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Autonomes Zentrum : Die Rote Flora und ihre merkwürdige Fauna

Ruhestifter besuchen die Unordnungshüter: Die Rote Flora in Hamburg im Oktober Bild: picture alliance / dpa

Seit bald 25 Jahren halten in Hamburg Linksautonome das Flora-Theater besetzt. Beide Seiten tun viel, die Klischees von windigen Investoren und ideologisch-verquasten Hausbesetzern zu erfüllen.

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          Abends machen es sich Obdachlose auf der breiten Freitreppe bequem. Wo einst die Hamburger Gesellschaft ins Flora-Theater schritt, haben sie sich aus gelben Plastikkisten und Spanplatten ein ebenes Matratzenlager gebaut. In einer Kiste, die unten am Treppenabsatz für Spenden steht, liegen Brötchen und ein paar Münzen. Hinter ihnen sind Türen und Fenster zugemauert und zigfach mit Parolen beschmiert. Die Jugendlichen, die sich in Gruppen über die Bürgersteige im Hamburger Schanzenviertel bewegen, nehmen von alldem nicht weiter Notiz. Oben, im großen Saal der Flora, ist noch Licht. Harald von der „Gruppe gegen Kapital und Nation“ hält einen Vortrag zum Thema Gentrifizierung. Etwa zwanzig Zuhörer sitzen in dem schmucklosen, weißen Raum und hören konzentriert zu. Vorne erklärt Harald, wie die Verdrängung ärmerer Gesellschaftsschichten funktioniert. Er will zeigen, dass es den Politikern bei der Stadtentwicklung nicht um das Wohl der Menschen gehe: „Wenn die zugunsten der Schwächeren eingreifen, geht es nur darum, die Grundlagen des Kapitals zu erhalten!“ Dies ist in etwa der Ton in der Roten Flora im Hamburger Schanzenviertel – die Flora ist das letzte von Linksautonomen besetzte Haus in der Stadt.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Gert Baer will diesem Treiben in der Flora nun eine Ende setzen. Baer empfängt in der „Kamin-Lounge“ eines Büros am Neuen Wall. Er hat hier Räume angemietet, um geschäftlichen Besuch an einer guten Adresse zu empfangen. Baer vertritt seit einem Jahr den Eigentümer des Grundstücks Klausmartin Kretschmer. „Die Stadt unterstützt hier eine kriminelle linksextremistische Vereinigung, deren oberstes Ziel die alternativlose Abschaffung der deutschen Verfassung und des deutschen Staates ist“, sagt Baer.

          Flora und Fauna im Schanzenviertel

          Die Streitereien über die Rote Flora sind in Hamburg schon eine Konstante. Im Jahr 1989 besetzten linksautonome Gruppen das alte Varietétheater. Damals protestierten Anwohner und Aktivisten gegen den Plan, die Flora als Spielstätte für das Musical „Phantom der Oper“ auszubauen. Schon in den späten Achtzigern befürchtete man, dass ein so großer Veranstaltungssaal Mieten im Schanzenviertel verteuern und Ladenbesitzer vertreiben würde. Nach anhaltenden Protesten und mehreren Anschlägen auf die Baustelle gaben die Veranstalter das Musicalprojekt schließlich auf. Als die Stadt die Protestgruppen dann für sechs Wochen in das halbabgerissene Gebäude ließ, um dort Ideen für eine stadtteilverträgliche Nutzung der Flora zu präsentieren, erklärten die das Haus schlicht für „besetzt“ und blieben. 24 Jahre ist das her.

          Die „Schanze“, wie man die Gegend hier nennt, ist seitdem ein beliebtes Wohn- und Ausgehviertel geworden. Die Mieten stiegen um ein Vielfaches, und die meisten kleinen Geschäfte wurden durch Bars und Modeläden verdrängt. Gerade wegen und nicht trotz der Besetzung, sagen viele. Denn die Flora gab dem Viertel seinen besonderen, schroffen Reiz. Nur zweimal im Jahr zeigt die autonome Szene, dass sie das Viertel für sich reklamiert: Zum „Schanzenfest“ und am Ersten Mai gibt es regelmäßig zerbrochene Schaufenster und Krawalle.

