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Autonomes Zentrum : Die Rote Flora und ihre merkwürdige Fauna

Hinein in die Flora geht es über einen kleinen Seiteneingang neben dem kleinen Park, in dem ein paar Dealer auf Kundschaft warten. Eine Stahltür, mit viel Graffiti überzogen, wirkt wenig einladend. Doch drinnen überrascht der Geruch von feuchtem Beton und frischer Farbe. Der Eingangsbereich und die „VoKü“, die Volksküche, werden gerade umgebaut. Unten im großen Saal besprühen ein paar Jungs in Röhrenjeans und Baseballjacken Boden und Wände mit neuen Motiven. Immer öfter finden hier große Partys statt, die mit den politischen Inhalten der Besetzer nicht mehr viel zu tun haben. „Es darf halt nicht direkt antiemanzipatorisch und nicht kommerziell sein“, sagt Lotta. Lotta und Klaus vertreten als Pressegruppe die Flora nach außen. Beide tragen Schwarz und die Kapuzenpullis der Autonomen, doch als Feinbild taugen der frisch rasierte Klaus und die freundliche Lotta nicht. Was mit den Eintrittsgeldern der Partys geschieht, verraten sie jedoch nicht; alles werde zu „solidarischen Zwecken“ verwendet, versichern sie: Im Keller sind jetzt Proberäume für junge Bands und eine „Selbsthilfe-Fahrradwerkstatt“.

Kretschmer kaufte Grundstück, obwohl es besetzt war

Die Einnahmen sind ein Argument, das Immobilienberater Baer in Rage bringt: „Die Autonomen machen jede Woche zwei Partys und nehmen bestimmt 10.000 Euro pro Abend ein, während Herr Kretschmer Grundsteuer und Straßenreinigung zahlt.“ Doch obwohl Baer für seinen Mandanten Kretschmer in dieser Geschichte die Rolle des Opfers vorgesehen hat, hält sich das Mitleid in der Stadt in Grenzen.

Spricht man offizielle Stellen auf Baer und Kretschmer an, bekommt man als Reaktion meist nur genervtes Stöhnen. Denn Kretschmer wurde von den linksradikalen Besetzern nicht überrumpelt; er selbst kaufte 2001 das schon seit zwölf Jahren besetzte Grundstück. In Hamburg standen damals Bürgerschaftswahlen an, und der rot-grüne Senat um Ortwin Runde versuchte verzweifelt, sich des Problems zu entledigen. Denn für den Rechtspopulisten Ronald Schill war die Besetzung ein willkommenes Fressen – er kündigte an, die Flora umgehend zu räumen und die Autonomen zu vertreiben. Der Senat verkaufte das Grundstück schließlich vor der Wahl für 370.000 Mark an Kretschmer, der sich damals gern „Kulturinvestor“ nannte und aus der Roten Flora eine „kreative Samenbank“ machen wollte; er glaubte damals anscheinend, er könnte die Besetzer für seine Idee gewinnen. Doch die ließen ihn auflaufen: „Das war eben keine Begegnung auf Augenhöhe“, erinnert sich Klaus. Kretschmer kam als neuer Eigentümer zu denen, die das Eigentum verachten. Die Besetzer erteilten ihm Hausverbot.

Eigentümer spricht von Angeboten in Millionenhöhe

Seit ein paar Jahren will die Stadt nun gerne Ruhe in die Angelegenheit bringen und das Grundstück zurückkaufen. Die Konfrontation nutzte schließlich nur den Extremisten, und die Szene ließ sich in der Flora zumindest gut beobachten. Die Stadt bot über eine Million Euro – mehr als der Verkehrswert und eigentlich keine schlechte Rendite für umgerechnet 185.000 Euro zwölf Jahre zuvor. Doch nun wollte Kretschmer mehr. „Der kam mit völlig überzogenen Vorstellungen, die wir haushaltsrechtlich gar nicht erfüllen konnten“, erzählt Sven Hielscher, der für die CDU in der Altonaer Bezirksversammlung sitzt – die Stadt muss sich bei Grundstücksgeschäften am Verkehrswert orientieren. „Und immer hatte er irgendwelche vermeintlichen Interessenten an der Hand, um uns unter Druck zu setzen.“

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