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Opfer des „Islamischen Staats“ : Zuflucht im Ländle

Zehntausende Yeziden flohen vor dem Terror des „Islamischen Staats“ in das Camp Dohuk im Nordirak. Darunter sind viele Frauen und Kinder. Bild: Helmut Fricke

Baden-Württemberg will 1000 yezidische Frauen aufnehmen, die von IS-Kämpfern missbraucht wurden. Die ersten 23 von ihnen sind nun angekommen. Das Land lässt sich das einiges kosten.

          Mit der sogenannten kleinen Außenpolitik sind baden-württembergische Ministerpräsidenten häufig beschäftigt. Damit gemeint sind die Beziehungen zu den Nachbarländern, der Schweiz und zu Frankreich. „Große Außenpolitik“ gehört normalerweise nicht zu ihren Aufgaben. Der Grüne Winfried Kretschmann kümmert sich in diesen Wochen aber um ein Thema, das eigentlich eines der Bundesregierung oder des Außenministers sein müsste: Er will bis Ende des Jahres etwa 1000 yezidische Mädchen und junge Frauen ins Land holen, die von den Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) vergewaltigt und misshandelt worden sind.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Seit gut einer Woche sind die ersten 23 Yezidinnen im Land. Wo sie sich befinden, wer sie betreut, wie es ihnen geht, was sie erlebt haben, will das von den Grünen geführte Staatsministerium aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich machen. Interviews mit den Frauen sind nicht möglich. Man fürchtet mit guten Gründen einen Racheakt von Terroristen des IS; die Frauen, die Mitarbeiter der Regierung in Deutschland und diejenigen, die derzeit zur Zusammenstellung des Sonderkontingents in der Region seien, müssten geschützt werden.

          Deshalb ist die Informationspolitik entgegen grünen Gepflogenheiten bei diesem Thema nun äußerst restriktiv. Der Chef der Staatskanzlei, Klaus-Peter Murawski, wies die Projektgruppe im Stuttgarter Staatsministerium sogar an, selbst über „Struktur, Arbeitsweise und Finanzierung“ des „Sonderkontingents für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak“ öffentlich nichts mitzuteilen.

          Dass er mit dem Sonderkontingent auch taktische Motive verfolge, bestreitet Kretschmann vehement. Im vergangenen Herbst hatten ihm Parteifreunde vorgeworfen, er habe das Asylrecht billig „verdealt“, weil er im Bundesrat der Novellierung des Asylrechts zugestimmt hatte.

          Da kommt die Aufnahme und Betreuung des Sonderkontingents, die sich das Land mindestens 30 Millionen Euro kosten lässt, nicht ungelegen. Sie soll als exzeptionelle humanitäre Tat wahrgenommen werden. Zum Image des Ministerpräsidenten passt das gut. Doch nicht überall wird Kretschmanns Vorgehen vorbehaltlos positiv kommentiert. In den Kommunen hört man Kritik daran, dass das Land die Kosten voraussichtlich nur zwei Jahre übernehmen wird, bislang aber nicht geklärt ist, wer zahlt, wenn die Frauen länger bleiben müssen oder wollen.

          „Dann ist es zu spät“

          Zum Glück kann die grün-rote Landesregierung bei der Bewältigung dieser schwierigen Aufgabe auf einen Fachmann wie Jan Ilhan Kizilhan zurückgreifen. Der Professor der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen ist Sohn einer nach Deutschland eingewanderten yezidischen Familie, er ist zudem Psychologe, Psychotherapeut und auch noch promovierter Orientalist. „Wenn wir die Frauen und Mädchen jetzt nicht rausholen“, sagt er, „dann ist es zu spät, dann werden viele von ihnen die schwere Traumatisierung nicht überleben.“ Kizilhan ist häufig im Nordirak gewesen. Er hat mit dem religiösen Oberhaupt der Yeziden gesprochen und für seine Forschungen im vergangenen Herbst auch einige jugendliche IS-Kämpfer interviewt.

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