          Hinein in die Flora geht es über einen kleinen Seiteneingang neben dem kleinen Park, in dem ein paar Dealer auf Kundschaft warten. Eine Stahltür, mit viel Graffiti überzogen, wirkt wenig einladend. Doch drinnen überrascht der Geruch von feuchtem Beton und frischer Farbe. Der Eingangsbereich und die „VoKü“, die Volksküche, werden gerade umgebaut. Unten im großen Saal besprühen ein paar Jungs in Röhrenjeans und Baseballjacken Boden und Wände mit neuen Motiven. Immer öfter finden hier große Partys statt, die mit den politischen Inhalten der Besetzer nicht mehr viel zu tun haben. „Es darf halt nicht direkt antiemanzipatorisch und nicht kommerziell sein“, sagt Lotta. Lotta und Klaus vertreten als Pressegruppe die Flora nach außen. Beide tragen Schwarz und die Kapuzenpullis der Autonomen, doch als Feinbild taugen der frisch rasierte Klaus und die freundliche Lotta nicht. Was mit den Eintrittsgeldern der Partys geschieht, verraten sie jedoch nicht; alles werde zu „solidarischen Zwecken“ verwendet, versichern sie: Im Keller sind jetzt Proberäume für junge Bands und eine „Selbsthilfe-Fahrradwerkstatt“.

          Kretschmer kaufte Grundstück, obwohl es besetzt war

          Die Einnahmen sind ein Argument, das Immobilienberater Baer in Rage bringt: „Die Autonomen machen jede Woche zwei Partys und nehmen bestimmt 10.000 Euro pro Abend ein, während Herr Kretschmer Grundsteuer und Straßenreinigung zahlt.“ Doch obwohl Baer für seinen Mandanten Kretschmer in dieser Geschichte die Rolle des Opfers vorgesehen hat, hält sich das Mitleid in der Stadt in Grenzen.

          Spricht man offizielle Stellen auf Baer und Kretschmer an, bekommt man als Reaktion meist nur genervtes Stöhnen. Denn Kretschmer wurde von den linksradikalen Besetzern nicht überrumpelt; er selbst kaufte 2001 das schon seit zwölf Jahren besetzte Grundstück. In Hamburg standen damals Bürgerschaftswahlen an, und der rot-grüne Senat um Ortwin Runde versuchte verzweifelt, sich des Problems zu entledigen. Denn für den Rechtspopulisten Ronald Schill war die Besetzung ein willkommenes Fressen – er kündigte an, die Flora umgehend zu räumen und die Autonomen zu vertreiben. Der Senat verkaufte das Grundstück schließlich vor der Wahl für 370.000 Mark an Kretschmer, der sich damals gern „Kulturinvestor“ nannte und aus der Roten Flora eine „kreative Samenbank“ machen wollte; er glaubte damals anscheinend, er könnte die Besetzer für seine Idee gewinnen. Doch die ließen ihn auflaufen: „Das war eben keine Begegnung auf Augenhöhe“, erinnert sich Klaus. Kretschmer kam als neuer Eigentümer zu denen, die das Eigentum verachten. Die Besetzer erteilten ihm Hausverbot.

          Eigentümer spricht von Angeboten in Millionenhöhe

          Seit ein paar Jahren will die Stadt nun gerne Ruhe in die Angelegenheit bringen und das Grundstück zurückkaufen. Die Konfrontation nutzte schließlich nur den Extremisten, und die Szene ließ sich in der Flora zumindest gut beobachten. Die Stadt bot über eine Million Euro – mehr als der Verkehrswert und eigentlich keine schlechte Rendite für umgerechnet 185.000 Euro zwölf Jahre zuvor. Doch nun wollte Kretschmer mehr. „Der kam mit völlig überzogenen Vorstellungen, die wir haushaltsrechtlich gar nicht erfüllen konnten“, erzählt Sven Hielscher, der für die CDU in der Altonaer Bezirksversammlung sitzt – die Stadt muss sich bei Grundstücksgeschäften am Verkehrswert orientieren. „Und immer hatte er irgendwelche vermeintlichen Interessenten an der Hand, um uns unter Druck zu setzen.“

          Im Sommer 2010 ließ er etwa verlauten, ihm läge ein Angebot über 19 Millionen Euro von einer amerikanischen Sicherheitsfirma vor. Die wolle dort ihre Europa-Zentrale errichten – mitten im linksalternativen Schanzenviertel. Kretschmers Ziel konnte nur sein, die linksautonome Szene aufzustacheln und so die Polizei zum Eingreifen zu zwingen, damit die sein Problem endlich löse. Kretschmer, vermuten viele in der Stadt, war pleite, einige seiner Immobilien standen schon vor der Zwangsversteigerung. Doch plötzlich war er wieder flüssig, und von da an stand Baer auf dem Parkett. Kretschmer, munkelt man, sei längst raus aus dem Geschäft; doch auch Baer ist vielen nicht geheuer. Bis zum Zusammenbruch seiner Firma Ende der neunziger Jahre verdiente er mit sogenannten Bauherrenmodellen sein Geld. In den vergangenen Jahren folgte eine Verurteilung wegen Untreue und der Verlust seiner Zulassung als Rechtsanwalt.

