https://www.faz.net/-gpf-6kb1i

Aygül Özkan im Gespräch : „Migrantenkinder früher in den Kindergarten“

  • Aktualisiert am

Erste muslimische Ministerin – Aygül Özkan (CDU) in Hannover Bild: Franz Bischof

Aygül Özkan (CDU) ist die erste türkischstämmige Ministerin in Deutschland. Im Interview spricht sie über die Bildungschipkarte, Krankenhausinfektionen und die Versäumnisse der Integrationspoltik.

          Frau Ministerin, Sie haben als Tochter eines Schneiders Jura studiert. Wer waren Ihre Vorbilder?

          Zu allererst meine Eltern, vor allem meine Mutter. Sie hat mir vorgelebt, dass sich Beruf und Kindererziehung vereinbaren lassen. Mein Vater, der in der Türkei die Schneiderei seines Vaters übernommen hatte, hätte auch gerne studiert. Doch nur sein Bruder ging zur Universität. So nahm er sich vor, seinen Kindern ein Studium zu ermöglichen. Meine Schwester und ich kamen mit drei Jahren in den Kindergarten. Mein Vater informierte sich, welche Schulen wir besuchen müssen, damit uns die Universität offen steht. Er engagierte sich in der Elternvertretung. Durch den Kontakt mit den Kunden konnten meine beiden Eltern Deutsch. Der Vater eines meiner Mitschüler in der Oberstufe war Dekan der juristischen Fakultät. Als er hörte, dass ich mich für Jura interessiere, lud er mich nach Hause ein und erklärte mir, worauf ich achten müsse. Meine Lehrerin im Deutsch-Leistungskurs, die leider nicht mehr lebt, hat mich auch gefördert.

          Die Quote von Schulabbrechern unter türkischstämmigen Jugendlichen ist doppelt so hoch wie in der Mehrheitsgesellschaft, Arbeitslosigkeit und Kriminalitätsrate ebenfalls, die Abiturientenquote bleibt niedrig. Sind diejenigen Einwanderer, die durch Anwerbung und Familiennachzug nach Deutschland kamen, wie Thilo Sarrazin meint, weniger intelligent?

          Die Einwanderer der ersten Generation waren einfache Arbeiter. Ihr Qualifikationsmerkmal war körperliche Fitness. Sie mussten sich einem Gesundheitstest unterziehen, sonst nichts. Man hat keine Intellektuellen ins Land geholt. Die Gastarbeiter hatten auch kaum Gelegenheit, sich in der Freizeit fortzubilden. Der Familienzusammenhalt unter Einwanderern ist stark, vielfach wurden die Kinder von den Großeltern betreut, statt in den Kindergarten zu gehen. Auch ist der Einfluss etwa des türkischen Fernsehens zu groß. Wir müssen aber stärker anerkennen, was die Einwanderer für den Aufbau Deutschlands geleistet haben und sollten nicht nur die Defizite sehen.

          Der frühere niedersächsische Ministerpräsident Wulff sagte, Sie sollten die Fehler, die in der Integrationspolitik 50 Jahre lang gemacht wurden, ausgleichen. Welches sind die Versäumnisse?

          Zu lange dachte man, die Menschen, die man geholt hatte, würden auch wieder gehen. Noch bis in die achtziger Jahre glaubte man, dass Rückkehrförderung die Integrations-Probleme lösen würde. Hätte es damals schon Sprach- und Integrationskurse für Erwachsene gegeben, stünden wir heute besser da. Erst mit dem neuen Staatsangehörigkeitsrecht begann man in den späten neunziger Jahren, die Einwanderer auch rechtlich einzugliedern. Bis dahin gab es eigentlich gar keine Integrationspolitik.

          In Deutschland sinkt die Zahl der Einwanderer, die sich einbürgern lassen. Warum?

          Einige Jahre lang hatten wir hohe Einbürgerungsquoten. Es ist nicht so, dass man in leicht sinkenden Einbürgerungszahlen eine Distanz zu Deutschland sehen sollte. Vielmehr werden jetzt die Jahrgänge volljährig, die schon vom Optionsmodell profitieren. Die haben ja schon die deutsche Staatsbürgerschaft und müssen nur noch die ausländische ablegen.

          Was sind in der Integrationspolitik Ihre wichtigsten Vorhaben in der laufenden Legislaturperiode?

          Uns muss es gelingen, Migrantenkinder noch früher in den Kindergarten zu holen, auch in die U3-Betreuung. Dabei sind wir in Niedersachsen auf einem guten Weg. Das letzte Kindergartenjahr ist schon jetzt in Niedersachsen kostenlos und wird es trotz Sparzwängen auch bleiben. Niedersachsen war eines der ersten Bundesländer, das Sprachstandserhebungen für alle Viereinhalbjährigen eingeführt hat. Alle Kinder, die dann nicht ausreichend Deutsch sprechen, werden gefördert. Aus dem Etat unseres Ministeriums bezahlen wir Kurse für die Fortbildung von Erzieherinnen in interkultureller Kompetenz. Wir versuchen auch, das ehrenamtliche Engagement von ausländischen Jugendlichen zu fördern und das freiwillige soziale Jahr, weil es Persönlichkeit und Selbstbewusstsein stärkt, wenn es nicht immer nur um Noten geht.

          Brauchen wir eine Kita-Pflicht?

          Nein, wir müssen um Vertrauen werben, damit Familien schon früh ihre Kinder dorthin geben. Das ist ja nichts Schlimmes.

          Weitere Themen

          Deutsche nehmen weniger Antibiotika

          Angst vor Resistenz : Deutsche nehmen weniger Antibiotika

          Besonders für Babys verschreiben Ärzte immer seltener Bakterienkiller. Ein sparsamer Einsatz soll dafür sorgen, dass die Lebensretter ihre Wirksamkeit behalten. Doch die politisch verordnete Bremse macht sich je nach Region unterschiedlich bemerkbar.

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?

          Nach Contes Rücktritt : Linke Regierung in Rom möglich

          Die Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung erwägen eine gemeinsame Regierungsarbeit – unter fünf Bedingungen. Staatspräsident Mattarella hat für Dienstag die nächsten Konsultationen angesetzt.

          F.A.Z.-Umfrage zur Lage in Hongkong : Deutsche Unternehmen meiden klare Worte

          Joe Kaeser mahnt gewaltfreien Dialog und Einhaltung des geltenden Rechts in Hongkong an. Viele deutsche Konzerne sind besorgt, drucksen aber herum – sie haben Milliarden in China investiert.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.