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Bayern-Wahl und die Folgen : Bayern am Ende des Regenbogens

Söder macht dann den Sack zu. Natürlich sei es „kein einfacher Tag für die CSU“, „zum Teil sogar schmerzhaft“, „aber wir nehmen das Ergebnis an, auch in Demut“. Länger hält er sich bei den massiven Verlusten nicht auf. Er sagt: Entgegen manchen Prognosen und Kommentaren vor der Wahl habe man nun „einen klaren Regierungsauftrag“ bekommen. Söder macht deutlich, dass er „eine gewisse Präferenz“ für eine „bürgerliche Regierung“ habe. Das liege auch am grünen Bundesvorsitzenden Robert Habeck. Der hat sich im Wahlkampfendspurt etwas vergaloppiert. In einem auf Twitter geposteten Video sagte er zur Bayern-Wahl: „Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern.“ In der CSU, die ihre absoluten Mehrheiten in den vergangenen Jahrzehnten stets in freien Wahlen errungen hatte, sorgte das für Empörung. Habeck entschuldigte sich schnell und twitterte, „die Kritik nehme ich an“.

Die Grünen haben sich im Wahlkampf als erklärtes „Gegenmodell“ zur CSU gefallen. Bei aller Freude über das historische Ergebnis von mutmaßlich gut 18 Prozent und dem frenetischen Jubel im Fraktionssaal der Grünen schwingt doch auch eine bittere Note mit. Um kurz nach 19 Uhr bahnen sich die Spitzenkandidaten, die strahlende Katharina Schulze mit dem beinahe tänzelnden Ludwig Hartmann den Weg auf die Bühne, mit dabei: Habeck, der Berliner Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter sowie Claudia Roth. Kurz darauf kommt auch noch Cem Özdemir hinzu.

Rückenwind aus Berlin für Grüne

Habeck lobt das Spitzenduo, dass eine einmalige Mischung aus Tradition und Veränderungsbereitschaft geliefert habe. Hartmann nimmt als erster das Wort „historisch“ für diesen Abend in den Mund. „Das Ergebnis wird die Politik in Bayern dauerhaft verändern.“ Tatsächlich hat das Duo Söders Versuche, die Grünen als moralische Zeigefinger- und Bevormundungspartei hinzustellen, mit erstaunlicher Leichtigkeit abperlen lassen. Der Streit zwischen Realos und Fundis spielte unter den selbsternannten pragmatischen Weltenrettern Schulze und Hartmann keine Rolle. Selbst das Bienensterben konnten sie unter die Rubrik „Heimat bewahren“ fassen und damit Brücken in konservative Milieus bauen.

Auch aus Berlin kam für sie diesmal fast nur Rückenwind, seit Robert Habeck dort an der Spitze der Bundespartei steht. Mit dem Norddeutschen, der sich gern als kerniger Naturbusche gibt, konnte man selbst im ländlichen Bayern etwas anfangen. Doch das grüne Urgestein Sepp Dürr spricht aus, was an diesem Abend auch zur Wahrheit gehört: „Das Ergebnis ist schon ein saurer Apfel – wir hätten halt gern regiert.“ Tatsächlich hatten die Grünen im Wahlkampf erstaunlich wenige Zweifel daran gelassen, dass sie überaus gerne mit der CSU zusammen regiert hätten. „Ich mache ja nicht 20 Jahre Oppositionsarbeit, wenn ich nicht selbst mal regieren will“, fasst es Dürr die Lage präzise zusammen.

Es gibt durchaus auch CSU-Politiker, für die Schwarz-Grün keine Katastrophe bedeuten würde. Barbara Stamm, die Landtagspräsidentin, ist so jemand, schon aus familiären Gründen: Ihre Tochter Claudia, die jetzt mit der Partei „Mut“ zur Wahl antrat, saß einige Jahre für die Grünen im Landtag. Ihre Mutter ist inzwischen 73 Jahre alt, wollte eigentlich nicht mehr kandidieren. Doch nachdem Söder intensiv um sie geworben hatte, wohlwissend, dass der CSU bei dem momentanen Übermaß an Männlichkeit ein bisschen Weiblichkeit guttäte, hat sie doch noch einmal Ja gesagt. Sie hat keinen eigenen Stimmkreis, deswegen galt es vor der Wahl als extrem unwahrscheinlich, dass sie dem neuen Landtag angehören würde, auch wenn sie im Laufe der Zeit wieder mehr Lust bekommen hat, es nochmal zu packen.

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