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Auswärtiges Amt : Das Erbe der Herren von der Wilhelmstraße

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Der frühere Außenminister Joseph Fischer ging mit der Kommission in die Offensive

Das Ergebnis ihrer im Herbst 2009 beendeten Forschungsarbeit deutet der Blessing Verlag an: „Ein Mythos bröckelt.“ Das nach dem Krieg vom Auswärtigen Amt verbreitete Geschichtsbild, das Amt sei ein „Hort des Widerstands“ gewesen, erweise sich als Legende. Von Beginn an sei die Behörde „unmittelbar in die Gewaltpolitik des NS-Regimes eingebunden“ gewesen. Es habe die „Judenpolitik“ des Dritten Reichs nicht nur nach außen abgeschirmt, sondern sei „in allen Phasen aktiv an ihr beteiligt“ gewesen. Überall in Europa hätten deutsche Diplomaten aus der Wilhelmstraße, dem alten Sitz des Ministeriums in Berlin, als Wegbereiter der „Endlösung“ mitgewirkt, an der „Erfassung“ der Juden ebenso wie an ihrer Deportation. „Opposition aus dem Auswärtigen Dienst heraus blieb individuell und die Ausnahme“, schreibt der Verlag. Nach Kriegsende seien nur wenige Beamte für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen worden, viele hätten auf ihre Wiederverwendung hoffen können. „Noch auf Jahrzehnte lagen über den außenpolitischen Entscheidungen der Bundesrepublik die Schatten der Vergangenheit.“

Unbegründete Furcht

Das Ergebnis der Forschungsarbeit, das sich hier andeutet, kann heute nicht mehr wirklich überraschen. Conze hatte die Tendenz schon 2008 in einer Art Zwischenbilanz angedeutet - und andere Publikationen sind schon in den achtziger Jahren zu dem Thema erschienen. Conze und seine Kollegen konnten sich auf viele bis heute unter Verschluss gehaltene Personalakten des „Amtes“ stützen, auf private Nachlässe (mit Einverständnis der Familien) und, so Conze, auf viel Transparenz seitens des Ministeriums. Unter Fischer wurde im Haus ein Mitarbeiter als Verbindungsmann installiert, der der Kommission Türen öffnen sollte, ohne Einfluss auf den Inhalt der Arbeit zu nehmen. Die Furcht vor alten Seilschaften, die das Projekt hätten unterlaufen können, erwies sich nach Angaben Conzes als unbegründet.

In gewisser Weise haben die Historiker ihren Auftrag ausgeweitet und nicht nur die Jahre 1933 bis 1945 sowie die Ära Adenauer untersucht, sondern auch den Umgang des „Amtes“ mit seiner Vergangenheit in der Bundesrepublik untersucht, denn das Selbstbild unterlag in den Jahrzehnten unter den unterschiedlichen Außenministern durchaus einem Wandel. Hochglanzbroschüren des Auswärtigen Amtes konnten hier als Quellen dienen. Die Skepsis etwa, die dem Emigranten Willy Brandt im „Amt“ begegnete, als dieser 1966 der erste sozialdemokratische Außenminister wurde, dürfte eine Facette der Traditionen des Hauses gewesen sein. Im Grunde endet die Selbstreflexion erst mit der Einsetzung der Historikerkommission.

Pflichtlektüre für Diplomaten

Am Werderschen Markt bereitet man sich auf die Präsentation des Buches vor. Erwogen wird - neben der Übergabe des Buches durch die Kommission an Außenminister Westerwelle - ein außerhäusiger Termin zur öffentlichen Präsentation. Es wird erwartet, dass dazu neben Westerwelle auch seine Vorgänger Steinmeier und Fischer eingebunden werden, eventuell gar alle lebenden Außenminister, also auch Klaus Kinkel, Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel. Zudem soll es auch eine interne Auseinandersetzung geben, in welcher Form, ist noch offen - eine Debatte der Berliner Diplomaten mit den Historikern etwa. Das Bedürfnis danach unter den Legationsräten ist groß. Auch soll das Buch Pflichtlektüre in der Diplomatenausbildung werden.

Das Werk könnte so am Ende zu einem Objekt der Selbstvergewisserung werden. Westerwelle nannte die Diplomaten bei seinem Amtsantritt im Oktober 2009 „die besten Frauen und Männer, die für Deutschland arbeiten“. Das Wort könnte vor diesem Hintergrund einen höheren Sinn erfahren. Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit hat Vorbildcharakter: Schon gibt es Anfragen an das Auswärtige Amt von anderen Bundesministerien, die ähnliche Projekte planen beziehungsweise auf sich zukommen sehen.

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