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Reiner Pfeiffer gestorben : Barschels früherer Medienreferent hinterlässt offene Fragen

  • Aktualisiert am

Umringt von Journalisten: Reiner Pfeiffer am 23. Oktober 1987 in Kiel vor seiner Aussage im Untersuchungsauschuss des Landtags (Archivbild) Bild: dpa

Einst war er die Schlüsselfigur der Affäre um den damaligen Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins. Nun ist Reiner Pfeiffer, der frühere Medienberater Uwe Barschels, im Alter von 76 Jahren gestorben. Es bleiben Fragen.

          Reiner Pfeiffer, der frühere Medienberater des einstigen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU), ist tot. Nach einem Bericht der „Bild am Sonntag“ starb Pfeiffer im Alter von 76 Jahren bereits am 12. August in Hambergen in der Nähe von Bremen. Pfeiffer war in den achtziger Jahren eine Schlüsselfigur der sogenannten „Barschel-Affäre“, in deren Verlauf der Ministerpräsident zurücktrat.

          Pfeiffer hatte 1987 enthüllt, er habe im Auftrag Barschels dessen damaligen SPD-Herausforderer Björn Engholm ausspioniert und mit Falschinformationen denunziert. Wenig später wurde Barschel unter nicht vollständig geklärten Umständen in einem Genfer Hotel tot aufgefunden. Die offizielle Bewertung als Selbstmord wurde immer wieder angezweifelt.

          Doch auch Engholm musste später als SPD-Bundesvorsitzender zurücktreten und seine Kanzlerkandidatur aufgeben. Denn es kam heraus, dass der damalige SPD-Landeschef Günther Jansen dem finanziell in Not geratenen Pfeiffer 40.000 DM zugesteckt hatte. Zudem hatte die SPD früher und mehr von dessen Treiben im mutmaßlichen Auftrag Barschels gewusst, als es zunächst den Anschein gehabt hatte.

          Der „Fall Barschel“ gilt bis heute einer der größten Politskandale der Bundesrepublik. Am 7. September 1987 hatte die Zeitschrift „Der Spiegel“ erstmals über mutmaßliche Machenschaften Barschels gegen Engholm berichtet  „Waterkantgate“ überschrieb die Zeitschrift damals ihren Bericht - in Anlehnung an die „Watergate-Affäre“ in den Vereinigten Staaten, die Präsident Richard Nixon 1974 das Amt gekostet hatte.

          Mysteriöser Tod Barschels

          Am darauf folgenden Sonntag wurde in Schleswig-Holstein ein neuer Landtag gewählt. Das Wahlergebnis ergab ein Patt zwischen beiden Lagern, also CDU und FDP auf der einen, SPD und Grünen auf der anderen Seite. Aber erst nach der Wahl entfaltete das publizistische „Waterkantgate“ seine volle Wirkung. Am 18. September folgte eine Pressekonferenz Barschels, auf der er sein berühmt gewordenes „Ehrenwort“ gab, nichts mit der Sache gegen Engholm zu tun, nichts davon gewusst zu haben. Am 2. Oktober musste Barschel zurücktreten. Neun Tage später fand ihn ein Fotograf der Zeitschrift „Stern“ im Genfer Hotel „Beau Rivage“ tot in der Badewanne liegend.

          Reiner Pfeiffer wurde in dieser Affäre von Beobachtern stets als eine zweifelhafte Person beschrieben. Pfeiffer hatte als Journalist vorher bei verschiedenen Zeitungen gearbeitet und war schließlich vom Axel-Springer-Verlag als Medienreferent an die Kieler Staatskanzlei vermittelt worden.

          Dubiose Machenschaften

          In dieser Zeit fingierte er eine anonyme Anzeige wegen Steuerhinterziehung gegen Engholm; er beschaffte sich ein Abhörgerät, mit dem Barschels Telefon ausgerüstet werden sollte, um dies der SPD in die Schuhe schieben zu können; er rief als Arzt bei Engholm an und sagte ihm, es bestehe bei ihm der Verdacht auf Aids; er beauftragte einen Privatdetektiv, um das Privatleben des SPD-Spitzenkandidaten auszuforschen; er fälschte eine Pressemitteilung der Grünen und setzte überhaupt falsche Behauptungen in den politischen Betrieb Kiels, um so überall Verwirrung auszulösen.

