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Ausschreitungen in Stuttgart : Die Zerstörungswut einer Partymeute

Samstagnacht wurde auch die Glasscheibe eines Ein-Euro-Shops eingeschlagen. Bild: dpa

19 Polizisten verletzt, 40 Geschäfte demoliert: Warum sind junge Leute aus der Partyszene wie ein Mob durch die Stuttgarter Innenstadt gezogen?

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          Die getrockneten Blutflecken vor dem Einkaufszentrum im Stuttgarter Gerberviertel sind mit zwei numerierten Klebepfeilen markiert. Am Sonntagmittag sind die Polizisten in der baden-württembergischen Landeshauptstadt noch mit der Spurensicherung beschäftigt: Schaufensterscheiben werden mit LED-Leuchten nach Fingerabdrücken abgesucht, das DNA-Material der Blutspuren gesichert, und vereinzelt versuchen die Ermittler, die Anwohner in der Sophienstraße und in der Königstrasse zu befragen, was sie von Ausschreitungen in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit bekommen haben.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Randale, Plünderungen, Straßenschlachten zwischen Gruppen von Jugendlichen und der Polizei sind in Stuttgart nicht alltäglich, auch gewalttätige Demonstrationen nicht. Bis der Protest gegen Stuttgart 21 die Stadt verunsicherte, war man immer stolz, dass man die Bereitschaftspolizei mit Wasserwerfern nie brauchte.

          Vor dem Ein-Euro-Shop liegen in der Marienstraße mehrere Glasscherben-Haufen, die randalierenden Täter schmissen die Scheiben des Geschäfts mit Pflastersteinen ein und begannen dann damit, die Regale zu plündern. Auf dem Asphalt liegen zerbrochene Billig-Sonnenbrillen und Plastik-Bewässerungskegel für den Garten. „Das ist das erste Mal, dass so etwas in Stuttgart passiert. Welchen Sinn macht es, einen Ein-Euro-Laden zu plündern?“, fragt ein 48 Jahre alter IT-Manager, der am Sonntagmorgen mit dem Rennrad in die Marienstraße gekommen ist und mit anderen Schaulustigen die Spurensicherung der Polizei beobachtet.

          Aufräumarbeiten am nächsten Tag in einem Handyladen

          „Als ich nach Hause kam, war die Straße hier ein Schlachtfeld, der Hubschrauber kreiste noch, ich sah, dass die Polizisten äußerst angespannt waren“, erzählt ein Student der Wirtschaftsinformatik, der sich sein Frühstück bei McDonalds holt. Die Scheiben des Schnellrestaurants sind auch geborsten, der Geschäftsführer müsse jetzt ausschlafen, viele ihrer Kollegen hätten Angst gehabt in der vergangenen Nacht, sagt eine Frau hinter der Theke.

          In der Königstraße, der größten Einkaufsstraße Stuttgarts, rissen die Randalierer mehrere Unterflurmülleimer aus dem Boden, ein beliebter Eis-Pavillon am Rotebühlplatz ist zerstört. Die Fotos und Videos, die Beobachter auf Twitter verbreiten, dokumentieren ein äußerst brutales Vorgehen der gewalttätigen Randalierer: Man sieht, wie ein junger Gewalttäter mit einer Eisenstange auf einen Mannschaftswagen der Polizei schlägt oder wie ein anderer vermummter mutmaßlicher Täter einem Polizisten in den Rücken springt.

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          Eyob Russom ist der verantwortliche Manager für zwei Handy-Läden, nachdem beide Läden verwüstet und Handy sowie Laptops gestohlen worden waren, hat er sich die Schäden noch in der Nacht angeschaut: „Das waren keine cleveren Leute, denen ging es um größtmögliche Schäden und viel Aufmerksamkeit. Sonst hätten die ja nicht versucht, das Panzerglas des Juweliers einzuwerfen“, sagt er.

