https://www.faz.net/-gpf-6ysk9

Baden-Württemberg : Nicht untergegangen

Bienenkönig: Kretschmann (links) mit Staatssekretärin und Bienenfachmann im Garten vor seinem Amtssitz Bild: picture alliance / dpa

Vor einem Jahr wurde im Südweststaat die CDU durch Grün-Rot abgelöst. Nach wie vor schwankt die Stimmung zwischen wohlwollend-kritisch und abwartend-skeptisch. Aber man hat sich aneinander gewöhnt.

          6 Min.

          Als kürzlich die ersten Sonnenstrahlen auf den Rasen im Park der Stuttgarter Villa Reitzenstein fielen, gab es im Stuttgarter Staatsministerium Notfallalarm. Eine aufmerksame Mitarbeiterin eilte in den Garten. Lang hingestreckt lag da eine Frau im Gras, eingehüllt in eine Decke. Es war Gisela Erler, die grüne Staatsrätin für Bürgerbeteiligung, sie wollte nur die ersten Vorboten des Frühlings genießen. An die Bienenstöcke, die der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Garten seiner Staatskanzlei hat aufstellen lassen, haben sich die Mitarbeiter gewöhnt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Aber vieles ist den Regierenden und Regierten ein Jahr nach dem historischen Wahlsieg am 27. März 2011 immer noch ein wenig fremd - Sonnenanbeterinnen im Garten der Staatskanzlei zum Beispiel. Oder ein Verkehrsminister, der keine Straßen bauen will. Mit einem gewissen Aufatmen war die Abwahl des robusten Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) vor gut einem Jahr auch in Teilen des konservativen Bürgertums aufgenommen worden. Nun gibt es einen Ministerpräsidenten, der aus den Werken Hannah Arendts vorliest und der Industrie anfänglich sogar mit der „Innovationspeitsche“ drohte.

          „Herr Mappus war ja nicht akzeptabel“

          Zwölf Uhr mittags, ein gewöhnlicher Dienstag, die Stuttgarter Rotarier, Abteilung „Weinsteige“, sind in das Restaurant in der Liederhalle gekommen. Gegen eine Essensmarke werden Zanderfilet und Kalbsgeschnetzeltes serviert. Es könnte kaum einen Ort geben, der typischer ist für Stuttgart: Ein Saal ist nach Hegel benannt, von der anderen Straßenseite leuchtet ein Reklameschild der Zeitschrift „Auto Motor und Sport“. Wie überall sind die Rotarier auch hier dominiert von solventen Senioren - ein ehemaliger Theaterdirektor, ein früherer Bankvorstand, ein ehemaliger Lebensmittelgroßhändler, ein Professor. Bestes Stuttgarter Bürgertum.

          Historischer Wahlsieg: Kretschmann vor einem Jahr
          Historischer Wahlsieg: Kretschmann vor einem Jahr : Bild: dpa

          Die Haltung gegenüber der ersten linken Regierung in Baden-Württemberg, das in diesem Jahr seine Gründung vor 60 Jahren feiert, hat sich seit der historischen Wahlniederlage der CDU im vergangenen Jahr wenig verändert: Sie erstreckt sich von wohlwollend-kritisch bis abwartend-skeptisch. Man nimmt den Regierungswechsel gelassen, hält ihn nach Jahrzehnten der CDU-Vorherrschaft für eine willkommene Abwechslung. „Als die CDU noch regierte, haben wir immer wieder um einen Termin gebeten, es kam niemand. Die neue grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hat sich gleich am Anfang mal eine Stunde Zeit genommen“, sagt Johanna Eder, Direktorin des Stuttgarter Naturkundemuseums.

          „Herr Mappus war ja nicht akzeptabel, Kretschmann ist respektabel“, sagt der ehemalige Theaterdirektor. Frank Heintzeler, ehemaliger Bankvorstand, sieht es kritischer: „Der Weltuntergang blieb aus, für die CDU ist es heilsam, Kretschmann ist aber eher ein Vernebler, insgesamt wird das in vier Jahren wohl schiefgehen, schauen Sie sich nur die Haushaltsprobleme an“, sagt er.

          „Green is the new black“

          Dinge, die wenig kosten, hat die neue Regierung sofort geändert. Zu Empfängen der selbsternannten „Bürgerregierung“ werden nun auch echte Bürger eingeladen. Die Lachshäppchen sind phantasievoller, manche stammen aus ökologischer Produktion. Sogar eine Kolumnistin der eher auf das konservative Stuttgarter Wirtschaftsbürgertum festgelegten Glamour-Zeitschrift „Top Stuttgart“ verfasste einen Beitrag unter dem Titel: „Green is the new black“. In der PR-Sprache eines Ökokosmetikproduzenten sind die neuen Machtverhältnisse ein „NaturRepair Renewal Fluid“; bis zur nächsten Wahl 2016 habe das Land nun Zeit zur Regeneration.

          Weitere Themen

          Konstanz wird nicht dunkelrot

          Oberbürgermeisterwahl : Konstanz wird nicht dunkelrot

          Der CDU-Politiker Ulrich Burchardt gewinnt die Oberbürgermeisterwahl in der Universitätsstadt am Bodensee knapp im zweiten Anlauf und verhindert damit den ersten OB der Linkspartei in einem westdeutschen Bundesland.

          Der Hoffnungsträger der Demokraten Video-Seite öffnen

          Jamie Harrison : Der Hoffnungsträger der Demokraten

          Jaime Harrison kandidiert für den Senat im Bundesstaat South Carolina und will einen der mächtigsten Republikaner im Oberhaus schlagen: Lindsey Graham. In der republikanischen Hochburg hat er es als Afroamerikaner nicht leicht – begeistert jedoch mit seiner Glaubwürdigkeit.

          Topmeldungen

          Dies ist eine Hacker-Tastatur: Ein chinesischer Hacker unter dem Pseudonym „Prince“ ließ die Nachrichtenagentur AFP seine Finger fotografieren.

          Cyberabwehr : Die „gefährlichste Schadsoftware der Welt“ geht weiter um

          Jeden Tag entstehen mehr als 300.000 neue Schadprogramme: Die IT-Sicherheitslage in Deutschland ist „angespannt“, warnt Deutschlands technische Cyber-Abwehrbehörde. Noch immer dominiert eine Gefahr, die man eigentlich schon seit Jahren kennt.
          Feierstimmung beim zweitägigen Rye-Festival in Peking

          Keine zweite Welle in China : Es darf wieder gefeiert werden

          In China ist die zweite Welle der Pandemie ausgeblieben. Die Clubs sind voll. Und es sieht danach aus, als wenn das auch so bleiben würde. Vielen Chinesen gibt das neues Selbstbewusstsein.
          Undankbar oder mutig? Sawsan Chebli

          Sawsan Chebli : Die Kunstfigur

          Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli kämpft gegen Rassismus und für Frauenrechte. Nun will sie in den Bundestag. Viele Genossen finden das unerhört, andere schwärmen für sie. Wer ist die Frau?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.