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Evangelischer Kirchentag : Obama-Besuch wird zum Politikum

Der Ratspräsident der Evangelischen Kirche, Bedford-Strohm, mit dem früheren Präsidenten Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel Bild: Reuters

Das Setting könnte nicht schöner sein: Brandenburger Tor im Sonnenschein, Angela Merkel und Barack Obama. Doch beim Auftritt auf dem Evangelischen Kirchentag geht es nicht um Wahlkampf. Oder doch?

          Heinrich Bedford-Strohm freut sich aus mehreren Gründen auf den gemeinsamen Auftritt mit Barack Obama. Zum einen hat der EKD-Ratsvorsitzende, der  seit Jahrzehnten intensive Kontakte in die Vereinigten Staaten unterhält und selbst mit einer Amerikanerin verheiratet, den ehemaligen Präsidenten noch nie zuvor persönlich getroffen. Zum anderen verkörpert Obama mit seiner militärisch zurückhaltenden und ökologisch und sozial progressiven Politik für den Landesbischof aus Bayern geradezu das Ideal eines Politikers.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Freude über den Auftritt Obamas vor dem Brandenburger Tor ist kirchenintern indes keineswegs ungeteilt. Bis in die Spitzen von Kirchentag und EKD gibt es Irritationen, ja Verärgerung. Gegen die Person Obama selbst hätte dort niemand etwas einzuwenden. Aber die Kombination mit Angela Merkel wird von nicht wenigen kritisch gesehen. Von „Wahlkampfhilfe“ vier Monate vor der Bundestagswahl ist die Rede. Im Ergebnis kämen bei der Veranstaltung vor allem schöne Bilder für die CDU-Vorsitzende heraus, heißt es.

          Öffentlich zeigt sich Bedford-Strohm genervt davon, dass in seine Kirche „immer die politische Farbenlehre reingetragen“ wird. Auch intern soll Bedford-Strohm die parteipolitische Dimension des Events ernsthaft in Abrede gestellt haben, was zu Verwunderung führte. Gerade SPD-nahe Kirchenleute fragen, warum man nicht aus Gründen der Ausgewogenheit auch noch einen Sozialdemokraten mit aufs Bild hinzugebeten habe. Martin Schulz zum Beispiel, der als religiös distanzierter Katholik im kirchlichen Milieu dringend punkten müsste, aber sich nun auf dem Kirchentag mit kleineren Auftritten zu begnügen hat.

          Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hatte Obama „schon vor Monaten“ eingeladen.

          Die Darstellungen darüber, wie es zu dem Obama-Merkel-Termin kam, weichen teils voneinander ab. Aus der EKD-Spitze heißt es, Bedford-Strohm habe Barack Obama schon vor vielen, vielen Monaten eingeladen. Parallel habe später der Kirchentag dann noch dessen Ehefrau Michelle Obama eingeladen. Die Kritiker betonen, eigentlich sei das Anliegen gewesen, einen „Magneten“ für die große Abschlussveranstaltung am Sonntag in Wittenberg zu gewinnen, bei der die Anmelderzahlen drastisch unter den Erwartungen liegen. Dieser Termin wäre wegen seiner gottesdienstlichen Rahmung parteipolitisch deutlich unverfänglicher gewesen.

          Die Entscheidung über das Setting traf jedoch letztlich die Obama-Foundation. Die klare Ansage von dort habe lautete, dass Barack Obama alleine zum Kirchentag reisen möchte und nur im Gespann mit Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor auftreten will. EKD und Kirchentag hatten wenig Spielraum für Nachverhandlungen. Die CDU bekam im Ergebnis ein Setting, wie man es sich im Wahlkampf nicht schöner wünschen könnte: Brandenburger Tor, Sonnenschein, Obama und mittendrin: Angela Merkel. In der SPD sieht man sich gelinkt und vermutet, das Kanzleramt habe vor der Entscheidung Obamas im Hintergrund die Fäden gezogen.

          Vor dem Brandenburger Tor war Barack Obama - damals noch amerikanischer Präsident - schon 2013 mit Angela Merkel aufgetreten

          Wo ist die SPD-Nähe des Kirchentags geblieben?

          Für die Verärgerung der Sozialdemokraten gibt es noch einen weiteren Grund. Die evangelische Kirche und insbesondere der Kirchentag galten über Jahrzehnte als SPD-nah. Seit einigen Jahren sieht die SPD ihren Einfluss jedoch schwinden. Auf Ebene der Personen ist es der Union längst gelungen, sich auch im einst stramm linksgerichteten Kirchentagsmilieu zu etablieren. Das evangelische CDU-Dreigestirn aus  Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Thomas de Maizière gehört mit seinem nachdenklich-pragmatischer Protestantismus auf Kirchentagen schon seit Jahren zu den beliebtesten Rednern beim Publikum. Auf der Ebene der Themen gibt es zusätzlich eine Verschiebung weg von sozialen Fragen hin zu Ökologie, Gender und Friedensthemen. Das sind die Kernthemen der Grünen. Dass die Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär demnächst die Leitung der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung übernimmt, fügt sich aus sozialdemokratischer Sicht in dieses Bild.

          Die Kritik am Obama-Auftritt hält man im Umfeld von Heinrich Bedford-Strohm dennoch für maßlos. Alle Beteiligten hätten sich gewünscht, dass das Reformationsjubiläum 2017 international gefeiert und rezipiert werden soll. Wenn dann nachher kritisiert werde, dass zur Eröffnung des Jubiläums der Papst kam und später Barack Obamas zum Kirchentag, sei das ein Ausweis von Kleingeist.

            

            

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