https://www.faz.net/-gpf-9trka

Bauernproteste : Sieg der Agrarmoral

Eine Zukunft in der Landwirtschaft? Das Sterben der Höfe wird wohl weitergehen, darin sind sich Wutbauern, Bundeslandwirtschaftsministerin und Lobbygruppen einig. Bild: dpa

Die Agrarwende hat ähnliche Fronten geschaffen wie die Verkehrswende. Was hier der „Verbrenner“, ist dort die „Agrarfabrik“. Das Ergebnis sind wütende Bauern.

          1 Min.

          Der Bauernprotest in Berlin am Dienstag, einer von vielen in den vergangenen Monaten, ist nur die Spitze eines Eisbergs. Landwirte bilden in manchen Orten schon Selbsthilfegruppen, um zu erklären, was sie eigentlich tun – und dass sie keine Verbrecher sind. Ganz offensichtlich ist der Alltag vieler Höfe nicht mehr das, was Parteien, Verbände und insgesamt die Gesellschaft dafür halten. Begleitet wird diese Entfremdung von einer Radikalisierung, die aus anderen Politikfeldern bekannt ist.

          Die „Agrarwende“ hat ähnliche Fronten geschaffen wie die „Verkehrswende“. Was hier der „Verbrenner“, ist dort die „Agrarfabrik“. Konventionell wirtschaftende Bauern sehen sich zu Tätern gestempelt, die „Agrargift“ ausbringen und Tierquälerei betreiben. Das Wort „Chemie“ reicht, um Fachleute zu denunzieren. Dagegen wird eine Welt verherrlicht, in der alles regional, genügsam, neutral und ursprünglich ist. Ausgeblendet werden dabei Preisdruck, Globalisierung und die Chancen von Innovation.

          Das Agrarpaket der Bundesregierung, gegen das sich die Proteste richten, hat Misstrauen und Verunsicherung, die daraus erwachsen, trotz üppiger Hilfszusagen noch einmal verstärkt. Besonders umstritten sind Vorschriften für Stickstoffdüngung und Pflanzenschutz, die sich gegen Nitrat im Grundwasser und Insektensterben richten.

          Dass etwas getan werden muss, ist auch den Bauern klar; nicht aber, was jetzt auf sie zukommt. Wiewohl als Hauptschuldige identifiziert, waren sie in die Beratungen nur unzureichend eingebunden. Das nährt den Verdacht, dass hier nicht nur um Klima- und Naturschutz gerungen wird, sondern um den Sieg einer Agrarmoral, die viele Höfe in den Ruin treibt.

          Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ist in den vielen Zielkonflikten, die Stadt und Land, Insekten und Glyphosat, Masse und Klasse, Verbraucher und Vollsortimenter trennen, zwischen alle Stühle geraten. Das gilt auch für den Bauernverband, von dem sich die Wutbauern distanzieren, weil nicht er, sondern andere Lobbygruppen, voran die Umweltverbände, in der Öffentlichkeit und im Berliner Politikbetrieb den Ton angeben. In einem entscheidenden Punkt sind sich seltsamerweise alle einig: Das Sterben der Höfe wird weitergehen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Wer soll das bezahlen?

          Flüchtlinge in der Türkei : Wer soll das bezahlen?

          Immer wieder weist der türkische Präsident Erdogan auf die hohen Ausgaben für die syrischen Flüchtlinge in seinem Land hin. Wie viel Geld steht der Türkei tatsächlich zur Verfügung?

          Topmeldungen

          Warten auf Gäste: Türkische Taxifahrer an der syrisch-türkischen Grenze in Kilis im September 2019

          Flüchtlinge in der Türkei : Wer soll das bezahlen?

          Immer wieder weist der türkische Präsident Erdogan auf die hohen Ausgaben für die syrischen Flüchtlinge in seinem Land hin. Wie viel Geld steht der Türkei tatsächlich zur Verfügung?
          Seit Anfang des Jahres gelten andere Regel für Totalverluste aus Kapitalvermögen: Sie sind nicht mehr voll von der Steuer absetzbar.

          Steuergesetz : Verluste tun jetzt doppelt weh

          Wenn Anleger Geld verlieren, müssen sie oft trotzdem Steuern zahlen. Schuld daran ist ein neues Gesetz, das eigentlich nur grenzüberschreitende Steuergestaltungen regeln sollte.
          Späte Gerechtigkeit: Der Angeklagte Oswald Kaduk am 20. Dezember 1963 im Auschwitz-Prozess in Frankfurt

          Aufarbeitung des Völkermords : Auschwitz vor Gericht

          Auch nach dem Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 blieben viele Helfer und Helfershelfer des monströsen Völkermordes unbehelligt. Doch unabhängig von Strafprozessen gegen noch lebende Täter bleibt Auschwitz im Recht präsent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.