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Übertritte aus Bayerns AfD : Abdankung im Palais

  • -Aktualisiert am

Die AfD ist ihnen zu populistisch: Vier Mitglieder des bayerischen AfD-Vorstandes am Montag in München. Bild: dpa

Bernd Lucke kann auf seine Unterstützer bauen: Fast der gesamte Vorstand der bayerischen AfD tritt zu seiner Neugründung Alfa über. Ärger droht aber trotzdem, denn ein Kölner Verein macht sein Recht auf den Namen geltend.

          Glückliches Bayern: Selbst politische Scheidungsverfahren entbehren im Süden der Republik nicht einer gewissen Grandezza. Am Montag kündigten sechs der sieben Mitglieder des bayerischen Landesvorstands der AfD ihren Austritt aus der Partei an – nicht in einem Hinterzimmer einer Vorstadtwirtschaft, sondern im Palais an der Oper in der Maximilianstraße, mitten im Herzen Münchens. Mäkelige Geister mochten einwenden, dass das Palais noch vor nicht allzu langer Zeit als Residenzpost firmierte, es sich also um einen selbstkreierten Gebäudeadel handelt. Aber in Fragen des Standes sind die Bayern schon immer großzügig gewesen; unweit der Residenzpost pflegte lange Zeit der Modeschöpfer Rudolph Mooshammer einen monarchischen Gestus, ohne dass die Wittelsbacher in einen Sitzstreik traten.

          Die Wahl des Ortes ließ es am Montag als Petitesse erscheinen, dass schon in der vergangenen Woche ein fürwitziger Sprecher der AfD von Berlin aus den Austritt der bayerischen Vorstandsmitglieder mit unfreundlichen Worten kommentiert hatte – eine Schmähung ante festum. Was kümmern verfrühte Berliner Plaudereien, wenn das wirkliche Geschehen in einem Münchner Palais stattfindet – noch dazu in einem Raum, der nach dem ersten bayerischen König Max I. Joseph benannt ist! Und es entbehrte nicht einer majestätischen Note, dass am Montag der scheidende AfD-Landesvorsitzende Andre Wächter ein umfängliches Schreiben verlas, in dem die Motive geschildert wurden, warum er und die Mehrzahl der Vorstandsmitglieder der AfD den Rücken kehren.

          Es war gleichsam eine Botschaft an das bayerische AfD-Volk, in der beklagt wurde, dass sich nach dem Essener Bundesparteitag im AfD-Bundesvorstand mit einer Ausnahme keine wirtschaftsliberal gesonnene Person mehr befinde. Ein Mitglied des neuen Bundesvorstands stehe der „Neuen Rechten“ nahe, die weiteren Mitglieder seien mindestens nationalkonservativ. Seit Essen sei die AfD eine neue, eine nationalkonservative, eine rechtspopulistische Partei, resümierte Wächter als Dreiklang. Deshalb gebe es für ihn und weitere fünf bayerische Vorstandsmitglieder keine Perspektive mehr, die AfD auf ihrem ursprünglichen Kurs zu halten; sie gäben ihre Parteiämter auf und würden die AfD spätestens Ende dieses Monats verlassen.

          Nach einer solchen Abdankungserklärung hätte früher der Monarch samt Gefolge den Raum verlassen – doch ganz so streng wurde der Genius loci nicht befolgt. Musste auch nicht befolgt werden, ist er doch eine Schöpfung findiger Unternehmer, die Büro- und Veranstaltungsräume im Palais an der Oper vermieten, das nicht der permanente Sitz der AfD ist – und auch nicht der „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ (Alfa), der neuen Partei Bernd Luckes. Wächter und seine Mitstreiter sehen Alfa als ihre neue politische Heimat; einer aus ihren Reihen, Jochen Seeghitz, bislang Landesschatzmeister der AfD, ist bereits Bundesschatzmeister der Alfa.

          Nicht alle, zumal wenn sie nicht in Bayern zu Hause, empfinden Imitatio als Huldigung. Am Montag meldete sich aus Köln die „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA) - ein Initiative, die sich gegen Abtreibung, Sterbehilfe und Embryonenforschung wendet - und kündigte an, sie wolle rechtliche Schritte gegen eine mögliche Namensverletzung prüfen. Gelassener dürften es die Alfisti sehen – die Fahrer von Alfa Romeos –, die in der Münchner Maximiliansstraße Heimatrecht haben,auch wenn der Konzern nach Medien-Informationen derzeit prüft, ob er gegen die Namensgleichheit vorgehen wird.

          Schwer zu sagen, wer, wie es in Bayern heißt, die „Mehrern und Schwerern“ sind – die Alfisti oder die Alfaisten, die Mitglieder der neuen Partei. Die AfD hatte in Bayern vor dem Essener Parteitag rund 3000 Mitglieder; davon sollen nach Angaben Wächters seither 500 ausgetreten sein. Bei den Alfisti gehört es zum Selbstverständnis, sich zum automobilen Adel zu zählen, der seinen Glanz dadurch gewinnt, dass er überschaubar ist. Ob für die bayerischen Alfaisten am Montag die Wahl des Ortes in diesem Sinne eine Tendenzentscheidung war, wird sich zeigen.

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