https://www.faz.net/-gpf-732xj

Bayern : Glorreicher, mächtigster Horst!

  • -Aktualisiert am

Halten sich tapfer: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner Bild: dapd

Auch auf dem Zentral-Landwirtschaftsfest in München beteuert Ilse Aigner, wie zufrieden sie mit Horst Seehofer als bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender sei. Das Aigner-Seehofer-Schauspiel hält Bayern in Atem.

          3 Min.

          Landwirtschaftsfeste sind gefährliche Arbeitsplätze für Politiker, besonders in Bayern. Sie müssen in der ersten Tischreihe sitzen, direkt vor der Blasmusik, die meist so dröhnend aufspielt, dass sie auch noch ganz hinten im Zelt zu vernehmen ist. Ohrstöpsel helfen da nicht weiter, da dann lästige Journalistenfragen nicht zu hören sind, auch wenn dies für die Antworten meist nicht nötig wäre. Ununterbrochen muss der Maßkrug in die Kameras gehalten werden, lächelnd, versteht sich. Politik ist in Bayern Muskelarbeit - des Bizeps, der Lachmuskeln und was sonst noch so im Körper Dienst hat.

          Es heißt schließlich auszuharren, bis der letzte Bauernverbandspräsident begrüßt ist - und die Präsidentendichte ist auf einem Landwirtschaftsfest nur noch mit einem G-8-Gipfel vergleichbar. Ilse Aigner unterzog sich am Samstag dieser Tortur auf dem 125. Bayerischen Zentral-Landwirtschaftsfest in München mit eiserner Disziplin - und selbstverständlich trank sie richtiges Bier, nicht Kamillentee, der früher den Maßkrug eines bayerischen Ministerpräsidenten füllte. Frau Aigner soll die neue Bavaria werden - die alte Gusseiserne grüßte an diesem Vormittag von der sanften Anhöhe der Theresienwiese.

          Nein, sie neide seine Ämter nicht

          Das Zentral-Landwirtschaftsfest findet alle vier Jahre neben dem Oktoberfest statt; für den Kundigen eine Gelegenheit, schon lange vor dem Anstich des ersten Fasses auf der Wiesn einen vollen Maßkrug zu lupfen. Wer will, kann danach noch in die schöne neue Welt der industrialisierten Landwirtschaft eintauchen, die ihre Hilfsmittel auf dem Landwirtschaftsfest präsentiert - vom „Milkshuttle“ bis zu den neuesten „Soil Solutions“. Frau Aigner ist seit ihrer Ankündigung, dass sie in die Landespolitik zurückgeht, in der beneidenswerten Lage, immer wieder beteuern zu dürfen, dass sie auf keinen Fall Horst Seehofer seine Ämter neide.

          Ja, wie rundum glücklich und zufrieden sie sei, dass Seehofer bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender ist. Jeder weiß zwar, dass die Vorsitzende des mächtigen CSU-Bezirks Oberbayern nicht ihre Berliner Karriere aufgibt, um die Blumenbeete vor der Staatskanzlei im Münchner Hofgarten zu jäten - am besten weiß es Horst Seehofer. Ihm mussten am Samstag auch die Worte von Frau Aigner, die ihm vor der versammelten Bauernschaft bescheinigte, er stehe unangefochten an der Spitze Bayerns, nicht gedeutet werden. „Glorreicher, mächtigster, erhabner Cäsar!“, heißt es bei William Shakespeare, bevor die Dolche gezückt werden.

          Was lag in der weiß-blauen Luft

          Seehofer ist natürlich nicht ein bayerischer Cäsar - auch wenn manche seiner Helfer zuweilen diesen Eindruck verbreiten wollen, vor allem im preußischen Ausland -, und Frau Aigner schon gar nicht ein weiblicher Brutus. Sie musste an diesem Samstag gar keine anderen Angriffswaffen als ihr grünes Dirndl und ihr Lächeln zücken. Eine unbarmherzige Regie führte Seehofer an ihrer Seite beim Rundgang durch das Landwirtschaftsfest zu einer Schauküche, in der Spiegel an der Decke die Blicke in die Kochtöpfe erleichtern sollten; sie gewährten ein Panorama des aus dieser Perspektive doch eher bescheidenen ministerpräsidentiellen Haarstatus. Seehofer wurde dadurch vollends zum Austragsbauern, der mit der Hoferbin noch einmal sein „Sach“ inspiziert.

