https://www.faz.net/-gpf-xtqu

Auswärtiges Amt : Das Erbe der Herren von der Wilhelmstraße

  • -Aktualisiert am

Der ehemalige Sitz des Auswärtigen Amtes in der Berliner Wilhelmstraße Bild: DUMMY

Das nach dem Krieg vom Auswärtigen Amt verbreitete Geschichtsbild, es sei ein „Hort des Widerstands“ gewesen, erweist sich als Legende. Die vom früheren Außenminister Fischer eingesetzte Kommission veröffentlicht das Ergebnis ihrer Arbeit.

          4 Min.

          Institutionen haben ihr eigenes Gedächtnis, das mitunter Staatsformen überdauern kann. Noch zu Bonner Zeiten sprachen die Diplomaten vom „Amt“, wenn sie ihr Ministerium meinten. Und natürlich ging man mittags ins „Casino“ und nicht etwa in die Kantine. Es ist nicht frei von Ironie, dass erst der Umzug des Auswärtiges Amtes 1999 nach Berlin, die Heimkehr also, einen Traditionsverlust mit sich brachte. Denn heute spricht man am Werderschen Markt einfach vom „AA“, wenn man mittags in der Kantine sitzt - und benutzt so die behördliche Abkürzung des 1871 gegründeten „Auswärtiges Amtes des Deutschen Reiches“, das seinen Namen behielt, als es längst Ministerium geworden war. In den Kantinengesprächen wird es bald ein beherrschendes Thema geben, das schon 2003 die jungen und nicht mehr so jungen Diplomaten beschäftigte. Im Herbst wird ein 800 Seiten umfassendes Buch erscheinen, das den Titel trägt: „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Im Sommer 2005 hatte der damalige Außenminister Joseph Fischer eine aus fünf Historikern bestehende Kommission berufen, weil es im Ministerium und in der Öffentlichkeit zu einer Diskussion über die Rolle des „Amtes“ vor 1945 und die personelle Kontinuität nach seiner Wiedergründung 1951 gekommen war. Anlass war ein 2003 erschienener Nachruf in der Hauszeitschrift „intern AA“ über den früheren Generalkonsul in Spanien Franz Nüßlein, der nach Fischers Ansicht nicht hätte erscheinen dürfen. Nüßlein war vor 1945 im „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ Oberstaatsanwalt am Landgericht Prag. Vor allem soll er an mehr als 900 Hinrichtungen beteiligt gewesen sein. Nüßlein wurde in der damaligen Tschechoslowakei zu 20 Jahren Haft verurteilt, allerdings schon 1955 in die Bundesrepublik abgeschoben und sogleich vom „Amt“ übernommen.

          Ein Mythos bröckelt

          Fischer, dem seinerzeit in nie da gewesener Form pensionierte und aktive Diplomaten wegen der von ihm verfügten Änderung der Nachrufpraxis öffentlich Vorwürfe machten, er habe mit den Traditionen gebrochen und verdienten Diplomaten auf unhistorische Weise ein ehrendes Andenken verweigert, ging in die Offensive und bestellte eine international und überparteilich besetzte unabhängige Kommission. Nicht einmal das AA-Referat „Politisches Archiv und Historischer Dienst“ durfte das Großprojekt administrativ betreuen, was einige als Misstrauensbeweis, andere als Ausdruck von Unabhängigkeit betrachten. Vier von ursprünglich fünf Historikern treten nun als Autoren des Werkes auf: der Marburger Historiker Eckart Conze, der Jenaer Professor Norbert Frei, der Amerikaner Peter Hayes und der Israeli Moshe Zimmermann. Der Bonner Historiker Klaus Hildebrand, ein ausgewiesener Fachmann für die Außenpolitik des Nationalsozialismus und eher konservativer Prägung, musste 2008 seine Mitarbeit krankheitsbedingt einstellen.

          Der frühere Außenminister Joseph Fischer ging mit der Kommission in die Offensive

          Das Ergebnis ihrer im Herbst 2009 beendeten Forschungsarbeit deutet der Blessing Verlag an: „Ein Mythos bröckelt.“ Das nach dem Krieg vom Auswärtigen Amt verbreitete Geschichtsbild, das Amt sei ein „Hort des Widerstands“ gewesen, erweise sich als Legende. Von Beginn an sei die Behörde „unmittelbar in die Gewaltpolitik des NS-Regimes eingebunden“ gewesen. Es habe die „Judenpolitik“ des Dritten Reichs nicht nur nach außen abgeschirmt, sondern sei „in allen Phasen aktiv an ihr beteiligt“ gewesen. Überall in Europa hätten deutsche Diplomaten aus der Wilhelmstraße, dem alten Sitz des Ministeriums in Berlin, als Wegbereiter der „Endlösung“ mitgewirkt, an der „Erfassung“ der Juden ebenso wie an ihrer Deportation. „Opposition aus dem Auswärtigen Dienst heraus blieb individuell und die Ausnahme“, schreibt der Verlag. Nach Kriegsende seien nur wenige Beamte für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen worden, viele hätten auf ihre Wiederverwendung hoffen können. „Noch auf Jahrzehnte lagen über den außenpolitischen Entscheidungen der Bundesrepublik die Schatten der Vergangenheit.“

