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Prozess in Lüneburg : Auschwitz-Überlebende vergibt angeklagtem SS-Mann

Die heute 81 Jahre alte Auschwitz-Überlebende Eva Kor im Gerichtssaal in Lüneburg. Bild: dpa

Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor ist nicht als Zeugin nach Lüneburg gekommen. Zu den Vorwürfen gegen den Angeklagten Oskar Gröning darf sie nichts sagen. Aber sie berichtet über die grausamen Experimente des KZ-Arztes Dr. Mengele. 

          „Hello Herr Oskar Gröning“ sagt die kleine Dame, die auf dem Zeugenplatz im Gerichtssaal in Lüneburg Platz genommen hat, mit leiser Stimme. „Mein Name ist Eva Kor. Im Mai 1944, als wir nach Auschwitz gebracht wurden, hieß ich noch Eva Mozes.“ Eva Kor ist aus Indiana nach Lüneburg gereist, um  Oskar Gröning gegenüberzutreten, dem früheren SS-Mann aus Auschwitz, der nun, 93 Jahre alt, wegen der Beihilfe zum Mord an mindestens 300.000 Menschen vor Gericht steht.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          „Meine Familie und ich waren Teil der Ungarntransporte“, fährt Eva Kor fort. „Mein Vater, Alexander Mozes, 44 Jahre alt, meine Mutter, Jaffa Mozes, 38 Jahre alt.“ Ihre älteren Schwestern  Edit, 14 Jahre, und Aliz, 12 Jahre, und ihre Zwillingsschwester Miriam, wie sie 10 Jahre alt. „Nach dreißig Minuten auf der Rampe wurden Miriam und ich für immer von unserer Familie getrennt. Nur wir beide überlebten, weil wir für die Experimente von Dr. Josef Mengele benutzt wurden.“

          Sie schwor sich, alles zu tun, um zu überleben

          Eva Kor ist nicht als Zeugin nach Lüneburg gekommen. Zu den Vorwürfen gegen Oskar Gröning, dem vorgeworfen wird, an der Rampe des Lagers das Gepäck der Ankommenden bewacht zu haben, die in die Gaskammern geschickt wurden, sagt sie nichts. Aber ihr Anwalt, der sie als Nebenklägerin in dem Verfahren vertritt, hat gebeten, dass sie eine Erklärung verlesen dürfe. Sie darf, auch wenn der Vorsitzende Richter Franz Kompisch am ersten Verhandlungstag schon gesagt hatte, dass dies nur ein Strafverfahren sei, in dem die strafrechtliche Aufklärung „das zentrale Element“ sein werde.

          Eva Kor erzählt, wie ihr und ihrer Schwester die Haare geschoren wurden und wie sie sich mit „aller Kraft, die eine Zehnjährige entfalten kann“, wehrte, als sie tätowiert werden sollte. „Sie begannen, die Nadel zu erhitzen. Als die Nadel heiß war, tunkten sie sie in Tinte und brannten sie in meinen linken Arm, Punkt für Punkt, A-7063.“ In einem Labor wurden ihr Flüssigkeiten injiziert. Sie bekam hohes Fieber, ihre Arme und Beine schwollen an. „Am nächsten Tag kam Dr. Mengele und blickte auf die Fieberkurve. Und dann sagte er mit sarkastischem Lachen: ,Zu schade. Sie ist so jung. Und sie hat nur noch zwei Wochen zu leben.‘“

          Sie wusste, sagt sie, dass er Recht hatte. Doch sie schwor sich, alles zu tun, nur dass sie überlebte und Josef Mengele Unrecht behielte. Sie überlebte. Wie auch ihre Schwester. Wäre sie gestorben, sagt Eva Kor, wäre auch ihre Schwester mit einer Giftspritze ins Herz getötet worden, damit Mengele sie in der Autopsie hätte vergleichen können. Von den etwa 1500 Zwillingspaaren, die Mengele für seine Versuche benutzte, überlebten weniger als 250 Menschen, erzählt Kor auf Englisch, während ein Dolmetscher simultan übersetzt.

