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Auswärtiges Amt : Westerwelle: Erinnerungskultur des Amtes wird überprüft

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Westerwelle bei der Veröffentlichung der Studie der Historikerkommission im Berliner Außenministerium Bild: ©Helmut Fricke

Außenminister Westerwelle hat bei der Übergabe der Studie der Historikerkommission über die Vergangenheit des Auswärtigen Amtes angekündigt, die Erinnerungskultur des Hauses grundlegend überprüfen zu lassen. Jetzt müssten die „richtigen Konsequenzen“ gezogen werden.

          Außenminister Guido Westerwelle (FDP) will als Antwort auf die Studie der Historikerkommission über die Vergangenheit des Auswärtigen Amtes die Erinnerungskultur seines Hauses grundlegend überprüfen lassen. Bei der Übergabe des Werkes durch die Kommission unter der Leitung von Eckart Conze am Donnerstag sagte Westerwelle, es sei nun Aufgabe des Hauses, die „richtigen Konsequenzen“ zu ziehen (s. auch Guido Westerwelles Rede zur Übergabe des Historikerberichts „Das Amt“). Er habe eine Arbeitsgruppe unter Staatssekretär Peter Ammon eingesetzt, welche die Nachrufpraxis, die Auswahl und Kennzeichnung der Bilder in den Ahnengalerien der Botschaften und auch die Arbeit des Politischen Archives des Amtes klären solle.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Indirekt bezog er sich auf Kritik aus der Opposition an der von ihm übergangsweise geänderten Nachrufpraxis mit den Worten: „Eines ist ganz klar: Nazis werden nicht geehrt.“ Es sei aber eine Frage der Pietät, verstorbener Mitarbeiter, die sich nie etwas hätten zu schulden kommen lassen, würdigend zu gedenken. Wie erst jetzt bekannt wurde, hatte Westerwelle bereits im Februar den Erlass seines Vorgängers Joseph Fischer (Grüne) aus dem Jahr 2003 aufgehoben, nach dem Mitglieder der NSDAP keinen Nachruf mehr in der Behördenpostille „interAA“ erhielten. Westerwelle verwies nun darauf, dass es auch Diplomaten gegeben habe, die der NSDAP beigetreten seien, sich später aber für den Widerstand entschieden hätten. Fischers Erlass hatte eine zunächst hausinterne, sodann öffentliche Kontroverse ausgelöst, die schließlich in die Einsetzung der Historikerkommission mündete.

          Die Forschung sei mit der Studie „längst nicht zu Ende“

          Westerwelle dankte neben Conze auch Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann, den Mitverfassern des Werkes „Das Amt und die Vergangenheit“, für ihre Arbeit, aber auch Fischer und Frank-Walter Steinmeier (SPD), unter dem die von Fischer eingesetzte Kommission ihre Arbeit aufgenommen habe. Das Werk werde „aus den Diskussionen über das Selbstverständnis“ des Amtes und der deutschen Diplomaten „künftig nicht mehr wegzudenken sein“, auch wenn die Forschung mit dieser Studie „längst nicht zu Ende“ sei.

          „Das Amt” in den Händen des Bundesaußenministers Guido Westerwelle

          Westerwelle machte sich die Schlussfolgerung der Historiker zu eigen: „Das Auswärtige Amt war ein aktiver Teil der verbrecherischen Politik des sogenannten Dritten Reiches.“ An der systematischen Vernichtung der europäischen Juden sei es mit „administrativer Kälte“ beteiligt gewesen. Als Leser könne man nur „erschauern“, wenn man die „bürokratische Alltäglichkeit der Vernichtungspolitik“ nachlese.

          Die Wahrheit liege eben nicht in der Mitte

          An die auffallend vielen jungen Diplomaten in der Bibliothek des Auswärtiges Amtes gewandt sagte Westerwelle: „Sie, liebe Kollegen, werden in ein Haus mit einer wechselvollen Geschichte hineinwachsen.“ Geschichte müsse man kennen, daher werde das Werk Teil der Diplomatenausbildung werden. Im Amt sei lange ein Selbstbild gepflegt worden, wonach das Haus ein „Hort des hinhaltenden, letztlich vergeblichen Widerstandes“ gewesen sei. Er zitierte aus der Festschrift des Amtes aus dem Jahr 1995, in der es noch geheißen hatte, das Amt sei nicht Hort des Widerstandes gewesen, aber auch nicht von der SS durchdrungen. Die Wahrheit liege „irgendwo in der Mitte“. Westerwelle fügte an: „Da liegt sie eben nicht.“ Er sei zu dem Schluss gekommen, dass sich das Amt in seiner Erinnerungskultur künftig stärker jenen widmen müsse, die als Verfolgte und Widerständler den neuen Auswärtigen Dienst mit aufgebaut hätten.

          Zuvor hatte der Marburger Historiker Conze gesagt, seine Kommission sei von dem öffentlichen Echo überrascht, es spiegele das Interesse an der Thematik. Das Werk sei nicht nur die Geschichte einer Institution, sondern auch eine „Geschichte Deutschlands und seiner Eliten“. Sein Jenaer Kollege Frei sagte, Legenden seien zäh und ein kritisches und differenziertes Geschichtsbewusstsein zu schaffen eine bleibende Aufgabe.

          „In dem Amt konnte man Mord als Dienstgeschäft abrechnen“

          Die Historikerkommission hatte vor der Übergabe des Werkes an Westerwelle die Arbeit des Politischen Archives des Auswärtigen Amtes kritisiert. Zwar habe man alles sehen dürfen, was man sehen wollte, ob dies aber alles gewesen, sei eine andere Frage, hatte Conze gesagt. Westerwelles Vorgänger Fischer leitete daraus die Forderung ab, die Dokumente des Archivs dem Bundesarchiv zu übertragen. Im Auswärtigen Amt wird dies eher skeptisch beurteilt. Es könnte darauf hinauslaufen, dass das Politische Archiv die forschungsfreundlicheren Prinzipien der Koblenzer Einrichtung übernimmt. Im Amt gibt man zwar inzwischen zu, dass die eigenen Archivprinzipien hinderlich sein könnten, verweist aber auch darauf, dass das Politische Archiv anders als das Bundesarchiv alle Dokumente aufhebe – auch vermeintlich banale. So stieß die Kommission auf eine Reisekostenabrechnung mit dem Zweck-Vermerk: „Liquidation von Juden“. Westerwelle sagte: „In dem Amt konnte man Mord als Dienstgeschäft abrechnen.“

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