          Die Bilanz der Krawallnacht, die Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) und Polizeipräsident Franz Lutz am Sonntagnachmittag im Rathaus vorstellen, ist äußerst unschön: Bei 40 Geschäften wurden die Scheiben eingeschmissen, zwölf Polizeifahrzeuge beschädigt und 19 Polizeibeamte verletzt. In neun Läden gab es Plünderungen. Bis zum Sonntag konnte die Polizei 24 Tatverdächtige vorläufig festnehmen, bei sieben von ihnen wiegen die Vorwürfe so schwer, dass sie mit einer Vorführung beim Haftrichter rechnen müssen.

          Von den 24 Personen haben zwölf die deutsche Staatsbürgerschaft, drei von ihnen stammen aus Einwandererfamilien. Die anderen zwölf Verdächtigen, die vorläufig festgenommen worden sind, haben keine deutsche Staatsbürgerschaft. Sieben Verdächtige sind Heranwachsende im Alter zwischen 18 und 21 Jahren, weitere sieben sind Jugendliche.

          Ihren Anfang nahm die Krawallnacht gegen 23.30 Uhr im Schlossgarten, eine Polizeistreife kontrollierte einen 17 Jahre alten Deutschen wegen eines Drogendelikts. „Weil das ja gefragt werden wird, sage ich gleich, dass er weißer Hautfarbe war“, sagte Thomas Berger, der stellvertretende Stuttgarter Polizeipräsident, der in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Einsatzleitung hatte. Als es zur Kontrolle des Verdächtigen kam, hätten sich „200 bis 300 Personen“ aus der Partyszene mit ihm solidarisiert.

          Auf dem Schlossplatz seien dann weitere 500 randalierende Sympathisanten hinzugekommen. Die Polizei sei aufgrund der Lage ohnehin schon mit hundert zusätzlichen Beamten in der Stadt im Einsatz gewesen, leider habe das Personalaufgebot aber nicht ausgereicht, um die Situation in den Griff zu bekommen. Polizeipräsident Lutz sprach von „unglaublichen Geschehnissen“, die er in seinen 46 Dienstjahren noch nicht erlebt habe.

          „Es war ein bunter Mix rund um den Globus“

          Auch sein Stellvertreter Berger sagte, auch er habe in dreißig Dienstjahren ein derartig brutales Vorgehen von Randalierern gegen die Polizei noch nicht erlebt. Die Ursachen der Ausschreitungen wollen die Stadt und die Polizei nun sorgfältig analysieren. „Einen linkspolitischen oder überhaupt einen politischen Hintergrund kann ich ausschließen. Diese Partywut ist ein Angriff auf die Stadt. Und ich kann nur an die jungen Menschen appellieren, sich davon zu distanzieren“, sagte Lutz.

          Berger wollte auch keinen Zusammenhang mit der Rassismus-Debatte, die in den Vereinigten Staaten und in Deutschland nach dem Tod von George Floyd geführt wird, herstellen: „Die Situation der deutschen Polizei unterscheidet sich so stark von der in den Vereinigten Staaten, wenn wir darüber reden, brauchen wir mehr als eine Pressekonferenz.“ Unter den Randalierern seien Flüchtlinge gewesen, aber ebenso Deutsche, Italiener, Iraker, Bosnier. „Es war ein bunter Mix rund um den Globus.“

          Die Stimmung unter den Polizisten war angespannt.

          Seit Monaten beobachtet die Stuttgarter Polizei aber, dass in den sozialen Medien zu Gewalt gegen die Polizei aufgerufen wird, dass der Respekt deutlich abnehme. „Wer in Stuttgart gewalttätig auf die Polizei losgeht“, sagte Kuhn, „der gefährde die große Besonderheit Stuttgarts.“

          Der Schlossgarten, unmittelbar in der Nähe der Staatsoper, ist an den Wochenenden ein beliebter Partyort, der besonders gern von Jugendlichen und Drogendealern aus dem Stuttgarter Umland frequentiert wird. Er bietet viele Möglichkeiten, Bluetooth-Boxen und regelrechte Alkohollager aufzubauen. Zum Wochenanfang gleicht die Grünanlage oft einer Müllhalde. Nun zeugen Blutspuren davon, dass es beim Feiern nicht immer friedlich zugeht.

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