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Auschwitz-Prozess : „Ich habe mich moralisch schuldig gemacht“

Bild: dpa

In Lüneburg wird gegen einen ehemaligen SS-Mann verhandelt, der das Geld der Menschen verwaltete, die in Auschwitz in die Gaskammern geschickt wurden. Eine moralische Schuld hat er zugegeben. Aber ist er auch juristisch schuldig?

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          Dass dies kein normaler Prozess ist, wurde schon durch die Örtlichkeit klar. Das Landgericht Lüneburg hatte eigens die Ritterakademie angemietet, einen Veranstaltungssaal am Rande der Altstadt. Im alten Gerichtsgebäude fand sich schlicht kein Saal, der dem erwarteten Andrang gerecht wurde. Journalisten aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Israel, Russland, Ungarn und anderen Ländern wurden erwartet. In den Straßen um die Ritterakademie parkten Übertragungswägen, Kamerateams aus aller Welt warteten auf dem Bürgersteig. Immer wieder musste die Polizei den Verkehr sperren, wenn sich die Traube der wartenden Zuhörer und Journalisten auf die Straße schob. Mehrmals bildete sich plötzlich eine Gasse, um eine resolute alte Dame mit ihrem Rollator in den Saal zu lassen. Sofort scharten sich Fotografen und Kameramänner um die Damen. Sie sind die Nebenklägerinnen, die Überlebenden aus Auschwitz.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          In Lüneburg steht der frühere SS-Mann Oskar Gröning vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Hannover wirft ihm Beihilfe zum Mord vor, in mindestens 300.000 Fällen. Gröning war mehr als zwei Jahre in Auschwitz, er war anwesend, als Hunderttausende Menschen getötet wurden. Er war in der Gefangeneneigentumsverwaltung tätig und sortierte die Hinterlassenschaften der Ermordeten. Das Landgericht muss nun darüber urteilen, ob er sich der Beihilfe zum Mord auch strafrechtlich schuldig gemacht hat.

          Der Angeklagte Gröning kommt kurz vor Beginn der Verhandlung durch einen Eingang an der Stirnseite des Saals. Auch er geht am Rollator, tief gebeugt. Bei den Wachtmeistern, die ihm zwei kleine Stufen herunterhelfen bedankt sich der 93 Jahre alte Gröning freundlich. Dann setzt er sich auf den Platz des Angeklagten und blickt in Richtung der Kamerateams und Fotografen.

          Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch wendet sich zu Beginn der Verhandlung mit einigen Worten an die Beteiligten und Zuhörer. Dies sei kein einfaches Verfahren, sagt er. Es sei ein Verfahren, das Aufmerksamkeit erregen und Emotionen freisetzen werde. „Dennoch bitte ich zu beachten, dass es sich nur um ein Strafverfahren handelt, indem das zentrale Element die strafrechtliche Aufklärung sein wird.“

          Wie diese bei einem Menschheitsverbrechen wie dem Holocaust funktioniert, wird gleich bei der Verlesung der Anklage offenbar. Der Hannoveraner Staatsanwalt Jens Lehmann listet auf, dass in Auschwitz mindestens 900.000 Menschen interniert und nach ihrer Ankunft getötet wurden. Die Ermordung „erfolgte meist mittels Vergasung“. Nicht-Arbeitsfähige, führt Lehmann weiter aus, „geleitete man unter der Vorspiegelung, es gehe zum Baden, in die Gaskammern“. Die Täuschung sei durch Schilder an den Gaskammern erfolgt und durch die Aussagen der Wachmänner.

          Schon in den achtziger Jahren gesprochen

          Diese Details sind wichtig, denn die Staatsanwälte müssen dem Angeklagten Beihilfe zum Mord nachweisen, da alle anderen Straftaten verjährt sind. Mordmerkmale sind etwa Heimtücke, die Grausamkeit der Tötung, Rassenhass: „Die Opfer waren durch die Täuschung arg- und wehrlos, als sie in die Gaskammern geführt wurden“. Dann beschreibt er den Vergasungsvorgang, wie Zyklon B wirkt und wie es sich langsam in den Gaskammern ausgebreitet haben muss, dass die Opfer in einem Todeskampf umkamen. Allen war klar, sagt Lehmann, dass die Menschen nur wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder zu einem Glauben getötet wurden.

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