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Nach der Massenschlägerei : Messerwetzen in Celle

  • -Aktualisiert am

Konfrontation: Am Dienstag musste die Polizei zum wiederholten Male Yeziden und muslimische Tschetschenen trennen Bild: dpa

In Celle lebt die größte yezidische Gemeinde Europas. Nach einer Massenschlägerei mit muslimischen Tschetschenen herrscht Aufruhr in der niedersächsischen Stadt.

          Die Celler Polizeiinspektion wird noch eine Weile brauchen, bis sie den Hergang der Ereignisse am Montagabend rekonstruiert hat. Aus heiterem Himmel war es zu einer Massenschlägerei zwischen sechzig Yeziden und ungefähr halb so vielen Tschetschenen gekommen. Mikhael, der Friseur beim orientalisch-russischen Supermarkt „Botan“, ist schon im Bilde. Der wohlbeleibte irakische Araber, der seit 1987 in Celle wohnt, frisiert sie alle – Yeziden, Muslime, Christen, Kurden, Tschetschenen. Nur wenige hundert Meter von seinem Geschäft entfernt tobte am Montag die Keilerei. In seinem Laden seien sie alle friedlich, sagt Mikhael. Angefangen hätten die Ausschreitungen damit, dass yezidische Jugendliche am Bahnhof die Frau eines Tschetschenen „angemacht“ hätten, der an seinem Äußeren als frommer Muslim erkennbar gewesen sei. Was dann passiert sei, könne man sich denken. Der Muslim habe sich gewehrt, dann hätten beide Seiten mit ihren Mobiltelefonen Verstärkung herbeigerufen.

          Am Dienstag wären die Auseinandersetzungen an gleicher Stelle beinahe in eine noch größere Revancheschlacht ausgeartet. Da hatten sich schon gut hundert Tschetschenen gegen eine dreimal so große Anzahl yezidischer Kurden in Stellung gebracht. Diesmal waren die Ordnungshüter darauf vorbereitet. Den ganzen Tag über hatten sie beobachtet, dass beide Seiten ihre „Anhänger“ auch im Internet mobilisierten. Mit Unterstützung von Polizeikräften aus Hannover, Wolfsburg und Oldenburg hielten sie die aufgebrachte Menge in Schach. Erst als am Abend Heißsporne versuchten, den Polizeikordon mit rabiater Gewalt zu durchbrechen, setzten die Beamten Schlagstöcke und Pfefferspray ein. „Wir hatten die Lage schnell wieder im Griff“, sagt Polizeisprecher Guido Koch. Doch vom Ausmaß der Aggressivität ist er auch am Tag danach noch erschüttert. Vier Polizisten und fünf Demonstranten mussten ärztlich behandelt werden.

          Ein Funke reicht zur Gewaltexplosion

          Sheik Behzet Kizilyel vom Vorstand des Yezidischen Kulturvereins in Celle bestreitet nicht, dass der Funke, der die Gewaltexplosion auslöste, von jungen Yeziden gezündet wurde. „Großmäuler“, nennt sie Mikhael. Aber Sheik Kizilhyel weist darauf hin, dass er sich noch am Dienstag, als sich schon die nächste Zusammenrottung anbahnte, im Beisein von Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende und dem Leiter der Polizei in Celle, Eckhart Pfeiffer, mit Vertretern der muslimischen Gemeinde zusammengesetzt und sich für die Übergriffe vom Montag in aller Form entschuldigt habe. Anschließend habe er die yezidischen Demonstranten per Megafon aufgefordert, friedlich zu bleiben. „Wir leben hier seit vierzig Jahren“, habe er ihnen auf kurdisch zugerufen, „wir haben es gut in Celle, wir gehören zu der Stadt wie der Fingernagel zum Finger.“ Sie sollten die guten Beziehungen zu den Bürgern und auch zur Polizei nicht aufs Spiel setzen.

          Die Yeziden sind unter den vorwiegend muslimischen Kurden eine religiöse Minderheit. Der Kreis Celle beheimatet seit Jahren die größte yezidische Gemeinde Europas. Ihre Angehörigen stammen aus Südostanatolien, wo sie als Kurden vom türkischen Staat und als Nichtmuslime von den übrigen Kurden diskriminiert wurden. Da bis auf die Einwanderergeneration inzwischen fast alle die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben, gibt es nur Schätzungen über ihre Zahl. Sie liegen jetzt bei mehr als siebentausend. Angesichts der Ereignisse in Syrien und Irak wird erwartet, dass es bald mehr werden. Der Vormarsch der Islamisten im Nordirak und die Ermordung und Vertreibung tausender Kurden hat die hiesige Gemeinde in helle Aufregung versetzt, auch weil im Nordirak das Heiligtum der Yeziden, der Tempel von Lalesch, bedroht ist.

          Integration statt Isolation

          Seit Wochen machen die Yeziden mit Sammelaktionen und friedlich verlaufenden Demonstrationen auf die Situation ihrer Landsleute aufmerksam. Bei den übrigen Cellern fanden sie dabei viel Unterstützung und Verständnis, denn das Verhältnis zu diesen Neubürgern hat sich in den vergangenen Jahren deutlich entspannt, nachdem es noch in den neunziger Jahren durch Misstrauen geprägt war. Anlass dazu hatten die Yeziden durch ihre Nähe zur verbotenen Arbeiterpartei PKK gegeben, durch ihr Kastensystem, das die Heirat mit Nicht-Yeziden verbietet, und durch undurchsichtige Geschäfte mit Immobilien. Seither hat sich viel getan: Vor allem junge Gemeindeglieder haben die hergebrachte Neigung, sich gegenüber der Umwelt abzuschotten, aufgeweicht; die Integration durch Bildung kommt voran. Obwohl der Glaube nach wie vor die stärkste Klammer ihrer Gemeinschaft bildet, ist den Yeziden religiöser Fanatismus fremd. Im Stadtbild fallen junge Yezidinnen vor allem durch modische Angepasstheit auf.

          Angst hat Sheik Kizilyel, eine Autorität in der hiesigen Gemeinde, aber davor, dass die Deutschen nicht die Gefahr erkennten, die von Islamisten auch im eigenen Land ausgehe. Leute, die mit der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ sympathisierten, gehörten ausgewiesen, sagt er. Auf seinem Mobiltelefon hat er die Videos von Salafisten gespeichert, die zum Dschihad aufrufen. Auch von Tschetschenen, die vor der Kamera das Messer wetzen und sich angeblich für den Kampf in Celle rüsten. Achtzig Tschetschenen seien am Dienstag eigens angereist. „Die kommen von außerhalb“, sagt Kizilyel erregt, „wir wohnen in Celle und wollen hier bleiben.“

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