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Heinrich Bedford-Strohm : Der öffentliche Theologe

Der neue EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm: „Wir wollen öffentliche Kirche sein“ Bild: dpa

Bayerns Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm fiel auf, weil er in den Irak reiste und deutsche Waffen für die irakischen Peschmerga forderte. Nun ist der 54 Jahre alte Theologe der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein Porträt.

          Heinrich Bedford-Strohm ist die „große Lösung“. So wurde in der Evangelischen Kirche zuletzt über den Landesbischof aus Bayern gesprochen. Am Dienstag nun hat die Synode der EKD den 54 Jahre alten Landesbischof mit großer Mehrheit zum neuen Ratspräsidenten gewählt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Synode ist das „Parlament“ der evangelischen Kirche; es tagt seit Donnerstag in Dresden. Der Ratspräsident ist der oberste Protestant Deutschlands, eine Mischung aus Regierungschef und Bundespräsident. Er ist häufiger Gast in Talkshows und ein gefragter Redner.

          Viele trauen Bedford-Strohm zu, dass er die EKD aus der Krise führt. Denn er vereint die sehr verschiedenen Stärken seiner beiden Vorgänger. Er ist sozusagen zwei Personen in einer: Er ist intellektuell, fleißig und rhetorisch begabt wie Wolfgang Huber. Der Berliner Bischof und frühere Professor führte die EKD von 2003 bis 2009. Huber wirkte jedoch auf viele unnahbar. Bedford-Strohm dagegen tritt zugänglich, freundlich und ausgleichend auf. Für diese Eigenschaften wurde Nikolaus Schneider geschätzt. Der frühere rheinische Landesbischof war von 2010 bis 2014 Ratsvorsitzender der EKD.

          Wolfgang Huber wird vermisst

          Schneider behielt immer den Duktus des Stahlarbeiterpastors aus dem Ruhrgebiet bei; er wäre wohl unter normalen Umständen nicht bis an die Spitze der EKD gelangt. Doch nach nicht mal einem halben Jahr trat Margot Käßmann im Frühjahr 2010 wegen Alkohol am Steuer vom Ratsvorsitz zurück. Schneider sprang ein.

          Mit Käßmanns Rücktritt begann eine Serie von Pleiten und Pannen. Ein Diakoniepräsident musste wegen Korruptionsverdachts sein Amt aufgeben. Der Bevollmächtigte für die politische Lobbyarbeit bei der Bundesregierung musste gehen, weil Affären mit Kirchenmitarbeiterinnen öffentlich wurden. Nun tritt, ein Jahr vor Ende seiner Amtszeit, auch noch Nikolaus Schneider zurück. Er hatte das schon im Sommer angekündigt. Schneider will mehr Zeit für seine Frau haben. Sie ist an Brustkrebs erkrankt.

          In Schneiders Amtszeit veröffentlichte die EKD ein „Familienpapier“. Es war von dem Geist getragen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Ein-Eltern-Familien zu ebenbürtigen Modellen neben der klassischen Familie aufzuwerten. Die theologische Begründung blieb jedoch dürftig. Eine heftige innerkirchliche Debatte folgte. Es stritten nicht nur Konservative gegen Progressive. Sondern das Papier hinterließ den Eindruck, dass die evangelische Kirche in ihren Kernbereichen, der Interpretation der Bibel und der Theologie, schwächelt. Genau diese Diagnose hatte schon Wolfgang Huber der EKD gestellt. Sein Gestaltungswille wird mittlerweile vermisst - wenn er auch zuvor manchem auf die Nerven ging. In Anspielung auf Margot Käßmanns Buchtitel „Sehnsucht nach Leben“ heißt es in Kirchenkreisen nun, man habe „Sehnsucht nach Führung“. Dafür machen die Kritiker allerdings nicht nur Schneider verantwortlich, sondern das gesamte Leitungsgremium.

          Waffenlieferungen werden zur Nagelprobe

          Umstritten waren auch die Interviews, die Nikolaus Schneider zusammen mit seiner Frau zur Sterbehilfe gab. Schneider sagte darin, er könnte sich vorstellen, seine Frau aus Liebe in die Schweiz zu begleiten, wenn sie dort Sterbehilfe in Anspruch nähme. Ein anderes Beispiel ist das „Spiegel“-Interview der als Luther-Botschafterin reaktivierten Käßmann, in dem sie Deutschland den Kleinstaat Costa Rica als militärpolitisches Vorbild empfahl - just in jenen Tagen, als der IS sich im Irak anschickte, Minderheiten zu massakrieren. Ein Kirchenoberer klagt: „Im Moment ist keiner da, der sagt: Das ist die Linie der EKD.“

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