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Auswärtiges Amt : Amtslegenden und Geschichte

  • -Aktualisiert am

Das Auswärtige Amt galt lange als „Hort des Widerstands” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Personalversammlung des Auswärtigen Amts wird heute über die Einsetzung einer Historikerkommission entscheiden, die die Rolle des Amts im „Dritten Reich“ aufarbeiten soll.

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          Die Personalversammlung des Auswärtigen Amts befaßt sich an diesem Montag mit der Gedenkpraxis. Seit 2003 nahm Außenminister Fischer die bloße Mitgliedschaft in der NSDAP zum Anlaß, um verstorbenen Diplomaten in der Zeitschrift „internAA“ den Nachruf zu verweigern.

          Als dies zu Jahresbeginn bekannt wurde, kam es zu stilvollen und weniger stilvollen Formen des Protests, der zunächst öffentlich von den Ruheständlern ausging, sodann das Amt ergriff und jetzt sogar zur Versetzung eines Botschafters in den einstweiligen Ruhestand geführt hat.

          Formal unangreifbares Totengedenken

          Dabei hatte Fischer Mitte März schon nachbessern lassen: Seither werden alle verstorbenen Amtsangehörigen im „internAA“ wieder vermeldet - wenn auch nur mit einem Lebenslauf und unter Verzicht auf das seit Bismarck übliche „ehrende Gedenken“. Dieses formal unangreifbare Totengedenken läßt das Ressort nicht zur Ruhe kommen, zumal die Kritiker von Fischers Gedenkpraxis wohl längst hinter den Kulissen in die Nazi-Ecke gestellt, zumindest aber als unverbesserliche An- oder Nachgebräunte hingestellt werden.

          Nun sind Leitung und Personalrat des Amts auf die Idee verfallen, eine Historikerkommission zu berufen, um die Rolle des Auswärtigen Amts im „Dritten Reich“ aufzuarbeiten - was progressive Angehörige der Historikerzunft sogleich mit Freude und Namensvorschlägen begrüßten.

          Internationale Kommission

          Den Kommissionsgedanken unterbreitet der Personalrat an diesem Montag der Personalversammlung, die ihn basisdemokratisch gutheißen darf. Es bleibt nur zu hoffen, daß das Amt das bislang erwogene kleinkarierte nationale Konzept zugunsten einer internationalen Kommission aufgibt.

          Der kann beispielsweise der amerikanische Holocaust-Forscher Christopher Browning angehören, der schon 1978 eine ausgezeichnete Studie über die „Endlösung“ und das Außenamt verfaßt hat.

          Amtliche Traditionspflege

          Natürlich kommt es neben der Zusammensetzung auch auf den Auftrag an. Das Historikergremium wird wohl kaum eine Amtsgeschichte verfassen wollen und können. Daher empfiehlt es sich, daß es den Blick nicht auf den Nationalsozialismus und dessen „Verarbeitung“ in der frühen Bundesrepublik verengt, sondern die amtliche Traditionspflege von Bismarck bis Fischer unter die Lupe nimmt.

          Was war da richtig, was falsch - auch und gerade im internationalen Vergleich. So ließen sich Konstanten im Verhalten des deutschen Diplomatischen Korps gegenüber den jeweiligen Ministern und politischen Systemen zwischen 1871 und 2005 herausarbeiten, gerade im Hinblick auf das angebliche Versagen hoher Beamter in der Visa-Affäre.

          Ministerium kein bevorzugtes Thema der Forschung

          Vielleicht kann die Kommission auch ergründen, warum das Auswärtige Amt bisher nicht zu den bevorzugten Themen der deutschen Zeitgeschichtsforschung gehört, sondern allzu häufig von Unruhestands-Botschaftern betrieben wird. Zudem müßten die Nachwirkungen des „Wilhelmstraßenprozesses“ gegen die Ministerialbürokratie des „Dritten Reiches“ analysiert werden.

          Damals stand Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär bis 1943, in Nürnberg vor einem amerikanischen Gericht. Er wurde - durchaus gegen seinen Willen - von seinen Verteidigern und mit Hilfe überlebender Hitler-Gegner zu einem „Mann des Widerstandes“ stilisiert. So schuf sich das im Aufbau befindliche Amt (Deutsches Büro für Friedensfragen) jenen positiven Traditionsstrang von der Überzahl der „guten Weizsäcker-Männer“ und der verschwindenden Minderheit von „Ribbentrop-Männern“.

          Historische Wunschvorstellung

          Dieses schöne Bild geriet 1951/52 durch eine Artikel-Serie einer hessischen Zeitung und durch den Untersuchungsausschuß Nr. 47 zur Personalpolitik des wiedererrichteten Auswärtigen Amts vorübergehend ins Wanken. Jedoch die historische Wunschvorstellung von einem regimeablehnenden „Weizsäcker-Kreis“, von der „Stätte der Opposition“, ja sogar von einem „Hort des Widerstandes“ gegen Hitler konnte bis in die späten siebziger Jahre hinein weiter tradiert werden.

          Dann brachen manche Amtslegenden zusammen durch Studien zur Rolle Weizsäckers und des Auswärtigen Amts in der Zeit des Nationalsozialismus - bis hin zu Hans-Jürgen Döschers Studie von 1987, die allerdings über Browning kaum hinausführte.

          Skepsis im Auswärtigen Amt

          Der Verbreitung solcher Forschungsergebnisse stand das Auswärtige Amt skeptisch gegenüber, und pensionierte historisch vor- oder nachgebildete Botschafter machten Stimmung gegen Döschers Buch innerhalb des Ressorts. Flankenschutz erhielt das Auswärtige Amt von einer Hamburger Wochenzeitung, die von Richard Tüngel bis Marion Gräfin Dönhoff über Jahrzehnte hinweg aus ihrer Sympathie für die alte Wilhelmstraße und aus der Bewunderung für Weizsäcker keinen Hehl machte.

          Es kam hinzu der glänzende Aufstieg von Weizsäckers jüngstem Sohn Richard zum Bundespräsidenten und seine Popularität. Man könnte den Eindruck gewinnen, daß es wenigstens bis 1994 als inopportun für Zeithistoriker oder - aus Sicht des Auswärtigen Amts - gar als der Staatsräson widersprechend galt, sich mit Diplomaten unter und hinter Hitler zu beschäftigen.

          Akten stehen jedem offen

          Jedermann stehen die Akten des Politischen Archivs über die Zeit des Nationalsozialismus offen, seit Ende der achtziger Jahre zusätzlich die Personalakten mit den vorgesehenen Sperrfristen. So wird niemand davon abgehalten, den letzten Wilhelmstraßen-Winkel und die entfernteste deutsche Auslandsvertretung auszuleuchten.

          Sicherlich hat es bisher an Anreizen gefehlt, etwa an Stipendien oder Preisen. Als Namensgeber für solche Projekte käme Hans-Bernd von Haeften in Betracht, denn er war einer der wenigen jener zwölf hingerichteten Widerstandskämpfer des Auswärtigen Dienstes, der nicht der NSDAP angehörte. Damit paßt er vollkommen in das ursprüngliche engstirnige und heimlich eingeführte Nachruf-Raster eines Joseph Fischer.

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