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Ehemaliger SS-Mann : Auschwitz-Prozess startet ohne direkte Beweise

Wie andere frühere SS-Leute gibt Reinhold H. zu, dass er in Auschwitz war. Mit den Morden aber will er nichts zu tun gehabt, ja sie noch nicht mal mitbekommen haben. Konkret können ihm die Staatsanwälte keine Taten nachweisen. Bekannt ist allein, welcher Kompanie er angehörte und dass er überwiegend Wachdienste im sogenannten Stammlager leistete, über dessen Eingang der Schriftzug „Arbeit macht frei“ prangte. Doch auch im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde seine Einheit zu Bereitschaftsdiensten eingesetzt.

Mit der Bewertung von Auschwitz taten sich die Gerichte lange schwer

Mit der juristischen Bewertung der Mordfabrik Auschwitz taten sich die bundesdeutschen Gerichte lange schwer. Als sich die Justiz am Ende der fünfziger Jahre der Verbrechen der Nazi-Zeit annahm, verurteilte sie zwar Dutzende SS-Männer der „reinen“ Vernichtungslager wie Sobibor und Treblinka. Hier reichte den Richtern für die Beihilfe zum Mord, dass die Männer in den Lagern Dienst getan hatten.

Staatsanwalt Fritz Bauer: Der Richter und Staatsanwalt war maßgeblich am Zustandekommen der Auschwitzprozesse in Frankfurt am Main beteiligt.

Den Fall Auschwitz erachtete man aber als komplizierter. Nicht jeder, der nach Auschwitz kam, wurde direkt in die Gaskammern getrieben, es gab das Stammlager, das Vernichtungslager Birkenau, dazu das Arbeitslager Monowitz. Viele Deportierte mussten zunächst Zwangsarbeit leisten oder wurden auf andere Lager verteilt. Der Bundesgerichtshof (BHG) urteilte 1969 in seiner Revisionsentscheidung zum Frankfurter Auschwitzprozess, dass die Anwesenheit in Auschwitz allein nicht für eine Verurteilung ausreiche. Den SS-Männern müsse die Mitwirkung an bestimmten Tatkomplexen – etwa der Abfertigung eines Deportationszuges – nachgewiesen werden.

Erst lange nach Fritz Bauer setzt ein Umdenken ein

Damals stellte sich der BGH gegen den Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der dafür plädiert hatte, das Verbrechen Auschwitz als Ganzes zu begreifen. Denn jedem, so argumentierte Bauer damals, sei der Sinn des Lagers bewusst gewesen. Die Justiz ging einen anderen Weg als Fritz Bauer. Mit der Zeit setzte sich die Praxis durch, nur noch Täter zu belangen, denen konkrete eigene Morde nachgewiesen werden konnten, etwa willkürliche Erschießungen. Das war zwar ganz und gar nicht, was der BGH vorgegeben hatte, aber es sorgte dafür, dass praktisch alle Verfahren eingestellt wurden.

John Demjanjuk hatte Dienst im Vernichtungslager Sobibor geleistet. 2011 wurde er dafür verurteilt.

Erst mit dem Urteil gegen John Demjanjuk wachte die Justiz wieder auf, auch wenn der Fall mit Auschwitz nichts zu tun hatte – Demjanjuk war in Sobibor. Doch es wurde offenkundig, dass die Strafverfolger viele Täter unbehelligt gelassen hatten mit Begründungen, die juristisch nicht haltbar waren. Das Landgericht Lüneburg stützte sein Urteil gegen Oskar Gröning im vergangenen Sommer auch auf die Tatsache, dass Gröning das Geld der Häftlinge verwaltet und nach Berlin gebracht hatte. Auch dadurch habe er das Tötungsgeschehen unterstützt.

Gröning hatte selbst zugegeben, dass er wie jeder andere in Auschwitz nach kurzer Zeit wusste, welchem alleinigen Zweck das Lager, und damit seine Tätigkeit, diente. Beihilfe sei nach ständiger Rechtsprechung jede Handlung, „die die Herbeiführung des Taterfolges“ objektiv fördere oder erleichtere, stellten die Lüneburger Richter fest.

Auch die Anklage gegen Reinhold H. macht an dieser durch den BGH immer wieder bestätigten Bewertung der Beihilfe fest. Sie schließt nicht nur die Morde in den Gaskammern, sondern auch die Massenerschießungen im Stammlager und die „Vernichtung durch Arbeit“ ein. „Es ist die Rückkehr zu Fritz Bauer“, kommentiert Rechtsprofessor Cornelius Nestler die Anklage, der wie im Fall Gröning Überlebende als Nebenkläger vertritt.

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Unser Autor: Oliver Georgi

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