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Auschwitz-Wachmann in Auslieferungshaft : Vorbild Demjanjuk

In Philadelphia sitzt ein ehemaliger KZ-Wachmann in Haft. Ihm wird Beihilfe zum Mord in 344.000 Fällen in Auschwitz-Birkenau vorgeworfen. Im August wird über seine Auslieferung entschieden.

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          Das Verfahren gegen John Demjanjuk lieferte das Vorbild: Die Verurteilung des damals 90 Jahre alten Wachmanns im Vernichtungslager Sobibor eröffnet auch in anderen Ermittlungen die Möglichkeit, mutmaßliche NS-Verbrecher anzuklagen, auch wenn man ihnen eine individuelle, konkrete Schuld nicht nachweisen kann. Nun sitzt im amerikanischen Philadelphia ein mutmaßlicher Wachmann aus dem Vernichtungslager Auschwitz in Haft, dem Beihilfe zum Mord an 344 000 Menschen in Auschwitz zur Last gelegt wird – auch er mit 89 Jahren hochbetagt, auch er vermutlich kein Haupttäter, sondern ein Nebentäter, ein „Mitverantwortlicher“, wie es der Leitende Oberstaatsanwaltschaft in Weiden, Gerd Schäfer, gegenüber FAZ.NET formulieret.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Deutschland hatte die Auslieferung Johann Breyers im vergangenen Jahr beantragt; am 21. August soll es in Amerika eine Anhörung in dem Fall geben. Die Staatsanwaltschaft Weiden betrachtet den auf dem Gebiet der heutigen Slowakei geborenen Mann als mitverantwortlich für die Verbrechen, die zwischen 1943 und 1945 in Auschwitz verübt wurden, weil er damals zur dortigen Wachmannschaft gehörte. Sie führt das Verfahren, da er bis zu seiner Ausreise nach Amerika in den fünfziger Jahren in dem oberpfälzischen Landkreis gelebt hatte.

          Zur Tatzeit noch minderjährig

          Um ihre Vorwürfe zu belegen, suchte die Staatsanwaltschaft Weiden Zeugen, die das Vernichtungslager Auschwitz überlebten und in einem möglichen Prozess aussagen könnten, trug Originalurkunden zusammen, in denen sein Name vorkommt, und führte schließlich auch Ermittlungen in Auschwitz-Birkenau selbst. Dort wurden vor allem Geländeaufnahmen mit modernen technischen Mitteln gemacht, denn der mutmaßliche Täter beruft sich nach ihren Erkenntnissen bisher darauf, nicht an der Selektionsrampe im Vernichtungslager Birkenau selbst als Wachmann eingesetzt gewesen zu sein, sondern in einem anderen Teil des Lagers: in Auschwitz eins, dem ursprünglichen Konzentrationslager. „Was er dort genau gemacht hat, kann erst eine förmliche Vernehmung in Deutschland näher klären“, sagte Schäfer weiter.

          „Einsatzort Auschwitz eins“ — darauf berief sich der mutmaßliche ehemalige KZ-Wachmann Johann Breyer während seines Ausbürgerungsverfahrens in Amerika.

          Die Chancen, dass der Mann an Deutschland ausgeliefert wird, stehen vermutlich nicht schlecht: die amerikanischen Behörden hatten schon Anfang der neunziger Jahre versucht, ihm die amerikanische Staatsbürgerschaft abzuerkennen, weil er bei seiner Einreise falsche Angaben über seine Vergangenheit gemacht hatte. Doch dies erwies sich als schwieriger als im Fall Demjanjuk: Das Verfahren scheiterte schließlich daran, dass auch Breyers Mutter Amerikanerin war und diese Staatsangehörigkeit qua Herkunft ihm nicht entzogen werden konnte.

          Überlegungen, stattdessen in Amerika selbst gegen den Mann zu prozessieren, wurden schließlich eingestellt, weil er mit 17 Jahren in die Waffen-SS eingetreten und damit zur Tatzeit teilweise noch minderjährig war. Die Staatsanwaltschaft Weiden ist nun jedoch zuversichtlich, bald in Deutschland das Verfahren gegen den Mann eröffnen zu können: „Dass jetzt ein amerikanischer Richter Haftbefehl erlassen hat, betrachten wir als sehr positives Zeichen“, sagte Schäfer gegenüber FAZ.NET.

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