          Unbegründete Furcht

          Das Ergebnis der Forschungsarbeit, das sich hier andeutet, kann heute nicht mehr wirklich überraschen. Conze hatte die Tendenz schon 2008 in einer Art Zwischenbilanz angedeutet - und andere Publikationen sind schon in den achtziger Jahren zu dem Thema erschienen. Conze und seine Kollegen konnten sich auf viele bis heute unter Verschluss gehaltene Personalakten des „Amtes“ stützen, auf private Nachlässe (mit Einverständnis der Familien) und, so Conze, auf viel Transparenz seitens des Ministeriums. Unter Fischer wurde im Haus ein Mitarbeiter als Verbindungsmann installiert, der der Kommission Türen öffnen sollte, ohne Einfluss auf den Inhalt der Arbeit zu nehmen. Die Furcht vor alten Seilschaften, die das Projekt hätten unterlaufen können, erwies sich nach Angaben Conzes als unbegründet.

          In gewisser Weise haben die Historiker ihren Auftrag ausgeweitet und nicht nur die Jahre 1933 bis 1945 sowie die Ära Adenauer untersucht, sondern auch den Umgang des „Amtes“ mit seiner Vergangenheit in der Bundesrepublik untersucht, denn das Selbstbild unterlag in den Jahrzehnten unter den unterschiedlichen Außenministern durchaus einem Wandel. Hochglanzbroschüren des Auswärtigen Amtes konnten hier als Quellen dienen. Die Skepsis etwa, die dem Emigranten Willy Brandt im „Amt“ begegnete, als dieser 1966 der erste sozialdemokratische Außenminister wurde, dürfte eine Facette der Traditionen des Hauses gewesen sein. Im Grunde endet die Selbstreflexion erst mit der Einsetzung der Historikerkommission.

          Pflichtlektüre für Diplomaten

          Am Werderschen Markt bereitet man sich auf die Präsentation des Buches vor. Erwogen wird - neben der Übergabe des Buches durch die Kommission an Außenminister Westerwelle - ein außerhäusiger Termin zur öffentlichen Präsentation. Es wird erwartet, dass dazu neben Westerwelle auch seine Vorgänger Steinmeier und Fischer eingebunden werden, eventuell gar alle lebenden Außenminister, also auch Klaus Kinkel, Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel. Zudem soll es auch eine interne Auseinandersetzung geben, in welcher Form, ist noch offen - eine Debatte der Berliner Diplomaten mit den Historikern etwa. Das Bedürfnis danach unter den Legationsräten ist groß. Auch soll das Buch Pflichtlektüre in der Diplomatenausbildung werden.

          Das Werk könnte so am Ende zu einem Objekt der Selbstvergewisserung werden. Westerwelle nannte die Diplomaten bei seinem Amtsantritt im Oktober 2009 „die besten Frauen und Männer, die für Deutschland arbeiten“. Das Wort könnte vor diesem Hintergrund einen höheren Sinn erfahren. Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit hat Vorbildcharakter: Schon gibt es Anfragen an das Auswärtige Amt von anderen Bundesministerien, die ähnliche Projekte planen beziehungsweise auf sich zukommen sehen.

          Weitere Themen

          Merkel mahnt Europa zur Einheit Video-Seite öffnen

          EU-Ratspräsidentschaft : Merkel mahnt Europa zur Einheit

          Die Bundeskanzlerin hat in Brüssel das Programm für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft vorgestellt. „Wir sind alle verwundbar“, sagte die Bundeskanzlerin in ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament. Zugleich drängte sie auf eine Einigung in EU-Finanzfragen noch im Sommer.

          Der Diktator wird nervös

          FAZ Plus Artikel: Vor der Wahl in Belarus : Der Diktator wird nervös

          Nie zuvor bekamen Oppositionskandidaten in Belarus so viel Unterstützung aus der Bevölkerung wie jetzt. Auch sonst ist vor der Wahl in diesem Jahr vieles anders als sonst. Präsident Aleksandr Lukaschenka reagiert mit massiver Repression.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.