https://www.faz.net/-gpf-9gc1p

Studie der Uni Leipzig : Fast jeder dritte Deutsche vertritt ausländerfeindliche Positionen

  • Aktualisiert am

Teilnehmer der rechtspopulistischen Demonstration „Tag der Nation“ ziehen mit einer Deutschlandfahne durch Berlin Bild: dpa

Mehr als die Hälfte der Befragten gibt sogar an, sich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land zu fühlen. Rund sechs Prozent haben eine rechtsextreme Weltsicht. Insbesondere AfD-Wähler äußern sich ausländerfeindlich.

          Ausländerfeindliche Einstellungen nehmen in Deutschland zu. Laut einer Studie der Universität Leipzig vertritt inzwischen fast jeder dritte Bürger dieses Landes solche Positionen. Im Osten stimmt fast jeder Zweite (47,1 Prozent) Aussagen wie „Ausländer nutzen den Sozialstaat aus“ zu. Eine klar rechtsextreme Weltsicht haben aktuell sechs Prozent der Bundesbürger. Das ist zwar ein höherer Wert als bei Umfragen in den vergangenen vier Jahre. Er liegt aber immer noch deutlich unter dem Anteil von 9,7 Prozent, der bei der ersten Befragung im Jahr 2002 erreicht worden war.

          Während antisemitische Einstellungen im Vergleich zu 2016 leicht zurückgegangen seien, habe sich vor allem die Abwertung von Muslimen sowie von Sinti und Roma in der Gesellschaft verfestigt, stellen die Autoren der repräsentativen Studie „Flucht ins Autoritäre“ fest, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

          Demnach stimmt inzwischen bundesweit mehr als die Hälfte der Bevölkerung (55 Prozent) der Aussage zu „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“. Als die Forscher diese Frage zwei Jahre zuvor gestellt hatten, lag die Zustimmung zu diesem Satz bei 50 Prozent. 2014 waren es 43 Prozent.

          Die Teilnehmer der Studie wurden auch nach ihrer Wahlpräferenz gefragt. Dabei zeigte sich: 55 Prozent der Menschen, die sagten, sie würden die AfD wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre, äußerten sich ausländerfeindlich. Unter denjenigen, die CDU, CSU und SPD wählen würden, waren demnach 22 Prozent Ausländerfeinde. Für die Wähler der FDP ermittelten die Forscher einen Wert von 18 Prozent. Bei den Anhängern von Linkspartei (15 Prozent) und Grünen (11 Prozent) waren es deutlich weniger.

          Eine positive Nachricht gibt es

          Brähler sagte, insgesamt lasse sich beobachten, je weniger Ausländer in einer Region lebten, desto stärker seien die „Überfremdungsängste“ in dem Gebiet. Eine Ausnahme bilde hier nur Bayern, wo relativ viele Menschen mit Migrationshintergrund leben und solche Ängste auch vorhanden seien.

          Starke Unterschiede zwischen den Wählern der AfD und den Anhänger der anderen im Bundestag vertretenen Parteien stellten die Studienleiter Oliver Decker und Elmar Brähler auch in anderen Punkten fest. Laut Studie befürworteten 13,1 Prozent der Befragten, die bei der „Wahlpräferenz“ die AfD nannten, eine rechtsautoritäre Diktatur. Zum Vergleich: Unter den Wählern der Unionsparteien äußerten 2,3 Prozent derartige Ansichten, bei den FDP-Anhängern waren es 4,3 Prozent. Bei den Parteigängern von Linke, Grünen und SPD lag der Anteil jeweils unter zwei Prozent.

          Als Befürworter einer „rechtsautoritären Diktatur“ im Sinne der Studie gilt, wer Aussagen wie „im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen die Diktatur die bessere Staatsform“ oder „Was Deutschland jetzt braucht ist eine einzige Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“ richtig findet.

          Große Differenzen zwischen Ost und West entdeckten die Forscher, als sie nach Einstellungen fragten, die sich unter dem Begriff „Sozialdarwinismus“ zusammenfassen lassen. So stimmten neun Prozent der Westdeutschen der Aussage „Es gibt wertvolles und unwertes Leben“ zu. Auf dem Gebiet der ehemalige DDR vertraten 14,5 Prozent der Befragten diese Ansicht.

          Immerhin eine wirklich gute Nachricht hat die Studie aus Sicht der Autoren zu bieten: Im Osten ist die Zufriedenheit der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie von 27,3 Prozent im Jahr 2006 auf inzwischen 46,9 Prozent angestiegen.

          Weitere Themen

          Was nun, Frau Premierministerin?

          Brexit-Chaos : Was nun, Frau Premierministerin?

          Theresa May verschiebt die Abstimmung über den Brexit und löst damit ein Chaos aus: Das Pfund stürzt ab, das Parlament rebelliert, die Bürger sind genervt. Die vier wichtigsten Fragen zur Zukunft Großbritanniens.

          Trump muss Suche fortsetzen Video-Seite öffnen

          Nach neuem Stabschef : Trump muss Suche fortsetzen

          Sein ursprünglicher Wunsch-Kandidat Nick Ayers, der momentan Stabschef des Vize-Präsidenten Mike Pence ist, möchte lediglich vorübergehend einspringen. Insidern zufolge zieht er jetzt gleich mehrere Kandidaten für den Posten im Weißen Haus in Betracht.

          Die freiwillige Ausreise des Gefährders Halil D.

          Salafismus : Die freiwillige Ausreise des Gefährders Halil D.

          Halil D. wurde verdächtigt, einen Anschlag auf ein Radrennen in Frankfurt geplant zu haben. Nach seiner Freilassung galt er als einer der gefährlichsten Islamisten in Nordrhein-Westfalen. Nun ist er seiner Familie in die Türkei gefolgt.

          May trifft Merkel in Berlin Video-Seite öffnen

          Brexit-Abstimmung verschoben : May trifft Merkel in Berlin

          Nachdem sie die Brexit-Abstimmung abgesagt hat, trifft sich Premierministerin Theresa May mit Bundeskanzlerin Merkel. Es sei jetzt zunächst Sache der britischen Regierung, den europäischen Partnern zu erläutern, wie sie sich das weitere Vorgehen vorstelle.

          Topmeldungen

          Salafismus : Die freiwillige Ausreise des Gefährders Halil D.

          Halil D. wurde verdächtigt, einen Anschlag auf ein Radrennen in Frankfurt geplant zu haben. Nach seiner Freilassung galt er als einer der gefährlichsten Islamisten in Nordrhein-Westfalen. Nun ist er seiner Familie in die Türkei gefolgt.

          Anleihekäufe der EZB : Nun sollte Schluss sein!

          Für mehr als zwei Billionen Euro haben die Notenbanken der Währungsunion Staatsschulden gekauft. Sie durften das, befinden Europas höchste Richter. Das bedeutet aber nicht, dass das eine gute Idee war. Eine Analyse.

          Brexit-Abkommen : Unterhaus soll vor dem 21. Januar abstimmen

          Am Montag hatte die britische Premierministerin Theresa May das Unterhaus-Votum über das Brexit-Abkommen wegen mangelnder Erfolgsaussichten verschoben. Für den Außenhandelsverband ist der Brexit ein „Schlamassel“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.