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Auslandsjahr-Erfahrungen : Arme eine Welt

  • -Aktualisiert am

Eine ganze Industrie lebt davon, junge Leute für ein Auslandsjahr in arme Länder zu bringen und sie da zu umsorgen. Ist das wirklich sinnvoll?

          3 Min.

          Viele junge Deutsche reisen in arme Länder. Dort verbringen sie mehrere Monate im Gefühl, sich nützlich zu machen, denn der Grund ihrer Reise ist: Freiwilligenarbeit, Projekttätigkeit, Sozialerfahrung, Umwelthilfe, Freiwilligenerfahrung, Projekthilfe, Sozialarbeit, Umwelterfahrung, Freiwilligentätigkeit, Projektarbeit. Was bedeutet das? Darüber kann man sich zum Beispiel auf einer Internetseite namens „Auslandsjahr-Erfahrungen“ informieren. Auch eine junge Frau namens Klarissa hat da ihre Erlebnisse aufgeschrieben. Klarissa war für zwei Monate in Ghana, um „Freiwilligenarbeit“ im „Projekt Sozialarbeit“ zu leisten. Ihr Tagesablauf sah, in ihren Worten, so aus:

          7Uhr: Aufstehen. 7.30 Uhr: gemütliches Frühstück auf der Terrasse und Plaudern mit den anderen Mädels. 9Uhr: Projekt - Kinder beschäftigen, spielen und trösten. 13Uhr: zurück im Haus und erst mal erfrischen. Bis 14Uhr: gemeinsam Kochen oder irgendwas Essbares auf der Straße kaufen. 14.30Uhr: Freizeitstress - zum Circle oder Kaneshie einkaufen gehen, an den Strand fahren, einkaufen, Wäsche waschen. 18Uhr: zum Maisstand laufen und Mais bestellen, gemeinsam kochen, im Internetcafé sitzen oder duschen. 19Uhr: Den Abend auf der Terrasse ausklingen lassen, Besuch des African Aerobics, Gospel-Chor, Salsa-Tanzen. Kurz gesagt, hat Klarissa bis auf dreieinhalb Stunden den ganzen Tag gechillt. Dieser Beschreibung würde sie selbst vielleicht widersprechen, denn sie schreibt, sie habe in ihrer Freizeit auch viel unternommen, zum Beispiel „Wochenendausflüge an verschiedene Strände mit Übernachtung in Strohhütten“ und „Kleidung nähen lassen“.

          Eine ganze Industrie lebt davon, Leute wie Klarissa in arme Länder zu verfrachten, sie da zu umsorgen und dann zurück nach Deutschland zu verfrachten. Die jungen Deutschen finden die Sache gut, denn ihr Horizont erweitert sich rasant, bis er gleich dem Äquator die ganze Welt umspannt. Ferner schmückt die Reise als „Erfahrung“ den Lebenslauf und ist dort deutlich mehr wert als zum Beispiel eine „Erfahrung“, die in Bayern oder Brandenburg gemacht wurde. Faustregel: Je ärmer das Land, desto wertvoller die „Erfahrung“. Die Reisenden versichern sich auf diesem Wege ihrer Lebenstüchtigkeit und verbuchen die Nacht in der Strohhütte als Abenteuer beziehungsweise sinnhafte Handlung.

          Arme, arme Länder. Sie können dem Erfahrungswahn der jungen Besucher nichts entgegensetzen. So nimmt das Unheil seinen Lauf.

          Wer in Ilmenau Maschinenbau studiert hat, kann mehr helfen

          Und es ist ja nicht so, dass irgendetwas an der Sache nicht schrecklich wäre. Mit dem Flug geht es schon los. Mal angenommen, Klarissa ist von Frankfurt nach Accra und zurück geflogen. Dann haben die Flugzeuge allein für sie 3020 Kilo CO2 in die Luft geblasen. Die Jahresemission eines Inders liegt bei 900 Kilo. So düsen alle um den Globus, natürlich auch die Umweltprojektmenschen, lassen aber im Gegensatz zu normalen Touristen im Zielland möglichst wenig Geld (Bescheidenheit als „Erfahrung“).

          Schlimmer ist aber, was die Weltreisenden vor Ort anrichten. Fortwährend fotografieren sie sich mit Einheimischen, um ihren Live-Kontakt zur Landesbevölkerung auf Facebook und in ihren Reiseblogs zu dokumentieren. Bloß soll es schnell gehen, weil sie - nur zum Beispiel - auf dem Weg zum African Aerobic sind, um sich ihre Maismahlzeiten zwecks Strandform wieder abzutrainieren. Als hätten die Menschen in den armen Ländern nicht schon genug Elend auszuhalten, müssen sie sich auch noch von enthusiasmierten Erfahrungssammlern aus der Ersten Welt dabei stalken lassen. Und was nützt es? Wenn heute in China ein Sack Reis um- und einem armen Menschen auf den Fuß fällt, geht kein Aufschrei durch die Reihen derer, die mal in China „Erfahrungen“ gesammelt haben. Die Reisenden sind längst woanders, machen ein Praktikum in New York oder studieren Projektwissenschaften in Berlin.

          Die Frage ist natürlich, ob die Hilfe der jungen Leute in den armen Ländern am Ende für die Demütigung entschädigt. Die Antwort ist natürlich: nein. Die Zeit, in der die Reisenden nicht gerade mit Verdauungsproblemen, Sprachbarrieren, Heimweh und Freizeitstress befasst sind, ist überaus überschaubar, und was sie in den paar übrigen Stunden vollbringen, ebenfalls. Wer in Ilmenau Maschinenbau studiert hat, kann jedenfalls in Ghana mehr helfen als eine Flugzeugladung Klarissas.

          Kein Mensch auf der Welt hat Lust, Statist zu sein in der Selbsterfahrungskulisse erlebnishungriger Wohlstandskinder. Die Armen können sich kaum dagegen wehren. Die Erlebnishungrigen werden sich nicht abhalten lassen. Das Einzige, was man tun kann, ist, ihre „Erfahrungen“ nicht als Qualifikationen zu loben und ihre neokolonialistischen Blogs nicht als cool. Was das Ganze wirklich ist, haben die Sex Pistols in einem Song eh schon gesagt: „a cheap holiday in other people’s misery“.

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