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Außerordentlicher Landesparteitag der FDP : Volkstribun gegen Machthandwerkerin

Rivalen hautnah: Michael Theurer und Birgit Homburger Bild: dpa

Am Samstag geht es um die Zukunft einer Partei, die mit großer Selbstverständlichkeit in Baden-Württemberg immer ein „liberales Stammland“ sah. Birgit Homburger möchte als FDP-Chefin wiedergewählt werden. Doch es gibt ernsthafte Konkurrenz.

          Die baden-württembergische FDP trifft sich am Samstag zu einem außerordentlichen Landesparteitag, der in der Parteigeschichte eingehen wird. Er wird nicht zu vergleichen sein mit den routinierten und zumeist langweiligen Veranstaltungen, die die Freien Demokraten normalerweise Anfang Januar, kurz vor der Dreikönigskundgebung, in der Stuttgarter Liederhalle abhalten. Dieses Mal treffen sich die Delegierten in der „Carl-Benz-Arena“ in Untertürkheim. Es geht um die Zukunft einer Partei, die mit großer Selbstverständlichkeit im Südwesten immer ein „liberales Stammland“ sah. Doch die 5,3 Prozent (2006: 10,7 Porzent), mit der die Partei aus der Regierung flog, lassen auch die größten freiheitlich denkenden Optimisten zweifeln, ob das Wort „Stammland“ überhaupt noch gerechtfertigt ist. Woran liegt es, wenn die FDP im Land des Mittelstands, der Selbständigen und der selbsternannten Tüchtigen fast den Einzug ins Parlament verfehlt? Und wie soll es nun weitergehen? Eigentlich, das sagen nicht nur Schönredner bei der CDU, sind die Freien Demokraten ja die Hauptverantwortlichen für den Machtverlust der schwarz-gelben Koalition - die 39 Prozent der CDU sind angesichts eines Spitzenkandidaten Mappus und der Fukushima-Katastrophe ja fast noch ein gutes Ergebnis.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Wie die liberale Zukunft aussehen soll, darüber wollen die Landesvorsitzende Birgit Homburger und der Europaabgeordnete Michael Theurer am Samstag vor den Delegierten in ihren Bewerbungsreden sprechen. Frau Homburger ist seit 2004 Landesvorsitzende. Sie trägt die Hauptverantwortung für alle grundsätzlichen Entscheidungen der FDP in der vergangenen Legislaturperiode. Eine personelle Auffrischung der Stuttgarter Kabinettsriege verzögerte sie aus Eigeninteresse, eine thematische Erweiterung des klassischen FDP-Spektrums wollte sie auch nicht. Bei den Koalitionsverhandlungen 2006 machte sie einen Winzer zum Staatssekretär mit Kabinettsrang, über den man in Berlin schmunzelte.

          Zu spielerisch und zu unkonventionell

          Frau Homburger trat mit dem gesamten Landesvorstand im April zurück, um als Landesvorsitzende wieder anzutreten. Ihr Herausforderer Michael Theurer war ein angesehener Bürgermeister des Schwarzwald-Städtchens Horb. Weil er als Landtagsabgeordneter unter dem autoritären Homburger-Regime wenig Entwicklungsmöglichkeiten sah, wechselte er 2009 ins Europaparlament. Theurer könnte man als einen „knitzen Bürgerpolitiker“ bezeichnen, „knitz“ ist das schwäbische Wort für clever oder gewitzt. Der studierte Ökonom und frühere Lokaljournalist hat das Herz am rechten Fleck und interessiert sich für Themen jenseits des FDP-Mainstreams.

          An der FDP-Basis genießt er große Sympathien, den Funktionären ist Theurer allerdings zu spielerisch und zu unkonventionell. Er sagt, was er denkt, auch wenn es nicht zu den Sprachregelungen passt, mit denen Parteifunktionäre um den heißen Brei herumreden. Würden die 400 Delegierten auf dem Parteitag sich für Frau Homburger entscheiden, die vermutlich immer noch einige Kreisvorsitzende hinter sich versammeln kann, würde die FDP mit einem auch von wohlwollenden Parteifreunden als „Halbautisten“ beschriebenen Fraktionsvorsitzenden und einer Wahlverliererin als Parteichefin in die Oppositionszeit starten. „Wenn Frau Homburger und der Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Rülke uns in die Zukunft führen, dann ist das sicher ein effizientes Duo. Wir würden aber nur mit den alten Themen wahrgenommen und nicht mit einem Strauß bürgerlich-sozialer Themen, mit denen wir auch auf uns aufmerksam machen wollen“, sagt ein einflussreicher FDP-Mann. Am Samstag trete eine „kalkulierende Machthandwerkerin“ gegen einen „Volkstribun mit Chuzpe“ an.

          Am Dienstag gab es ein Schaulaufen beider Kandidaten auf dem Stuttgarter Bezirksparteitag. Es sah nicht schlecht aus für den Herausforderer. „Wenn Michael Theurer auf dem Parteitag eine ähnlich gute Rede hält wie in Stuttgart, dann kann er es schaffen. Auf dem Bezirksparteitag war er eindeutig besser als die Landesvorsitzende“, berichtet ein Teilnehmer. Der 44 Jahre alte Theurer habe auch gelernt, seine Bewerbung nicht mit Schuldzuweisungen an die Altvorderen zu begründen. „Er hat verstanden, dass man nicht Königsmörder und Kronprinz in einer Person sein kann“, sagt ein Abgeordneter. Das Abstimmungsverhalten der Delegierten sei schwer einzuschätzen. Vielleicht stehe es für Frau Homburger 60 zu 40, das könne Theurer zu seinen Gunsten verändern. „Kein Kreisverband wird geschlossen abstimmen, das Ergebnis ist schwer vorauszusagen“, sagt ein Kreisvorsitzender. „Die Bundestagsabgeordneten halten nur so lange zu ihr, wie sie Landesvorsitzende ist.“ Wenn die aus dem badischen Hilzingen stammende Birgit Homburger in Stuttgart verliert, hat sie auch in Berlin verloren.

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