https://www.faz.net/-gpf-9yw4j

Baden-Württemberg : Corona-Tests auch für Symptomfreie

  • -Aktualisiert am

Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit Markus Söder, dem bayerischen Regierungschef Bild: dpa

Die Testkapazitäten für das Coronavirus sollen in Baden-Württemberg verdoppelt werden. Dadurch sollen unentdeckte Cluster entdeckt werden – in Einzelfällen ist das schon gelungen.

          3 Min.

          Das Land Baden-Württemberg beschreitet bei den Corona-Tests einen Sonderweg. Als erstes Bundesland will die grün-schwarze Landesregierung vermehrt Personen testen lassen, die symptomfrei sind. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte hiervon bislang immer abgeraten.

          Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagte, um die Fallzahlen nach den Lockerungsmaßnahmen niedrig zu halten, müssten die Abstandsregeln eingehalten, Masken getragen und zudem die Tests ausgeweitet werden. Das sei eine „sehr wirksame Methode“ zur Kontrolle der Pandemie. Künftig sollen nicht nur Personen mit den typischen Corona-Symptomen getestet werden, sondern auch symptomfreie Menschen, die häufig Kontakt zu Infizierten haben.

          Das sind Bürger, die in Firmen mit zahlreichen Corona-Fällen oder in Gemeinschaftsunterkünften wie etwa Flüchtlingsheimen arbeiten, sowie natürlich Ärzte und Pfleger, die in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen beschäftigt sind.

          Die Landesregierung hält es für möglich, die Zahl der Tests von 80.000 pro Woche auf 168.000 zu steigern. Allerdings reichen die Testkapazitäten im Moment hierfür noch nicht aus: Derzeit sind 40.000 freie Untersuchungskapazitäten vorhanden, für die restlichen 48.000 Proben müssten „zusätzliche Laborkapazitäten“ zeitnah aufgebaut werden, heißt es in einem Papier des Landesgesundheitsministeriums zur neuen Teststrategie des Landes.

          Auch sei der Zugang zu einer „niedrigschwelligen Testung“, also für Menschen mit kaum spürbaren Symptomen, in den nächsten Wochen „noch optimierungsbedürftig“. Das heißt, diese Patienten scheuen die Tests und suchen keine Testambulanz auf.

          Sieben unentdeckte Infektionscluster

          Die Kosten eines Corona-Tests bei asymptomatischen Personen zahlen die gesetzlichen Krankenkassen nicht, auf Bundesebene wird über eine Regelung für die Kostenübernahme verhandelt, vorläufig zahlt das Land die etwa 100 Euro pro Test. Mindestens ein Drittel der Neuinfektionen werden von Menschen verursacht, die keine typischen Corona-Symptome haben, die von der Gefahr, die von ihnen ausgeht, also gar nichts wissen.

          Deshalb geht die Landesregierung davon aus, dass es so wichtig ist, auch symptomfreie Personen zu testen. Erste Diskussionen über Tests für symptomfreie Corona-Infizierte hatte es schon Ende März gegeben, als in Altenheimen vermehrt Infektionen festgestellt wurden und dort immer mehr Menschen starben.

          Erste, sehr eindringliche Forderungen, angesichts der dramatischen Situation in den Heimen mehr Corona-Tests zu machen, stellten einige Landkreise an Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) schon Ende März. Der Minister hatte noch am 17. April das präventive Testen in Pflegeheimen und Gruppenunterkünften öffentlich abgelehnt, dann aber per Brief Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) um Hilfe zu diesem Zweck gebeten.

          Zu diesem Zeitpunkt hatten die Landkreise Tübingen und Reutlingen bereits erkannt, dass sie handeln mussten, und auf eigene Kosten in den Heimen mit dem Testen begonnen. Im Landkreis Tübingen gelang es, innerhalb einer Woche sieben bisher nicht bekannte „Infektionscluster“ ausfindig zu machen.

          Vierzig Tote stammten aus Pflegeheimen

          Im Landkreis Reutlingen testete man die Bewohner und das Personal von 38 Altenheimen und Pflegeeinrichtungen. Bei etwa 4600 Personen wurden Nasen- und Rachenabstriche genommen. Das Ergebnis zeigte dann, wie wichtig es ist, symptomfreie Sars-CoV-2-Infizierte zu identifizieren: Das Reutlinger Gesundheitsamt stellte bei 191 Heimbewohnern eine Infektion fest. 58 hatten davon nichts bemerkt, 133 klagten über die typischen Corona-Symptome wie Fieber oder trockenen Husten.

          Beim Personal stellten die Ärzte bei 137 Krankenschwestern, Küchenhilfen und Pflegern eine Infektion fest, 45 waren symptomfrei geblieben, 92 bemerkten die Krankheit. „Es gab Anfang März, als wir mit dem Testen begannen, keine Handlungsanweisung der Regierung“, sagt der Reutlinger Landrat Thomas Reumann (parteilos). Von 58 Covid-19-Toten im Landkreis Reutlingen stammten 40 aus Pflegeheimen.

          Reumann kritisiert die neueste Empfehlung des baden-württembergischen Gesundheitsministeriums. Dort werde eine Testung „asymptomatischer Virusträger“ zwar dringend empfohlen, flächendeckende Tests in den stationären Pflegeeinrichtungen würden damit aber immer noch nicht verbindlich vorgeschrieben. Nach der neuen Teststrategie soll es in den Heimen weiterhin Corona-Tests nur bei einem „begründeten Verdacht“ geben, sagt Reumann. Damit entdecke man die symptomfreien Virusträger weiterhin nicht.

          Wie auch schon bei anderen Entscheidungen zur Corona-Pandemie blockierten sich die Covid-19-Lenkungsgruppe in Kretschmanns Staatsministerium und der Krisenstab des Gesundheitsministeriums wechselseitig. Offenbar kam es zur Anordnung der neuen Teststrategie nur, weil Kretschmann am Sonntag die Geduld verlor und seinen langsam agierenden Ministern in die Parade fuhr.

          Weitere Themen

          Der Hoffnungsträger der Demokraten Video-Seite öffnen

          Jamie Harrison : Der Hoffnungsträger der Demokraten

          Jaime Harrison kandidiert für den Senat im Bundesstaat South Carolina und will einen der mächtigsten Republikaner im Oberhaus schlagen: Lindsey Graham. In der republikanischen Hochburg hat er es als Afroamerikaner nicht leicht – begeistert jedoch mit seiner Glaubwürdigkeit.

          Topmeldungen

          Islamistischer Mord an Lehrer : Die Angst regiert

          „Die Lehrer sind Zielscheiben“: Nach dem Mord an Samuel Paty kann Frankreich die islamistische Bedrohung von Schulen nicht länger leugnen. Wird das Land auch diesmal versuchen, seine Konflikte in Erinnerungspolitik aufzulösen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.