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500 Yeziden nach Deutschland : Humanität ist ein weiter Weg

Müde und traumatisiert: Vielen yezidischen Frauen, wie hier in einem Flüchtlingslager in Syrien, wurden von den Schergen des IS übles Unrecht angetan. Bild: Fricke, Helmut

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann will traumatisierte Frauen aus dem Irak und Syrien aufnehmen - das ist viel komplizierter als gedacht.

          3 Min.

          Ursprünglich sollte noch vor Weihnachten eine Delegation aus Baden-Württemberg in den Nordirak aufbrechen. Denn Mitte Oktober hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann nach dem Flüchtlingsgipfel der Landesregierung angekündigt, ein Sonderkontingent von Mädchen und jungen Frauen aus den kurdischen Teilen des Iraks und aus Syrien aufzunehmen. Von bis zu tausend Frauen war einmal die Rede, jetzt spricht man eher von 500.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Kretschmann und die grün-rote Landesregierung wollen Mädchen und Frauen helfen, die von Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) verschleppt und vergewaltigt wurden. Allein in den Flüchtlingslagern der Region soll es 5000 schwer misshandelte Frauen geben. Unter ihnen sind Christinnen und vor allem aber yezidische Mädchen, die von den Islamisten besonders schändlich behandelt wurden.

          Das Stuttgarter Staatsministerium, das Integrationsministerium und das Innenministerium bereiten seit der Ankündigung die Aufnahme der Flüchtlinge vor. Doch die Verhältnisse in der Region sind so schwierig, dass völlig unklar ist, wann das Flüchtlingssonderkontingent auf dem Stuttgarter Flughafen eintreffen kann. Einige Fachleute bezweifeln sogar, dass es überhaupt zustande kommt.

          Erschütternde Bilder lassen Kretschmann handeln

          Die Delegationsreise jedenfalls musste aus Sicherheitsgründen abgesagt werden, das Bundeskriminalamt rät von solchen Expeditionen derzeit ab. Die Verzögerungen bei dem Projekt haben schon zu kleineren Reibereien innerhalb der Koalition geführt. Im Umfeld des Ministerpräsidenten ist man äußerst erbost, dass ausgerechnet die linke Wochenzeitung „Kontext“ das Projekt kürzlich als PR-Nummer verunglimpfte, mit der Kretschmann seine Zustimmung zur Asylrechtsnovellierung im Bundesrat kompensieren wolle. „Das hat inhaltlich nichts miteinander zu tun“, sagte ein Regierungssprecher.

          Auf Einladung der Landtagsfraktion hatte der Zentralrat der Yeziden Mitte September auf einer auswärtigen Klausurtagung in Berlin über die Situation im Irak berichtet. Das Referat von Telim Tolan, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Yeziden, hatte die Abgeordneten verstört zurückgelassen.

          Kretschmann selbst berichtete immer wieder von den erschütternden und unerträglichen Bildern misshandelter Frauen, die die Yeziden gesammelt und mit zur Fraktionssitzung gebracht hatten. Es gab dann noch ein weiteres Gespräch im Staatsministerium, und Kretschmann war danach fest entschlossen, humanitär zu helfen.

          Fachpersonal für Flüchtlinge

          Doch bis dahin ist es ein weiter Weg: Das Bundesinnenministerium muss das Sonderkontingent genehmigen. In Baden-Württemberg muss Fachpersonal gefunden werden, das in der Lage ist, die Patientinnen zu behandeln. Die Traumatherapeuten sollten einige Grundkenntnisse über die kulturellen Hintergründe der Yeziden mitbringen.

          Es müssen kleine Wohngruppen eingerichtet werden, denn solche schwer traumatisierten Patientinnen sollten keinesfalls in einer Containersiedlung oder einer ehemaligen Kaserne untergebracht werden. Es muss ein Test zur Auswahl der Patientinnen entwickelt und in den kurdischen Dialekt Kurmandschi übersetzt werden, den die meisten Yeziden sprechen.

          Zum Glück gibt es mit Jan Ilhan Kizilhan im Land einen Fachmann, der aus Kurdistan stammt, Orientalist und Psychologe ist. Kizilhan leitet den Studiengang Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen und ist zudem Yezide. Der Professor ist mehrmals in der Region gewesen und kennt die Lage dort sehr gut. „Für eine optimale Betreuung wäre die Einrichtung eines Kompetenzzentrums sinnvoll, um das Personal mit den psychologischen und kulturellen Hintergründen vertraut zu machen. Das medizinische Knowhow ist vorhanden, die kultursensiblen Kompetenzen müssen noch erworben werden.“

          Kililhans Liste: 500 tragische Frauenschicksale

          Kizilhan schätzt, dass ein Drittel der Frauen stationär behandelt werden muss, zwei Drittel könnten in Wohngruppen untergebracht werden. Die durchschnittliche Behandlung dauere zehn bis zwölf Wochen. „Die Mädchen sind entführt worden, viele sind mehrmals missbraucht worden. Sie haben große Schwierigkeiten, in ihre Gesellschaft zurückzukehren, die patriarchalisch ist und mit Ehrverletzungen ein Problem hat“, sagt Kizilhan.

          Es sei eine große und wichtige humanitäre Aufgabe, diesen Opfern zu helfen, zumal sich die Situation im Winter verschlechtern werde und viele vergewaltigte Frauen vor einer Verschleppung in andere arabische Länder zur Zwangsprostitution bewahrt werden müssten.

          Kizilhan hat eine Liste mit rund 500 traumatisierten Mädchen. „Ich habe mich bei den etwa zwanzig einflussreichen Stammesführern der Yeziden in der Region, die viel Einfluss haben, aber kein politisches Mandat, dafür eingesetzt, dass die Mädchen von ihren Familien nicht verstoßen werden. Diese Familien vertreten einen Ehrbegriff, der in der yezidischen Religion gar nicht angelegt ist.“

          IS-Schergen treiben grausame Spielchen

          Die größte Schwierigkeit für die Landesregierung und die humanitären Organisationen ist es, die Frauen auszuwählen, die am dringendsten behandlungsbedürftig sind. Dazu will das Staatsministerium Baden-Württemberg nun mit in der Region tätigen Hilfsorganisationen wie dem „Verein Luftbrücke“ oder dem Berliner „Zentrum für Folteropfer“ kooperieren. Nach dem Sechsaugenprinzip sollen, auch zur Korruptionsvorbeugung, die künftigen Patientinnen von jeweils drei vertrauenswürdigen Ärzten in der Region ausgewählt werden. Die medizinische Behandlung sollen in Baden-Württemberg dann die Universitätskliniken Ulm, Freiburg und Heidelberg übernehmen.

          Die Vergewaltiger des IS demütigen ihre Opfer, oftmals machen Menschenhändler mit den ebenfalls traumatisierten Eltern noch üble Geschäfte. „Ich kenne Fälle“, sagt Kizilhan, „da hat der Vergewaltiger die Eltern auch noch angerufen und gesagt, dass er die Tochter geschwängert hat. Oder den Vätern wird vorgetäuscht, sie könnten ihre Töchter aus dem Lager freikaufen, dann schicken die Menschenhändler den Familien irgendwelche Mädchen, nur nicht die eigenen Töchter.“

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