          Zuvor hatten die Richter mit der Vernehmung von Oskar Gröning fortgefahren, die sie gestern Nachmittag unterbrochen hatten. Gröning, hatte dessen Verteidiger am Dienstag vorgetragen, könne sich nach mehreren Stunden Vernehmung nicht mehr ausreichend konzentrieren. Das Alter setzt der Aufklärung Grenzen.

          An diesem Mittwoch versuchten die Richter, weiter zu ergründen, welche genauen Aufgaben Gröning im Lager verrichtete. Er war in der Eigentumsverwaltung der Gefangenen (GEV) zuständig, das Geld der ermordeten Juden zu verbuchen. Doch die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, an der Rampe von Auschwitz-Birkenau, an der die Eisenbahntransporte Menschen aus ganz Europa anlieferten, Dienst verrichtet zu haben. Nur dreimal habe er dort auf das Gepäck der Ankommenden aufgepasst, sagt Gröning. Aushilfsweise, denn zum Zeitpunkt der Fertigstellung der großen Rampe in Birkenau habe er schon einen höheren Dienstrang bekleidet, sodass er „nichts mehr bewachen musste“.

          Die Richter halten ihm Protokolle aus Vernehmungen vor, in denen er Ende der siebziger Jahre davon gesagt habe, bei der Ungarnaktion „mussten wir ständig anwesend sein“. Damals, sagt Gröning heute, habe er den Ermittlern nur die allgemeinen Abläufe erklären wollen. Er selbst habe im Sommer 1944 keine Wachdienste mehr übernehmen müssen. Dennoch, von diesen drei Rampendiensten, die er in Birkenau zugibt, spricht er und erzählt von den strengen Abläufen, die die „Abfertigung“ so vieler Menschen, wie er sagt, erst möglich machte.

          Für die Staatsanwälte ein wichtiges Detail, weil sie nachweisen wollen, dass er „wenigstens einen untergeordneten Beitrag“ zur Räumung der Rampe und zum Funktionieren der Abläufe bei der Vernichtung beigetragen habe. „In Birkenau“, sagt Gröning, „musste alles sehr penibel ablaufen.“ Seien drei Züge gleichzeitig gekommen, habe es turbulent zugehen können. „Der Ordnung wegen“, sagt Gröning emotionslos, „wurde gewartet, bis Zug eins abgefertigt war“.

          Bleibende Schäden

          Eva Kor dagegen erzählt, wie sie nach der Befreiung über Rumänien und Israel nach Amerika kam. Sie hatten überlebt, doch die Nieren ihrer Schwester wurden immer schlechter. Die Ärzte fanden heraus, dass Miriams Nieren nie über das Wachstum einer Zehnjährigen herausgekommen waren. Eva spendete ihr eine Niere. Doch Miriam starb am 6. Juni 1993 an Krebs. „Wir haben nie herausgefunden, was sie damals in unsere Körper injizierten“, klagt Eva Kor.

          Viele Fragen quälten sie noch immer, auf die sie nie eine Antwort fand. Aber, sagt sie, sie habe einen Weg gefunden, ihren Schmerz zu heilen: „Indem ich allen Menschen, die mir diesen Schmerz verursacht haben, vergebe.“ Dies, sagt sie, entbinde nicht davon, Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Aber sie vergebe auch ihm, Oskar Gröning.

          Der Angeklagte Oskar Gröning am zweiten Prozesstag in Lüneburg.

          „Wie empfinden Sie meine Vergebung für das, was Sie und alle Nazis getan haben?“, fragt Eva Kor in Richtung des Angeklagten. Doch dies geht in einem deutschen Strafprozess zu weit.

          Fragen an den Angeklagten, stellt Richter Kompisch klar, dürften nach der Strafprozessordnung bei einer solchen Erklärung nicht gestellt werden. Der Angeklagte selbst, Oskar Gröning, sitzt abwesend und zusammengesunken in seinem Stuhl. Er scheint die simultane Übersetzung gar nicht verstanden zu haben.

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