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Ausschreitungen in Köln : „Eine brandgefährliche Situation“

  • Aktualisiert am

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Polizei-Gewerkschafter Arnold Plickert hat die Ausschreitungen in Köln selbst miterlebt. Er warnt im Interview davor, dass sich in der Hooligan-Szene rechtsextreme Führungsstrukturen etablieren könnten.

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          Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Arnold Plickert, hat die schweren Ausschreitungen bei der Demonstration der selbsternannten „Hooligans gegen Salafismus“ in Köln miterlebt. Der erfahrene Gewerkschafter ist alarmiert und fürchtet, dass die Hooligans die Kölner Ereignisse vom Sonntag als Erfolg bewerten und darauf aufbauen werden. Plickert warnt davor, dass sich in der Hooligan-Szene rechtsextreme Führungsstrukturen etablieren könnten.

          Herr Plickert, Sie waren gestern als Zeuge bei der Hooligan-Demonstration in Köln…

          …ja, ich bin schon auf der Anfahrt Zeuge geworden. Ich bin aus dem Ruhrgebiet im Zug nach Köln gereist. Im Zug war für mich schon überraschend, dass Hooligan-Gruppen, die sich sonst verfeindet gegenüberstanden, nun gegenüber saßen, zusammen ein Bier getrunken haben. Es waren auch schon viele Rechtsextreme in dem Zug, also eine ganz komische Mischung. Als der Zug in Köln ankam, sind die Kollegen der Bundespolizei auch sofort mit Knallkörpern beworfen worden. Da konnte man schon erahnen, dass es ein ungemütlicher Tag werden könnte.

          Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Arnold Plickert: „Solche Gewaltexzesse haben wir noch nicht gehabt“
          Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Arnold Plickert: „Solche Gewaltexzesse haben wir noch nicht gehabt“ : Bild: dpa

          Das heißt, die Veranstaltung war von Beginn an nicht friedlich?

          Die Beamten sind gleich im Bahnhof mit Knallkörpern beworfen worden. Auch auf dem Aufstellungsplatz hat es immer wieder rumort.

          Wann ist die Situation dann ganz umgeschlagen?

          Ich war auf dem Platz vor dem Bahnhof sehr überrascht, dass wirklich 4500 da waren. Die Polizei war ja von 1500 bis 2000 ausgegangen. Ich habe eine Situation erlebt, wo die Hools skandierten: Nazis raus! Das war absurd, denn zwanzig Meter daneben stand eine Gruppe von 15 bis 20 Personen mit Glatze und Springerstiefeln, wo erkennbar war, dass das Nazis waren. Es hat eine Verbrüderung gegeben. Ich habe auch viele Alt-Hooligans gesehen, also Personen, die 45 Jahre und älter sind. Sie scheinen unter dem Deckmantel Anti-Salafismus nun wieder in die Szene zurückzukommen. Auch das betrachte ich mit großer Sorge. Als der Aufmarsch dann begann, hat ein Anlass gereicht, und die Gewalt ging los.

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          Was genau war der Anlass?

          Teilnehmer des Aufmarsches schienen sich von einer Gruppe provoziert gefühlt zu haben, die Trikots des türkischen Fußballvereins Galatasaray Istanbul getragen haben. Daraufhin ist die Sache das erste Mal eskaliert. Ganz gezielt wurden nun Polizisten und auch Journalisten angegriffen.

          Wie bewerten Sie die Rückkehr der Alt-Hooligans?

          In Köln hat eine Renaissance der gewaltbereiten Alt-Hooligans stattgefunden. Diese Leute hatten sich verabschiedet, weil sie mit den Aktionen der Ultras, den Choreographien und so weiter nichts anfangen konnten. Aber wir haben zuvor schon regional feststellen müssen, dass die Hools in den Fußball zurückkommen - in Aachen etwa oder auch in Düsseldorf. Und nun nehmen die Hooligans den Anti-Salafismus als Vorwand für Gewalt. Wir müssen davon ausgehen, dass die Hooligans die Kölner Ereignisse vom Sonntag als Erfolg bewerten und darauf aufbauen werden.

          Heißt das, Sie rechnen mit noch größeren Demonstrationen und Ausschreitungen?

          Die Hooligan-Szene schaut genau, was sich da entwickelt. Wir haben vor wenigen Wochen die erste Anti-Salafismus-Demonstration gesehen – damals waren es in Mannheim nur 30 Teilnehmer. Wenig später in Frankfurt waren es 60, es folgte in Essen eine Demonstration mit 100, schließlich in Dortmund waren es schon 300. Jetzt haben wir 4500. Das ist schon eine Dimension, die in dieser Zeit nach Köln zu holen. Das ist die große Sorge: Wohin entwickelt sich diese Gruppe? Wird die noch größer? Wird es da jetzt demnächst Führungsstrukturen geben mit einer Führung, die dann ganz konzentriert diese Organisation betreibt? Wird es vielleicht auch eine Annäherung an den Rechtsextremismus geben? Wenn sich solche rechtsextremen Strukturen etablieren, dann ist das brandgefährlich.

          Aber in Köln fand doch schon die Kooperation mit Rechtsextremisten statt, der ursprüngliche Anmelder der Veranstaltung war ein Mitglied der rechtsextremen ProNRW?

          Ich würde mit dem gestrigen Tage nicht unterstellen, dass alle Hooligans auch rechtsextrem orientiert sind. Die Polizei hat einen Lagebericht der zentralen Informationsstelle Sporteinsätze, der ist nur wenige Wochen alt. Aus ihm geht hervor, dass man beim Thema Verknüpfung von Fußballgewalt und politischer Gewalt von einer Größenordnung von etwa 400 bis 500 Personen in Deutschland ausgehen muss.

          Demonstration von Hooligans am Sonntag in Köln: Wer steuert hier wen?
          Demonstration von Hooligans am Sonntag in Köln: Wer steuert hier wen? : Bild: dpa

          In Köln hat man aber nun von einer großen Masse Hooligans ganz klar Parolen gehört wie „Ausländer raus!“. War Köln ein Wendepunkt?

          Wir haben im Verlauf des Nachmittags jedenfalls für Nordrhein-Westfalen eine neue Qualität der Gewalt erlebt. Das sieht man auch daran: Gestern wurde mehrfach der Wasserwerfer eingesetzt. Zum Schluss standen vier Wasserwerfer an vier Ecken. In den letzten zehn Jahren haben wird in NRW den Wasserwerfer nur zweimal eingesetzt. Einmal bei einer NPD-Demonstration in Dortmund und einmal bei einem Fußballspiel Dortmund gegen Schalke – das war aber mehr Wasserregen. Die Angriffssituation war schon extrem.

          War die Polizei gut genug vorbereitet?

          Wir hätten am Sonntag in Nordrhein-Westfalen gar nicht mehr haben können als die 1300 bis 1500 eingesetzten Polizisten. Wir hatten gleichzeitig ein Spiel der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund gegen Hansa Rostock, bei dem es auch zu Ausschreitungen gekommen ist. Und wir hatten das Spiel Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München. Sollte es noch einmal zu solch einer Demonstration kommen, dann müssen wir uns mit den Erkenntnissen, die wir jetzt haben, anders aufstellen.

          Das Gespräch mit Arnold Plickert führte Reiner Burger.

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