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Ausschreitungen in Stuttgart : Die Zerstörungswut einer Partymeute

Samstagnacht wurde auch die Glasscheibe eines Ein-Euro-Shops eingeschlagen. Bild: dpa

19 Polizisten verletzt, 40 Geschäfte demoliert: Warum sind junge Leute aus der Partyszene wie ein Mob durch die Stuttgarter Innenstadt gezogen?

          4 Min.

          Die getrockneten Blutflecken vor dem Einkaufszentrum im Stuttgarter Gerberviertel sind mit zwei numerierten Klebepfeilen markiert. Am Sonntagmittag sind die Polizisten in der baden-württembergischen Landeshauptstadt noch mit der Spurensicherung beschäftigt: Schaufensterscheiben werden mit LED-Leuchten nach Fingerabdrücken abgesucht, das DNA-Material der Blutspuren gesichert, und vereinzelt versuchen die Ermittler, die Anwohner in der Sophienstraße und in der Königstrasse zu befragen, was sie von Ausschreitungen in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit bekommen haben.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Randale, Plünderungen, Straßenschlachten zwischen Gruppen von Jugendlichen und der Polizei sind in Stuttgart nicht alltäglich, auch gewalttätige Demonstrationen nicht. Bis der Protest gegen Stuttgart 21 die Stadt verunsicherte, war man immer stolz, dass man die Bereitschaftspolizei mit Wasserwerfern nie brauchte.

          Vor dem Ein-Euro-Shop liegen in der Marienstraße mehrere Glasscherben-Haufen, die randalierenden Täter schmissen die Scheiben des Geschäfts mit Pflastersteinen ein und begannen dann damit, die Regale zu plündern. Auf dem Asphalt liegen zerbrochene Billig-Sonnenbrillen und Plastik-Bewässerungskegel für den Garten. „Das ist das erste Mal, dass so etwas in Stuttgart passiert. Welchen Sinn macht es, einen Ein-Euro-Laden zu plündern?“, fragt ein 48 Jahre alter IT-Manager, der am Sonntagmorgen mit dem Rennrad in die Marienstraße gekommen ist und mit anderen Schaulustigen die Spurensicherung der Polizei beobachtet.

          Aufräumarbeiten am nächsten Tag in einem Handyladen

          „Als ich nach Hause kam, war die Straße hier ein Schlachtfeld, der Hubschrauber kreiste noch, ich sah, dass die Polizisten äußerst angespannt waren“, erzählt ein Student der Wirtschaftsinformatik, der sich sein Frühstück bei McDonalds holt. Die Scheiben des Schnellrestaurants sind auch geborsten, der Geschäftsführer müsse jetzt ausschlafen, viele ihrer Kollegen hätten Angst gehabt in der vergangenen Nacht, sagt eine Frau hinter der Theke.

          In der Königstraße, der größten Einkaufsstraße Stuttgarts, rissen die Randalierer mehrere Unterflurmülleimer aus dem Boden, ein beliebter Eis-Pavillon am Rotebühlplatz ist zerstört. Die Fotos und Videos, die Beobachter auf Twitter verbreiten, dokumentieren ein äußerst brutales Vorgehen der gewalttätigen Randalierer: Man sieht, wie ein junger Gewalttäter mit einer Eisenstange auf einen Mannschaftswagen der Polizei schlägt oder wie ein anderer vermummter mutmaßlicher Täter einem Polizisten in den Rücken springt.

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          Eyob Russom ist der verantwortliche Manager für zwei Handy-Läden, nachdem beide Läden verwüstet und Handy sowie Laptops gestohlen worden waren, hat er sich die Schäden noch in der Nacht angeschaut: „Das waren keine cleveren Leute, denen ging es um größtmögliche Schäden und viel Aufmerksamkeit. Sonst hätten die ja nicht versucht, das Panzerglas des Juweliers einzuwerfen“, sagt er.

          Die Bilanz der Krawallnacht, die Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) und Polizeipräsident Franz Lutz am Sonntagnachmittag im Rathaus vorstellen, ist äußerst unschön: Bei 40 Geschäften wurden die Scheiben eingeschmissen, zwölf Polizeifahrzeuge beschädigt und 19 Polizeibeamte verletzt. In neun Läden gab es Plünderungen. Bis zum Sonntag konnte die Polizei 24 Tatverdächtige vorläufig festnehmen, bei sieben von ihnen wiegen die Vorwürfe so schwer, dass sie mit einer Vorführung beim Haftrichter rechnen müssen.

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