          Baer will ein „echtes Stadtteilkulturzentrum“

          Der Bezirk löste das Problem mit seinen Mitteln. Er beschloss einstimmig einen Bebauungsplan, der das Gelände als „Stadtteilkulturzentrum“ festschreibt und den Ausbau stark einschränkt. Für Baer ist das „eine willkürliche Enteignung“, er will „bis zum Europäischen Gerichtshof“ klagen. Dem Bebauungsplan des Bezirks tritt Baer mit einem eigenen Bauantrag entgegen. Er will ein „echtes Stadtteilkulturzentrum“ errichten und geht weit über den Plan des Bezirks hinaus: Mindestens fünf Geschosse, ein Veranstaltungssaal für 1500 bis 2500 Menschen und eine dreigeschossige Tiefgarage. Hohn für die Besetzer, nachdem sie einst antraten, um ein großes Theater zu verhindern. Die „Rotfloristen“ – bot Baer an – könnten in seinem Zentrum Räume und Tiefgaragenplätze vergünstigt mieten und sich mit Aktien an dem Projekt beteiligen.

          Die Verantwortlichen des Bezirks beeindruckt Baers ambitionierter Bauantrag nicht. Der Bebauungsplan der Stadt sei „wasserdicht“, entgegnet Mark Classen, der für die SPD-Fraktion in Altona an dessen Erstellung beteiligt war. Classen hofft ohnehin, dass die Zeit das Problem mit den bockigen Besetzern löse. „Die sind alle heillos zerstritten – da kämpfen Anti-Deutsche gegen Anti-Imperialisten und Autonome gegen Kommunisten.“ Die meisten Jüngeren seien ohnehin nicht mehr so radikal oder sähen die Flora nur noch als Kulturzentrum mit netten Partys. Selbst der Hamburger Verfassungsschutz bemerkt in seinem Bericht für das Jahr 2012, dass „Angehörige der Roten Flora“ bei den Krawallen während des Schanzenfestes gegen Gewalttäter eingeschritten seien. Zu großen Ausschreitungen kam es zuletzt immer seltener.

          Die Räumung gerichtlich erzwingen

          Wird es in Zukunft also doch ruhig um die rote Flora? Wohl eher nicht, wenn es nach dem Willen der Flora-Genossen geht. „Der Bebauungsplan ändert für uns gar nichts“, macht Lotta den Standpunkt deutlich. „Einen Plan kann man wieder ändern.“ Und selbst wenn die Stadt das Gelände kaufen würde und ihnen für einen symbolischen Euro anböte, wären sie nicht dabei, sagt Klaus. „Auch dann wären wir schließlich privatisiert.“ Sie wollen die Flora vielmehr aus dem Grundbuch streichen. „Wir streben keine Einzelbefriedungslösung an“, sagt Lotta, „die Flora sieht sich als Teil der Gesamtauseinandersetzung in der Stadt.“

          Brote Flora: Die Band „Fettes Brot“ gab im November ein Konzert in der roten Flora

          Gerade die Auseinandersetzung mit Immobilienberater Baer scheint den Besetzern im Moment zu nutzen. Anfang November verlegte die Hamburger Hiphop-Gruppe „Fettes Brot“ ein Konzert „aus Solidarität“ in die Rote Flora. Das bot freilich auch Baer Gelegenheit, zu zeigen, wie er die Auseinandersetzung sieht. Er stellte an „Fettes Brot“ vor dem Konzert eine Rechnung über 5000 Euro für die Nutzung des Grundstücks. Sollten sie nicht zahlen, werde er ein Hausverbot aussprechen und die Musiker wegen Hausfriedensbruchs belangen. Die Musiker zahlten nicht, und Baer erstattete Anzeige, wohl in der Hoffnung, die Polizei werde einschreiten und die Lage eskalieren. Die zeigte sich dazu jedoch wenig gewillt. Man sehe die Angelegenheit als eine zivilrechtliche Auseinandersetzung, teilte ein Sprecher mit, und da seien vorrangig die Zivilgerichte zuständig.

          Diese Woche wollen Baer und Kretschmer nun die „Duldung“ formell beenden und die Räumung der Flora gerichtlich erzwingen. Dem Schanzenviertel stehen ereignisreiche Wochen bevor. Die Rotfloristen werden es im Winter wieder behaglich unruhig haben.

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