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Aygül Özkan im Gespräch : „Migrantenkinder früher in den Kindergarten“

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Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes setzt sich für anonymisierte Bewerbungen ein, weil ältere und ausländische Arbeitssuchende schlechtere Chancen hätten, überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Hätten Sie in Ihrer früheren Position als Niederlassungsleiterin eines Postdienstleisters eine Bewerbung ohne Foto und Namen akzeptiert?

Ich habe mich gerade dafür interessiert, ob jemand einen Migrationshintergrund hat und wie wir dessen kulturelle Kompetenzen für unser Unternehmen nutzen können. Es steckt ein Denkfehler dahinter: Wenn ein Entscheider dazu neigt, Bewerber mit ausländischen Wurzeln zu benachteiligen, kommen diese bei einer anonymisierten Bewerbung möglicherweise zwar bis zum Vorstellungsgespräch, werden aber danach aussortiert. Wir müssen stärker dafür sorgen, dass ethnische Vielfalt als Bereicherung erlebt wird, nicht als Manko. Dann brauchen wir auch keine anonymisierten Bewerbungen.

Was halten Sie von der Bildungschipkarten-Idee von Frau von der Leyen?

Grundsätzlich ist es richtig, dass Kinder sich unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern positiv entwickeln können. Wir werden Frau von der Leyens Idee konstruktiv begleiten und wollen auch eine Pilotregion einrichten. Wir müssen die Bildungs-Chipkarte allerdings mit kommunalen Angeboten vernetzen.

Haben es Frauen schwerer in der Politik?

Sie haben es in der Politik nicht schwerer als in anderen Bereichen. Aber sie nehmen oftmals das Knüpfen von Netzwerken nicht wichtig genug, sondern stürzen sich gleich in die Sachthemen. Ohne Netze geht es nicht.

Niedersachsen war das erste Land, in dem konfessionelle Altenheime ihre Trägerschaft wechselten, hier von der Caritas zur Diakonie, um die Insolvenz zu vermeiden. Pflegesätze in Niedersachsen sind niedriger als anderswo. Wie wollen Sie das Überleben kirchlicher Altenheime sichern?

Diakonie und Caritas erfüllen immense Aufgaben in Heimen und der häuslichen Pflege; ohne sie wäre die Altenpflege nicht so, wie sie ist. Wir wollen die Vielfalt von Trägern, das fördert den Wettbewerb und bietet, was Menschen für sich auswählen wollen. Wir haben in Niedersachsen drei Fünftel private und zwei Fünftel Träger der freien Wohlfahrtspflege, darunter zu einem erheblichen Anteil auch Kirchen. Unabhängig von Pflegesätzen gilt die Qualität als sehr gut. Jeder achte Pflegeplatz nicht besetzt - viele engagieren sich auf einem Markt, der sich offenbar lohnt. Das Land ist in die Verhandlung der Pflegesätze nur moderierend eingebunden.

Gibt es in Niedersachsen auch muslimische Altenheime?

Nein. Freie und Private richten sich auch an Menschen mit Migrationshintergrund. Sie orientieren sich an deren Bedürfnissen. Mein Ansatz wäre, keine isolierten Institutionen zu schaffen – auch dort brauchen wir Dialog und Öffnung.

Sie versuchen, angehende Mediziner auf das Land zu locken, um den Landarztmangel zu lindern. Klappt das?

Wir motivieren in Absprache mit der Medizinischen Hochschule in Hannover und der Universität Göttingen angehende Ärzte, ihr Praktisches Jahr (PJ) in Landarztpraxen abzuleisten. Sie erhalten zwischen 400 und 600 Euro zusätzliches Honorar; es gibt eine hohe Nachfrage. Dieses neue Modell gibt es bisher in keinem anderen Bundesland. Ob es wirkt oder nicht, wissen wir erst langfristig. Zudem entlasten wir jettz Landärzte, indem wir manche Aufgaben medizinischen Fachkräften übertragen - Blutdruck und Blutzucker messen, Fäden ziehen. Das erproben wir in Vechta und Soltau-Fallingbostel. Insgesamt ist die ambulante medizinische Versorgung, bei vereinzelten regionalen Engpässen, mindestens befriedigend.

Was tut das Land Niedersachsen gegen Krankenhausinfektionen?

Fachleute schätzen, dass ein Drittel dieser Infektionen vermieden werden können. Hier stehen zwei Maßnahmen im Vordergrund. In der Novellierung des Krankenhausgesetzes in diesem Jahr werden wir die Verbindlichkeit von Hygienevorschriften noch stärker verankern. Zudem gibt es ein gemeinsames grenzüberschreitendes Projekt mit Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden, in dem über solche Infektionsprobleme in Krankenhäusern und über Antibiotika-Resistenz geforscht wird. Außerdem werten wir als erstes Bundesland Proben in Laboren aus, um die Fälle zu erfassen, gesicherte Zahlen zu erhalten und Antibiotika zielgerichtet einzusetzen.

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