https://www.faz.net/-gpf-7k88r

Autonomes Zentrum : Die Rote Flora und ihre merkwürdige Fauna

Im Sommer 2010 ließ er etwa verlauten, ihm läge ein Angebot über 19 Millionen Euro von einer amerikanischen Sicherheitsfirma vor. Die wolle dort ihre Europa-Zentrale errichten – mitten im linksalternativen Schanzenviertel. Kretschmers Ziel konnte nur sein, die linksautonome Szene aufzustacheln und so die Polizei zum Eingreifen zu zwingen, damit die sein Problem endlich löse. Kretschmer, vermuten viele in der Stadt, war pleite, einige seiner Immobilien standen schon vor der Zwangsversteigerung. Doch plötzlich war er wieder flüssig, und von da an stand Baer auf dem Parkett. Kretschmer, munkelt man, sei längst raus aus dem Geschäft; doch auch Baer ist vielen nicht geheuer. Bis zum Zusammenbruch seiner Firma Ende der neunziger Jahre verdiente er mit sogenannten Bauherrenmodellen sein Geld. In den vergangenen Jahren folgte eine Verurteilung wegen Untreue und der Verlust seiner Zulassung als Rechtsanwalt.

Baer will ein „echtes Stadtteilkulturzentrum“

Der Bezirk löste das Problem mit seinen Mitteln. Er beschloss einstimmig einen Bebauungsplan, der das Gelände als „Stadtteilkulturzentrum“ festschreibt und den Ausbau stark einschränkt. Für Baer ist das „eine willkürliche Enteignung“, er will „bis zum Europäischen Gerichtshof“ klagen. Dem Bebauungsplan des Bezirks tritt Baer mit einem eigenen Bauantrag entgegen. Er will ein „echtes Stadtteilkulturzentrum“ errichten und geht weit über den Plan des Bezirks hinaus: Mindestens fünf Geschosse, ein Veranstaltungssaal für 1500 bis 2500 Menschen und eine dreigeschossige Tiefgarage. Hohn für die Besetzer, nachdem sie einst antraten, um ein großes Theater zu verhindern. Die „Rotfloristen“ – bot Baer an – könnten in seinem Zentrum Räume und Tiefgaragenplätze vergünstigt mieten und sich mit Aktien an dem Projekt beteiligen.

Die Verantwortlichen des Bezirks beeindruckt Baers ambitionierter Bauantrag nicht. Der Bebauungsplan der Stadt sei „wasserdicht“, entgegnet Mark Classen, der für die SPD-Fraktion in Altona an dessen Erstellung beteiligt war. Classen hofft ohnehin, dass die Zeit das Problem mit den bockigen Besetzern löse. „Die sind alle heillos zerstritten – da kämpfen Anti-Deutsche gegen Anti-Imperialisten und Autonome gegen Kommunisten.“ Die meisten Jüngeren seien ohnehin nicht mehr so radikal oder sähen die Flora nur noch als Kulturzentrum mit netten Partys. Selbst der Hamburger Verfassungsschutz bemerkt in seinem Bericht für das Jahr 2012, dass „Angehörige der Roten Flora“ bei den Krawallen während des Schanzenfestes gegen Gewalttäter eingeschritten seien. Zu großen Ausschreitungen kam es zuletzt immer seltener.

Die Räumung gerichtlich erzwingen

Wird es in Zukunft also doch ruhig um die rote Flora? Wohl eher nicht, wenn es nach dem Willen der Flora-Genossen geht. „Der Bebauungsplan ändert für uns gar nichts“, macht Lotta den Standpunkt deutlich. „Einen Plan kann man wieder ändern.“ Und selbst wenn die Stadt das Gelände kaufen würde und ihnen für einen symbolischen Euro anböte, wären sie nicht dabei, sagt Klaus. „Auch dann wären wir schließlich privatisiert.“ Sie wollen die Flora vielmehr aus dem Grundbuch streichen. „Wir streben keine Einzelbefriedungslösung an“, sagt Lotta, „die Flora sieht sich als Teil der Gesamtauseinandersetzung in der Stadt.“

Brote Flora: Die Band „Fettes Brot“ gab im November ein Konzert in der roten Flora

Gerade die Auseinandersetzung mit Immobilienberater Baer scheint den Besetzern im Moment zu nutzen. Anfang November verlegte die Hamburger Hiphop-Gruppe „Fettes Brot“ ein Konzert „aus Solidarität“ in die Rote Flora. Das bot freilich auch Baer Gelegenheit, zu zeigen, wie er die Auseinandersetzung sieht. Er stellte an „Fettes Brot“ vor dem Konzert eine Rechnung über 5000 Euro für die Nutzung des Grundstücks. Sollten sie nicht zahlen, werde er ein Hausverbot aussprechen und die Musiker wegen Hausfriedensbruchs belangen. Die Musiker zahlten nicht, und Baer erstattete Anzeige, wohl in der Hoffnung, die Polizei werde einschreiten und die Lage eskalieren. Die zeigte sich dazu jedoch wenig gewillt. Man sehe die Angelegenheit als eine zivilrechtliche Auseinandersetzung, teilte ein Sprecher mit, und da seien vorrangig die Zivilgerichte zuständig.

Diese Woche wollen Baer und Kretschmer nun die „Duldung“ formell beenden und die Räumung der Flora gerichtlich erzwingen. Dem Schanzenviertel stehen ereignisreiche Wochen bevor. Die Rotfloristen werden es im Winter wieder behaglich unruhig haben.

Weitere Themen

Topmeldungen

CSU-Chef Markus Söder

Kanzlerfrage bei der Union : Söder überholt Merz

Bayerns Ministerpräsident hat unter potentiellen Kanzlerkandidaten der Union inzwischen mit Abstand den größten Zuspruch. Friedrich Merz und Armin Laschet sind laut einer Umfrage weit abgeschlagen.
Ungebrochene Nachfrage: Ein Kurier liefert in New York City Amazon-Pakete aus.

Der Gigant und die Krise : „Amazon ist fast schon systemrelevant“

Die Handelsplattform versorgt die Kunden in Corona-Zeiten mit dem Wichtigsten und baut ihre Marktanteile aus. Doch das Wachstum bringt auch Probleme mit sich. Noch ist nicht klar, wie der Onlinehandel nach der Krise aussehen wird.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.