          Die evangelische Kirche werde sich in die großen ethischen Debatten des Jahres 2015 einbringen, versicherte der neue Ratsvorsitzende nach seiner Wahl. Er wolle die vor ihm liegende Aufgaben mit „Freude, Energie und einer gewissen Gelassenheit“ wahrnehmen. 106 Kirchenparlamentarier hatten für Bedford-Strohm gestimmt, elf votierten gegen ihn, acht enthielten sich ihrer Stimme. Er wertete das Ergebnis als „Zeichen der Geschlossenheit nach all den unruhigen Jahren“.

          In seiner Vorstellungsrede vor der Wahl hatte Bedford-Strohm gesagt, er wolle die Projekte weiterführen, die Schneider nicht zu Ende bringen konnte. „Wir wollen öffentliche Kirche sein“, sagte er. Aus einer klaren geistlichen Motivation heraus solle die evangelische Kirche zu Fragen der Zeit reden, ohne moralisch bevormundend zu sein.

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