          Er selbst berichtete dann dem  „Spiegel“ von diesen dubiosen Machenschaften und behauptete, er sei zu alledem von Barschel angestiftet worden. Noch vor der Spiegel“-Veröffentlichung hatte Pfeiffer aber - wie später heraus kam - auch umfassend die SPD informiert.

          Von der „Barschel-Affäre“ zur „Engholm-Affäre“

          Im Herbst 1987 wurde in Kiel ein Untersuchungsausschuss eingerichtet, der allerdings zur Aufklärung nicht viel beitragen konnte. Im Mai 1988, bei den Neuwahlen, erreichte die SPD die absolute Mehrheit. Engholm wurde Ministerpräsident; später auch Vorsitzender der SPD als Nachfolger von Joachim Vogel. Er wurde Kanzlerkandidat - und musste in einer ebenfalls berühmt geworden Pressekonferenz am 3. Mai 1993 von allen Ämtern zurücktreten. Die „Barschel-Affäre“ war damit zu einer „Engholm-Affäre“ geworden.

          Engholm musste damals öffentlich zugeben, schon vor der Veröffentlichung des „Spiegel“ seinerzeit von Pfeiffers Machenschaften gewusst zu haben. Denn sein Sprecher Klaus Nilius hatte sich mehrfach geheim mit Pfeiffer getroffen. Pfeiffer verlor alle Glaubwürdigkeit. Auch vor Gericht mochte damals niemand mehr seiner Darstellung folgen.

          Barschels Tod aber bleibt ein weites Feld für alle möglichen Verschwörungstheorien, in denen mal der Bundesnachrichtendienst, mal der israelische Geheimdienst Mossad, mal die DDR-Staatssicherheit vorkommen.

          Reiner Pfeiffer (Archivbild 1987)

          Vor einigen Jahren hatte Pfeiffer bedauert, dass er seinerzeit Barschel an die SPD und den „Spiegel“ verraten habe - so sagte er es im Jahre 2007 der „Bild“-Zeitung: “Es tut mir leid! Wenn ich gewusst hätte, dass dabei ein Mensch, ein Vater von vier Kindern, zu Tode kommen würde, hätte ich es mit Sicherheit nicht gemacht." Aber er habe damals erwartet, „dass Barschel mehr kämpfen würde". Der ehemalige Medienreferent blieb aber bis zu seinem Tode bei seiner Behauptung aus dem Jahr 1987, er habe alles im Auftrag Barschels gemacht.

          In den letzten Jahren saß Reiner Pfeiffer im Rollstuhl und hatte zunehmend Sprachschwierigkeiten. Als Grund dafür nannte er einen ärztlichen Kunstfehler bei einer Knieoperation. Mit seinem Tod bleiben nun auch Fragen offen - wie in der gesamten Angelegenheit „Barschel -Engholm“, die bis heute alles andere als ein gutes Licht wirft auf die Politik in Deutschland.

          Reiner Pfeiffer - 1939 - 20015

          1939: Reiner Pfeiffer als Sohn eines Polizeibeamten geboren.

          1967 bis 1969: Nach Tätigkeit als Journalist bei der Westfälischen Rundschau Öffentlichkeitsreferent für Krupp in Essen

          1969 bis 1976: Öffentlichkeitsarbeit für den Bremer Flugzeugbauer VFW.

          1976: Chefredakteur des unionsnahen Wochenblattes "Weser-Report" und Pressesprecher CDU Bremen. Danach Tätigkeit als freier Journalist, Verkäufer in der Eisdiele seiner Frau und Grabredner bei einem Beerdigungsinstitut.

          1986: Eintritt in den Axel-Springer-Verlag. Von dort Vermittlung an die Kieler Landesregierung als Medienreferent.

          1987: Schlüsselrolle in der Barschel-Pfeiffer-Affäre. Gibt zu, im Auftrag von CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel den SPD-Kandidaten SPD Björn Engholm diskreditiert zu haben.

          1993: Schubladen-Affäre. Der SPD Landesvorsitzende Günther Jansen übergibt Pfeiffer wegen seiner Notlage 40 000 DM Spenden in bar, die er in einer Schublade gesammelt habe. Zweiter Untersuchungsausschuss in Kiel. Barschel wird auf Kosten Pfeiffers entlastet. Engholm stürzt, weil er Kontakt zu Pfeiffer verschwiegen hatte.

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