          Keine Spiegel an der Decke, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, das sollte im Handbuch der Arrangeure der Macht ganz weit vorne stehen; Seehofer wird mit seinen Protokollkräften ein ernstes Wort reden müssen. Selbst ausländische Würdenträger, die es in den Wiesn-Tagen in großer Zahl nach München lockt, entging nicht, was in der weiß-blauen Luft lag. Der österreichische Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich war sich nicht mehr sicher, ob er das Landwirtschaftsfest noch an der Seite von Frau Aigner verlassen werde - oder ob ihn nicht eine Ministerpräsidentin begleiten werde. Ihn mochte irritiert haben, dass zu Beginn einer Podiumsdiskussion Frau Aigner, genötigt von einer Moderatorin, noch einmal zum „Glorreicher, mächtigster, erhabner ...“ ansetzte und Seehofer bescheinigte, dieser sei ein hervorragender Ministerpräsident - deshalb stelle sich die Frage einer Nachfolge nicht.

          Und damit auch begriffsstutzige Zuhörer verstanden, wie es um Seehofer bestellt ist, setzte Frau Aigner noch hinzu, der CSU-Vorsitzende sei „ein echter Kämpfer“. Aus Sicht der Partei dürfte die Dramaturgie bis zur Landtagswahl im kommenden Jahr stimmen - bei der Eröffnung des Landwirtschaftsfests spielte Christian Ude, der sozialdemokratische „Herausforderer“, wie er einst tituliert wurde, bevor die Dämmerung seiner Kandidatur einsetzte, eine beklagenswerte Nebenrolle. In seinem gewohnten Stakkato feierte sich Ude zwar selbst als der Mann, der dafür gekämpft habe, dass das Landwirtschaftsfest weiterhin neben der Wiesn stattfinden könne; aber so richtig weckte das beidhändige Klopfen auf die eigenen Schultern keine Begeisterung an den Biertischen.

          Auch die Lederhose für den Fassanstich auf dem Oktoberfest, in der Ude steckte und in der er immer wie ein Bayern-Darsteller im Hamburger Ohnesorg-Theater wirkt, änderte daran nichts. Die große Horst-Ilse-Operette faszinierte mehr, bei der die Bundeslandwirtschaftsministerin nicht viel mehr machen musste, als zu strahlen und einem Zwillingskinderpaar, das mit einer ellenlangen auswendig gelernten Begrüßung demonstrierte, wo das bayerische Schulwesen steht, ein herzhaftes „Bravo!“ zuzurufen. Seehofer fiel danach nur noch ein, Bayern als eine „Vorstufe zum Paradies“ zu feiern - und dazu eine Miene zu ziehen, als werde ihm gleich die verbotene Paradiesfrucht gereicht, als Weißwurst getarnt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erst im Februar wurden die neuen Straßenschilder aufgehängt.

          Nordmazedonien und die EU : „Der Erweiterungsprozess ist klinisch tot“

          Für mögliche Beitrittsgespräche mit der EU hat Mazedonien sich in Nordmazedonien umbenannt. Nun wird daraus vorerst nichts. Im Interview spricht der ehemalige Außenminister Antonio Milošoski darüber, ob es einen Weg zurück gibt.
          Eine Familie flieht am Samstag auf einem Motorrad aus der Region um die Stadt Ras al Ain.

          Nordsyrien : Kurden räumen Grenzstadt zur Türkei

          Die brüchige Waffenruhe nutzen kurdische Einheiten zum Rückzug aus einer umkämpften Stadt. Außenminister Maas nennt den türkischen Angriff völkerrechtswidrig, und in der Nato schließt unter anderem Deutschland den Bündnisfall aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.