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Baden-Baden : Die Russen sind da

„Die Stadt ist herrlich“: Baden-Baden auf einer Postkarte vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts Bild: ddp images/Arkivi UG

Gäste aus Russland haben in Baden-Baden eine lange Tradition. Nicht nur Grandhotels werden von ihnen bevölkert, sie kaufen auch immer mehr Villen und bauen diese teils spektakulär aus.

          Idi sjuda!“, ruft der Hausmeister. „Komm her“ heißt das auf Deutsch. Der Dackel zögert. Lässt sich bitten. Dann wackelt er durch das große Tor des Jagdschlosses. In einer Garage steht eine schwere amerikanische Limousine. Von der Terrasse der Villa kann man bis in die Vogesen schauen. Einst genoss Jacques Massu, der Oberkommandant der französischen Streitkräfte in Deutschland, diesen Blick vom Jagdschlösschen in seine Heimat. Als im Mai 1968 die Studenten in Paris auf die Straße gingen, ließ sich Charles de Gaulle mit dem Hubschrauber zu dem Schloss im Baden-Badener Wald fliegen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          1999 verließen die Franzosen die Kurstadt und gaben auch das Jagdschlösschen auf. Es kamen die Russen. Für kurze Zeit soll das Anwesen sogar dem Oligarchen Abramowitsch gehört haben. Am Briefkasten steht heute: „Marie-Michelle Baden-Baden Wine Enterprise GmbH“. Das Jagdschloss ist Eigentum eines osteuropäischen Investors. In Baden-Baden gibt es immer mehr Häuser mit merkwürdigen Namen von Schlüsselfirmen am Türschild, und immer häufiger sieht man nagelneue Doppelhaushälften mit 200 Quadratmetern Wohnfläche, die per Webcam überwacht werden und, wenn es hoch kommt, drei Tage im Monat bewohnt sind.

          Russen sind immer mal wieder Thema

          Angesichts der hohen Immobilienpreise und der Ukraine-Krise diskutieren die Bürger der Kurstadt derzeit etwas häufiger darüber, welche Rolle die Russen in der Welt und an der Oos eigentlich spielen sollten. Während des Oberbürgermeisterwahlkampfs waren die Russen immer mal wieder Thema. Im Rathaus hört man solche Diskussionen nicht gern; ärgerlich finden es die meisten Kommunalpolitiker, wenn Zeitungen von der „Krim-Krise im Schwarzwald“ oder „Deutschlands russischster Stadt“ schreiben. Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner (CDU) ist nur noch wenige Tage im Amt.

          Als der SPD-Gemeinderat Werner Henn beim Ausbruch der Ukraine-Krise forderte, man solle die Städtepartnerschaft mit Jalta auf der Krim doch aussetzen, wurde Gerstner zum Diplomaten. Der russische Präsident Putin verletze vielleicht das Völkerrecht, doch man dürfe die „menschliche Seite“ nicht vergessen und Russland nicht ins Abseits drängen. Erst 2012 waren die Gemeinderäte nach Sotschi gereist, um eine weitere Städtepartnerschaft anzubahnen. Bea Böhlen, eine grüne Gemeinderätin, reiste mit und wurde bei jedem Schritt von den russischen Kommunalpolitikern überwacht.

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          Souvenirs einkaufen durfte sie nur auf der Promenade. Bei der nächsten Reise 2013 blieb sie lieber zu Hause. Die Städtepartnerschaft zwischen Baden-Baden und Sotschi wurde unterzeichnet, aber ohne die Zustimmung von Grünen und Teilen der SPD. „Wir sehen es positiv, wenn russische Mitbürger hier Liegenschaften sanieren, aber das Preisniveau für Immobilien ist durch die Nachfrage der Russen stark gestiegen. Mittlerweile gibt es Erbengemeinschaften, die wegen der höheren Preise ausschließlich an Russen verkaufen wollen“, sagt Böhlen.

          Viele das Stadtbild prägende Häuser gehören mittlerweile Eigentümern oder Holding-Gesellschaften aus Osteuropa: Der Bayerische Hof gegenüber dem international renommierten Festspielhaus, die Villa Chantal Grundig, die Villa Stroh, die Villa Hohen Baden, das Hotel Waldhorn in Lichtental, der Forellenhof, auf dem der Südwestfunk einst die bekannte gleichnamige Fernsehserie drehte – alle diese identitätsstiftenden Immobilien sind heute Eigentum von Russen, Kasachen oder Ukrainern. In vielen anderen Städten, die in der Provinz liegen, hätte es wahrscheinlich schon Montagsdemonstrationen gegeben. In Baden-Baden sind die Bürger stolz auf ihre kosmopolitische Tradition.

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