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Vier Jahre Haft für Gröning : Revision oder ein gerechtes Urteil?

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Ob der 94 Jahre Oskar Gröning tatsächlich haftfähig ist, muss noch geprüft werden. Noch ist das Urteil auch nicht rechtskräftig. Bild: dpa

Verteidigung und Anklage prüfen eine Revision des Urteils gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning. Hätten die jahrzehntelang verschleppten Ermittlungen zugunsten des 94-Jährigen berücksichtigt werden müssen? 

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          Nach dem Urteil im Lüneburger Auschwitz-Prozess prüfen Staatsanwaltschaft und Verteidigung, Revision einzulegen. „Wir werden das Urteil jetzt erst einmal prüfen“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover, Kathrin Söfker, am Mittwoch. Eine Revision sei nicht ausgeschlossen. Ähnlich äußerte sich die Verteidigung. Dies werde aber nur nach Rücksprache mit dem 94 Jahre alten Gröning geschehen, sagte dessen Anwalt Hans Holtermann. Anklage und Verteidigung hatten gefordert, dass die Verzögerungen der schon 1977 erstmals geführten Ermittlungen zugunsten Grönings berücksichtigt werden müssten. Das Gericht sah dafür laut dem Urteil aber keinen Anlass.

          Gröning war am Mittwoch vom Landgericht Lüneburg wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Er muss die Kosten des Verfahrens und die Auslagen für die Nebenklage tragen. Die Verteidiger hatten für ihren Mandanten einen Freispruch gefordert. Ob Gröning tatsächlich ins Gefängnis muss, prüft die Staatsanwaltschaft, sobald das Urteil rechtskräftig ist. Dies kann noch mehrere Wochen dauern und hängt von seinem gesundheitlichen Zustand ab. Gröning wirkte zuletzt körperlich angeschlagen. In Niedersachsen gibt es Haftplätze für ältere Menschen.

          Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren gefordert. „Das Gericht ist unserer Auffassung gefolgt, was die Feststellung der Schuld angeht“, sagte Staatsanwältin Söfker. Wegen der „rechtsstaatswidrigen Verfahrensverzögerungen“ hätten aus Sicht der Anklage jedoch bis zu 22 Monate Haft als bereits verbüßt gelten können, weil Gröning nicht schon sehr viel früher der Prozess gemacht worden sei. Gegen ihn war bereits 1977 ermittelt worden.

          Bei den Nebenklägern dagegen herrschte große Freude. „Ich bin erleichtert und sehr glücklich“, sagte ihr Anwalt Thomas Walther. Die Richter seien mit dem das Strafmaß der Ansicht der Nebenkläger gefolgt. „Es erfüllt uns mit Genugtuung, dass nunmehr auch die Täter Zeit ihres Lebens nicht mehr vor einer Strafverfolgung sicher sein können“, heißt es in einer öffentlichen Erklärung von Walther und weiteren Anwälten der Nebenklage. Das Urteil sei ein später Schritt hin zur Gerechtigkeit.

          Schuster: Verurteilung Oskar Grönings hat hohe Bedeutung

          Der Zentralrat der Juden in Deutschland und das Internationale Auschwitz Komitee haben den Schuldspruch gegen Gröning gewürdigt. Es sei sehr wichtig, dass ein NS-Täter zur Rechenschaft gezogen werde, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster in Berlin. „Die Versäumnisse der deutschen Justiz, die solche Verfahren jahrzehntelang verschleppt oder verhindert hat, lassen sich damit zwar nicht mehr gut machen“. Dennoch habe die Verurteilung Grönings für die Opfer und ihre Angehörigen eine hohe Bedeutung.“  

          Der Jüdische Weltkongress (WJC) erklärte, es sei richtig, dass Gröning zu einer Haftstrafe verurteilt worden sei. Laut WJC-Präsident Ronald S. Lauder sei „obgleich verspätet, Gerechtigkeit geschehen“. Er fügte hinzu: „Herr Gröning war nur ein kleines Rädchen in der Nazi-Todesmaschinerie, aber ohne das Zutun von Leuten wie ihm wäre der Massenmord an Millionen von Juden und anderen nicht möglich gewesen.“ Gröning müsse zwar möglicherweise seine letzten Jahre in Haft verbringen. „Aber das ist eine geringe Strafe im Vergleich zu den unbeschreiblichen Verbrechen, zu denen er beigetragen hat.“ Im WJC sind jüdische Gemeinden aus aller Welt zusammengeschlossen.

          Gelitten unter der Last seiner Schuld: Oskar Gröning mit seiner Anwältin vor der Urteilsverkündigung durch die Lüneburger Richter an diesem Mittwoch.
          Gelitten unter der Last seiner Schuld: Oskar Gröning mit seiner Anwältin vor der Urteilsverkündigung durch die Lüneburger Richter an diesem Mittwoch. : Bild: dpa

          Während des Prozesses habe Gröning „wenigstens“ eine moralische Mitschuld eingestanden, sagte Zentralratspräsident Schuster. Auch habe das Verfahren der Gesellschaft nochmals die Shoah-Verbrechen vor Augen geführt und „gezeigt, dass die Opfer noch Jahrzehnte später unter den Folgen leiden.“ Dies sei ein wichtiger Beitrag für den Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Er hoffe nun, dass sich noch weitere NS-Täter vor Gericht verantworten müssen.

          Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, hat das Strafmaß gegen Gröning als zu milde kritisiert. „Angemessen wäre ein lebenslanges Urteil“, sagte Heubner der Nachrichtenagentur dpa. Der Prozess sehr aber wichtig gewesen, „weil er einen Angeklagten gezeigt hat, der mit seinem letzten Wort doch noch realisiert hat, dass das Mitmachen bei diesen Morden eine große Schuld war, die ihn sein Leben lang begleitet hat“.

          In dem Prozess stecke eine große provokative Frage: „Wie verhalten wir uns in Situationen, in denen Menschen verfolgt und bedroht werden - unsere Hilfe und unseren Schutz suchen?“ Die Menschen könnten sich vor Augen führen, „wie leicht man zum Mitmacher und Mitläufer wird, wenn man seine Aufmerksamkeit nicht gegen die eigene Gleichgültigkeit richtet“, sagte Heubner.

          Ehemaliger SS-Mann : Vier Jahre Haft für Auschwitz-Buchhalter Gröning

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