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Baden-Württemberg : Erinnerungen kosten Geld

Schwere Geschichte: Das „Hotel Silber“ in der Dorotheenstraße in Stuttgart Bild: picture alliance / dpa

Die rot-grüne Landesregierung will eine ehemalige Gestapo-Zentrale zu einem Erinnerungsort ausbauen. Weil das Projekt sehr teuer ist, fordern andere Gedenkstätten auch einen höheren Etat.

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          Im Internet gibt es den „Erinnerungsort Hotel Silber“ schon. Mit wenigen Klicks ist es möglich, sich über den Sitz der württembergischen Gestapo-Zentrale von 1936 bis 1945 zu informieren. Der geschichtsinteressierte Nutzer lernt vor allem, Kontinuitätslinien zu ziehen zwischen der NS-Zeit und der Bundesrepublik. Zum Beispiel beim Fall Hermann Mozer, NSDAP- und SS-Mitglied. Er organisierte von 1939 bis 1945 die Deportation der Juden aus Württemberg und Hohenzollern.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Von 1957 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1968 saß er dann wieder in dem Gebäude in der Dorotheenstraße 10 in der Stuttgarter Innenstadt, nun als Kriminalpolizist der jungen Bundesrepublik. Die Internet-Seite, entworfen vom baden-württembergischen „Haus der Geschichte“, zeigt, welche Möglichkeiten ein Erinnerungsort böte. Ob es diese Gedenkstätte jemals geben wird, ist in den vergangenen Wochen aber zunehmend ungewiss geworden. Vor allem die SPD hatte im Wahlkampf versprochen, das Gebäude vor dem Abriss zu bewahren und eine Gedenkstätte einzurichten.

          Etwa 80 Erinnerungsstätten und Gedenkorte im Südwesten

          In der grün-roten Koalitionsvereinbarung wird nur versprochen, die „Erinnerungskultur zu verstetigen“, aber der SPD-Landesvorsitzende Nils Schmid und der Fraktionsvorsitzende Claus Schmiedel hatten ihren Wählern zugesichert, das „Hotel Silber“ zum Erinnerungsort auszubauen. Ausschlaggebend waren hierfür mehrere Gründe: Der erste Vorsitzende der Nachkriegs-SPD, Kurt Schumacher, war in der Dorotheenstraße inhaftiert. Und in den Geschichtsinitiativen, die sich seit Jahren für einen „Gedenkort Hotel Silber“ einsetzen, sind auch zahlreiche Gegner des Bahnhofsprojekts „Stuttgart 21“ zu finden.

          Die SPD, die das Bahnhofsprojekt ja immer befürwortet hat, wollte sich ein wenig versöhnlich zeigen. Auch Erhard Eppler, Herta Däubler-Gmelin oder Edzard Reuter sprachen sich dafür aus, das Hotel Silber nicht einfach abzureißen. Eine Gedenkstätte mit 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche verändert aber die Gedenkstättenlandschaft Baden-Württembergs spürbar. Etwa 80 Erinnerungsstätten und Gedenkorte gibt es im Südwesten. Dazu gehören große wie der Obere Kuhberg in Ulm, der an das dortige Konzentrationslager erinnert, oder die Erinnerungsstätte Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, wo die Nationalsozialisten behinderte Menschen ermordeten.

          „Wir wollen nicht, dass ein Ungleichgewicht entsteht“

          Es gibt aber auch viele kleinere Erinnerungsorte wie die in Echterdingen-Bernhausen, wo einst ein KZ-Außenlager betrieben wurde. Diese 80 Erinnerungsstätten werden im Jahr vom Land mittlerweile mit 300.000 Euro gefördert. Für das neue Dokumentationszentrum „Hotel Silber“ in Stuttgart veranschlagte man jährliche Kosten in Höhe von einer Million Euro. Drei Mal so viel, wie bisher für die Gedenkstätten ausgegeben wird.

          Diese Ungleichbehandlung fiel den Vertretern der „Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen (LAGG)“ sofort auf, natürlich erkannten sie, dass die Diskussion über das „Hotel Silber“ und die Finanzierung der Gedenkstätte der ideale Zeitpunkt ist, um für ihre Erinnerungsorte ebenfalls eine Aufstockung des Etats zu fordern. In einem Konzept zur „Neuausrichtung der Landesgedenkstättenförderung“ verlangen sie nun, jährlich mit 750.000 Euro gefördert zu werden. „Wir können als Gedenkstättenverband nicht gegen ein solches Projekt argumentieren, wir begrüßen das selbstverständlich. Aber wir wollen auch nicht, dass ein solches Ungleichgewicht entsteht und die kleinen Gedenkstätten noch nicht einmal das Geld für Reinigung und Heizung bezahlen können“, sagt Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck.

          Mit „handgemachten Ausstellungen“ könnte man den Leuten nicht mehr kommen, außerdem gäbe es in der Nähe von Rastatt Planungen für einen „Lernort für Zivilcourage in Baden“, er soll dort entstehen, wo früher das KZ Kislau war. Auch im oberschwäbischen Weingarten fordern Geschichtsinitiativen den Bau eines weiteren Erinnerungsorts.

          In Stuttgart wurde von den Politikern zudem übersehen, dass es neben dem „Haus der Geschichte“ und dem Hotel Silber künftig auch das neue Stadtmuseum im Wilhelmpalais geben wird, dessen Ausstellung ebenfalls eine Abteilung zur Zeit der NS-Diktatur beherbergen wird. SPD und Grüne einerseits und das Land und die Stadt Stuttgart auf andererseits konnten sich in den vergangenen Monaten weder auf die Größe des neuen Dokumentationszentrums noch auf eine Verteilung der Unterhaltungskosten einigen. „Wir können die Kosten aus dem Haushalt des Wissenschaftsministeriums nicht aufbringen, da muss man frisches Geld in die Hand nehmen“, sagte Jürgen Walter (Grüne) dieser Zeitung.

          Der jährliche Unterhalt fehlt noch im Etat

          Walter ist der zuständige Staatssekretär im Wissenschaftsministerium. Die Aussage ist eine direkt Aufforderung an Finanzminister Nils Schmid (SPD), das Geld locker zu machen. Für den jährlichen Unterhalt wurden bislang 800.000 bis eine Million Euro veranschlagt - im Etat fehlen sie noch. Die jährliche Erhöhung der Gedenkstättenförderung käme noch hinzu. Zwischen Stadt und Land ist zudem umstritten, wer die Mietkosten nach der Eröffnung bezahlen soll. Die Stadt Stuttgart weigert sich, die Hälfte dieser Kosten zu übernehmen.

          Ingo Rust (SPD), der zuständige Staatssekretär im Finanzministerium, hat in der vergangenen Woche nun schon zu einer „stufenweisen“ Realisierung des Projekts geraten. Das hieße, man würde die Ausstellung nicht von Anfang an für mehreren Etagen konzipieren, sondern sie Schritt für Schritt erweitern. Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte, beauftragt mit der Entwicklung eines Museumskonzepts, warnt schon vor dem Scheitern des Projekts und vor Frustrationen bei den Ausstellungsmachern. „Wenn man sich nicht schnell einigt“, sagt ein Museumsfachmann, „wie das Konzept aussehen soll, auf wie vielen Etagen das Dokumentationszentrum überhaupt eingerichtet werden soll, dann ist der Eröffnungstermin 2016 keinesfalls zu halten.“

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